Frauenpower

 

Seit 2010 bereichert die Berliner Operngruppe e.V. einmal jährlich das Musikleben der Hauptstadt um die halbszenische Aufführung einer Opernrarität – zumeist aus dem Belcanto-Repertoire oder dem Komplex der Frühwerke Verdis. Der Gründer und künstlerische Leiter des Unternehmens Felix Krieger garantiert seit Jahren ein hohes Besetzungsniveau, was Berlins Opernfreunde mit wachem Interesse und begeisterter Zustimmung aufnehmen. Man erinnert sich noch an den glänzenden Stiffelio im Vorjahr, dem nun die Giovanna d’ Arco von 1845 folgte. Sie ist Verdis siebente Oper und zählt noch in die Reihe der Werke aus den „Galeerenjahren“ des Komponisten, in denen er wegen vertraglicher Verpflichtungen ein bis zwei Opern pro Spielzeit liefern musste. In Berlin gab es bislang nur eine einzige Aufführung – 1941 im Theater des Westens (der damaligen Volksoper) in deutscher Sprache.

Der Abend des 5. 3. 2018 im Konzerthaus geriet dank der szenischen Einrichtung von Isabel Ostermann, die den Sängern einzelne beschreibende Attribute zuordnete, in die Nähe einer Aufführung voller Spannung und Lebendigkeit. Alle Solisten agierten gemessen auf dem Podium und sangen ihre Partien auswendig – keiner schaute in die Noten oder klammerte sich am Pult fest (wie kürzlich in der Arlesiana an der Deutschen Oper).

Felix Krieger hatte das musikalische Geschehen souverän in der Hand, sorgte schon in der Sinfonia für ein differenziertes Klangbild vom düsteren Tremolo der Streicher bis zum pompösen Marsch-Thema. Er führte die Sänger sicher, wusste die Ensembles wirkungsvoll zu steigern und die vier Finali als angemessene Höhepunkte herauszuarbeiten. Höchst erfreulich – nach ihrer glänzenden Lina im Stiffelio 2017 – war die Wiederbegegnung mit der mexikanischen Sopranistin Maria Katzarava in der Titelrolle. Im schwarzen Gewand mit silbernem Metallschmuck war sie optisch eine ideale Verkörperung der kämpferischen Jungfrau und die furiose, wild auffahrende Stimme führte sie fast in die Nähe eines Schlachtweibes à la Abigaille oder Odabella.  Neben der vehementen Attacke stand ihr aber auch die innige Lyrik zu Gebote (so im Gebet „Sempre all’alba“), wiederum gefolgt von entschlossenen, robust herausgeschleuderten Tönen im Finale des Prologes (bzw. 1. Aktes nach der Berliner Gliederung). Inbrünstige Klänge hörte man in der Romanze „O fatidica foresta“, die den Konflikt der Figur zwischen Liebe und patriotischer Pflicht plastisch widerspiegelten. Und wieder geriet eines von jenen bewegenden Vater/Tochter-Duetten Verdis im letzten Akt zum unvergesslichen Moment – ein inniger Zwiegesang, der in einen jubelnden, patriotischen Hymnus übergeht. Mit einer Marcia funebre wechselt danach jäh die Stimmung – die im Kampf tödlich verwundete Giovanna schwingt sich im letzten Gesang auf zu entrückten, verklärten Tönen. Katzarava (auf der Chor-Empore) und ihren Partnern gelang  hier ein denkwürdiges Finale.

Es waren der Tenor Luciano Ganci als König Carlo und der Bariton Alfredo Daza Giovannas Vater Giacomo. Letzterer ist ein gern gesehener Gast bei der Berliner Operngruppe und präsentierte hier bereits seine dritte Rolle. Die resonante, reizvoll körnige Stimme mit schönem Volumen verfügt über Nachdruck, auch grimmige Einfärbung, aber gleichermaßen die weiche Kantilene. Das Gebetbuch in der Hand trägt er als Schutz vor bösen Geistern mit sich und in seinen Ängsten glaubt er auch Giovanna mit diesen im Bunde.  Der Schmerz darüber äußert sich in einer inbrünstigen Arie („Franco sono io“), die Dazas lyrische Qualitäten wirkungsvoll herausstellte.

Ein Ereignis war der Auftritt des römischen Tenors Ganci, der seinen Auftritt unnötigerweise im Zuschauerraum absolvieren musste. Aber sogleich war man gefangen von seinem klangvollen, heroisch-metallischen Tenor mit potenter Höhe und emphatischem Ausdruck. Davon profitierte die Kavatine „Sotto una quercia“, von stürmischer Attacke die nachfolgende Cabaletta. Krone und Schwert trägt er als königliche Attribute, nach der Krönung in der Kathedrale einen blauen Samtumhang mit Hermelinbesatz. In betörenden Klang tauchte er seine letzte Romanze „Quale più fido amico“, die eine von Verdis unvergänglichen Kantilenen  bereithält. Solide ergänzten die Besetzung der junge Bassist David Ostrek als Oberbefehlshaber der Engländer, Talbot, und der Tenor Andrés Moreno García als königlicher Offizier Delil. Der Chor der Berliner Operngruppe (Einstudierung: Steffen Schubert) überzeugte sowohl in der machtvollen Introduzione als auch der pompösen Gran marcia trionfale und der schwer lastenden Marcia funebre.

Großer Jubel  am Ende und die Hoffnung, im nächsten Jahr vielleicht Ernani erleben zu dürfen, der lange nicht in Berlin zu hören war. Erwähnenswert sind die Sponsoren der Produktion – vor allem Bertelsmann mit dessen Archivio Storico Ricordi. Bernd Hoppe