Ein Isländer in Berlin

 

Der aus Island stammende junge Tenor Benedikt Kristjánsson ist kein Unbekannter mehr. Mit Bach tourt er durch Deutschland, Europa und inzwischen weit darüber hinaus. Verpflichtungen führten ihn ins Konzerthaus Wien, zur Chapelle Royal in Versailles, in die Walt-Disney-Hall in Los Angeles und in den Concertgebouw Amsterdam. Er arbeitete mit zahlreichen Orchestern zusammen – darunter die Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die Gaechinger Cantorey, die Hofkapelle München, die Nederlandse Bachverening, die Akademie für Alte Musik Berlin und das Freiburger Barockorchester. Er sang auch an der Staatsoper in Berlin, im Theater Kiel und im Staatstheater Braunschweig. Bei diversen Festivals wie dem Musikfest Stuttgart, den Thüringer Bach-Wochen, den Händefestspielen in Halle und beim Festival Oude Muziek in Utrecht ist sein Name auf Besetzungszetteln zu finden. Es hat den Anschein, als finde er mit Barockmusik das Zentrum der klug geplanten Karriere. Und es ist an der Zeit, dass sich eine Firma seiner annimmt und eine der Bachschen Passionen auf CD herausbringt.

Benedikt Kristjánsson lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin, wo er auch regelmäßig auftritt. Das Foto oben ist ein Ausschnitt aus diesem Porträt, das uns der Sänger freundlicherweise zur Verfügung stellte. Foto: Antje Jandrig / website

Obwohl die Stimme zart und empfindsam, wenn nicht gar empfindlich wirkt, steht er die gewaltige Aufgabe beispielsweise in der Johannespassion – neben dem wortreichen Evangelisten auch noch vier Arien und ein Arioso – ohne jede Ermüdungserscheinung durch. Dabei erweckt er nicht den Eindruck, besonders ökonomisch vorgehen zu müssen, sich die Partie geschickt einzuteilen, hier etwas zu sparen, dafür an anderer Stelle zuzugeben. Kristjánsson ist immer zu hundert Prozent bei der Sache, bis zum letzten Ton. Seine Stärke ist neben dem unverwechselbaren jugendlichen Timbre, die Sicherheit in der Beherrschung der Partien. Er hat sie bis zum Perfektionismus studiert. So gut studiert, dass auch alle Besonderheiten und Eigenwilligkeiten der Sprache bewahrt bleiben. Nichts verwischt oder versinkt im Unbestimmten. Deutlichkeit wird zu dem, was sie sein soll und muss – nämlich Deutung. Obwohl er beim Singen in Konzerten kaum einen Blick in die Noten zu werfen braucht, hat er sie meist vor sich. Das ist ein schöner Brauch und Ausdruck des Respekts vor dem, was der Komponist niedergeschrieben hat. Er verfügt über eine sehr biegsame  Stimme mit festem Sitz. Sein Vortrag ist stilistisch makellos – und tief im Ausdruck, auf den er sich deshalb so konzentrieren kann, weil ihn keine technischen Probleme plagen. So ein Ebenmaß ist selten. In Händels Messiah hat der Tenor aus dem Stand die ersten Töne nach der einleitenden Symphony zu singen: „Comfort ye“. Kristjánsson lässt den ersten Ton so unmerklich anschwellen, dass es den Zuhörern zu Herzen geht. Ist diese heikle Stelle bewältigt, nimmt das Werk was wie von selbst Fahrt auf.

Benedikt Kristjánsson ist in Húsavík in Island geboren. Erst sechzehn Jahre alt, erhielt er seinen ersten Gesangsunterricht bei seiner Mutter Margrét Bóasdóttir an der Reykjavík Akademie für Gesang. Er war Mitglied und Solist in dem renommierten Jugendchor „Hamrahlioarkórinn“ unter der Leitung von Thorgerdur Ingolfsdottir und studierte schließlich bei dem auf Bach spezialisierten amerikanischen Tenor Scot Weir an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin. Meisterkurse belegte er bei Peter Schreier, Christa Ludwig, Elly Ameling, Robert Holl, Andreas Schmidt und Helmut Deutsch. Kristjánsson ist ein 1. Preisträger des Internationalen Gesangs-Wettbewerbs cantateBach in Greifswald und ein Publikumspreisträger des Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig. Rüdiger Winter stellte ihm Fragen.

 

Sie stammen aus Island und leben derzeit in Berlin. Island hat 300 000 Einwohner, Berlin 3,5 Millionen. Warum also Berlin, wo es sehr eng und laut ist? Natürlich vermisse ich die isländische Natur sehr. Aber ich bin erstmal nach Berlin gekommen, um zu studieren, und ich bin in der Stadt geblieben, weil ich hier natürlich viel bessere Auftrittsmöglichkeiten habe als in Island. Berlin ist manchmal eng und laut, aber trotzdem eine wunderbare Stadt.

 

Benedikt Kristjánsson singt auch gern Volkslieder seiner isländischen Heimat – hier ein Screenshot aus einem Video auf seiner Website

Wir Deutschen wissen viel zu wenig über isländische Musik. Zuerst denken wir immer an Björk. Wie kann sich das ändern? Das muss sich gar nicht ändern! Björk finde ich ganz großartig. Ich hatte einmal das Vergnügen, mit ihr zu arbeiten. Sie hat ein paar Songs arrangiert für Kammerchor, Orgel und Beatboxer. Wir haben diese Titel dann für das isländischen Fernsehen aufgenommen. Sie ist eine tolle Person. Aber zurück zu der Frage. Ich hoffe sehr, dass die Deutschen die isländischen Volkslieder kennenlernen werden, wenn sie meine CD hören, die im April 2019 herauskommt. Sie erscheint beim Label Genuin. Zu hören ist ein Programm wie ich es schon beschrieben habe: Isländische Volkslieder a Capella gesungen, verbunden mit Liedern von Franz Schubert.

Auf Ihrer Homepage gibt es bereits interessanten Clip. Auf ein isländisches Volkslied folgt ohne Pause „Du bist die Ruh“ von Schubert. Es ist, als würden beide Lieder zusammengehören. Empfinden Sie das auch so? Ja, ich habe tatsächlich versucht, die Lieder zu verbinden. Die Texte passen gut zusammen, und die Tonarten auch. Das Volkslied erklingt in der Phrygischen Kirchentonart, wo der Grundton „Es“ ist. Das Schubert Lied „Du bist die Ruh“ erklingt dann in Es-Dur. Somit ist der erste Es-Dur-Klang in dem Schubert Lied eine Art „Auflösung“ von der Kirchentonart. So ist es zumindest gedacht.

 

Sie nahmen an Meisterkursen mit bedeutenden Sängern teil. Was haben Sie von Peter Schreier gelernt, der hier in Deutschland noch immer sehr verehrt wird? Ich habe schon sehr viel von Peter Schreier gelernt, bevor ich die Ehre hatte, ihn persönlich kennenzulernen. In Vorbereitung meines ersten Evangelisten in der Johannespassion von Bach habe ich alles mir alles genau angehört, was er gemacht hat. Ich finde, dass er einen ganz neuen Maßstab gesetzt hat mit seiner Interpretation des Evangelisten. Als ich an seinem Meisterkurs teilnahm, war er eigentlich sehr zufrieden mit mir, und das war für mich natürlich ein sehr schönes Gefühl. Es handelte sich um einen Liedkurs. Und als ich das Lied „Neue Liebe“ von Felix Mendelssohn gesungen habe, hatte ich etwas Angst vor einem hohen Ton. Das hat Schreier natürlich gleich bemerkt, und mir gesagt: „Es muss ja nicht alles schön klingen!“ Dadurch hat er mir Mut gemacht und ich konnte den Ton dann ohne Angst singen, und wahrscheinlich genau so, wie er es haben wollte.

 

Peter Schreier hat sich nie auf ein Genre festgelegt – und dirigierte sogar. Oper, Lied und Oratorium gehörten für ihn zusammen. Wie ist das bei Ihnen? Ja, das sehe ich auch so. Aber jede Stimme ist anders, und ich denke, dass meine Stimme begrenzter ist als die von Schreier. Er hat in seine Karriere Bach, Mozart und sogar Wagner gesungen. Ich komme mit Bach sehr gut klar, und bei Mozart stellt sich schon die stilistische Frage, ob meine Stimme die richtige dafür ist dafür? Und die Wagner-Opern werde ich höchstwahrscheinlich nur als Zuhörer genießen. Ich habe in meinem Heimatland ein kleines Bach-Kantaten-Projekt gestaltet, bei dem ich singe und dirigiere. Das machte mir sehr viel Spaß, und ich kann mir schon vorstellen, in der Zukunft mehr solche Sachen zu machen.

 

Wird es nicht Zeit für eine neue Rolle auf der Opernbühne? Doch. Letztes Jahr konnte ich zwei Haute-Contre-Rollen singen, und ich fühlte mich da sehr wohl. Deshalb möchte unbedingt in diese Richtung weiterarbeiten. Eine Traumrolle ist Platée von Rameau. Irgendwann muss ich auch einen Tamino ausprobieren …

 

Als Schäfer Acis in Händels Acis und Galetea bei den dem Komponisten gewidmeten Festspielen in Halle. Das Foto entnahmen wir mit Dank von der Website des Sängers, wo auch ein filmischer Ausschnitt zu sehen ist: www.kristjansson-tenor.com

Als ich Sie in der Johannespassion von Bach hörte, ist mir aufgefallen, wie genau Sie singen. Sie treffen auf Anhieb jeden Ton. Ist das Begabung oder nur harte Arbeit? Ich denke, es ist immer eine Mischung von beiden. Ich habe eine klare Stimme, und mir fällt es leicht, ohne Vibrato zu singen. Das sind Eigenschaften, die für den Evangelisten sehr wichtig sind, weil es dort sehr viel um die Textverständlichkeit geht. Mein Traum als Sänger war es immer, den Evangelisten zu singen – und insofern arbeite ich natürlich sehr viel daran, es so gut zu machen wie es mir möglich ist, und versuche mich immer weiter zu verbessern.

 

Sie sind stets sehr gut zu verstehen – ein Vorzug, der nicht bei allen Sängern anzutreffen ist. Ihr Deutsch ist makellos. Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt? Vielen Dank, das freut mich zu hören. Ich war als Kind ein Jahr auf der Grundschule in Heidelberg und habe in diesem Jahr sehr gut Deutsch gelernt. 2008 begann ich mein Studium in Berlin und wohne nun fast seit elf Jahren in dieser Stadt. Normalerweise ist die Musik auf den Text geschrieben und nicht umgekehrt. Deswegen finde ich es gerade sehr wichtig, den Text so gut auszusprechen, dass man ihn auch versteht. Natürlich gibt es nicht nur den einen richtigen Weg, den Text zu verstehen. Wenn ich aber einen Text selbst vollkommen verstehe, dann kann ich ihn auch den durch meinen Gesang für andere verständlich machen. Daran glaube ich.

 

Haben Sie musikalisch Vorlieben? Was hören Sie, wenn sie nicht singen? Zu Hause oder unterwegs vom Smartphone? Wenn ich nicht etwas höre, was ich gerade für die Arbeit vorbereiten muss, dann höre ich zum Beispiel Frank Sinatra, Nat King Cole oder die King’s Singers. Ich höre auch immer gerne Aufnahmen von Fritz Wunderlich.