Celibidache: frühe Jahre in Berlin

 

 

Archiv Berliner Philharmoniker

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Ein Kompendium klingender Musik- und Nachkriegsgeschichte

Als Dirigent prägte Sergiu Celibidache das Musikleben der vom Krieg gezeichneten Metropole Berlin wie kaum ein anderer. Die überwiegend bislang unveröffentlichten Tondokumente dieser Edition zeichnen erstmals ein umfassendes Bild des Dirigenten aus den Jahren 1945 bis 1957. Intensive  Recherche förderte diese Zeitdokumente, die neue Eindrücke des legendären Dirigenten vermitteln, zu Tage. Anders als in Celibidaches späten elegisch-lyrischen Interpretationen zeigt er in diesen Aufnahmen eine jugendlich-ungestüme Seite. Aber auch seine weitere Entwicklung ist bereits hörbar angelegt, wie die Chopin-Aufnahme mit Raoul Koczalsky beispielhaft zeigt. Das Stampfen und Singen des Dirigenten in der unvollständigen Studioaufnahme von Beethovens Siebter hingegen belegt überdeutlich sein feurig-stürmisches Temperament. Diese Aufnahme liegt als Bonus-CD bei.

Die audite-Edition beruht ausschließlich auf zertifizierten Tondokumenten, d.h. Originalbändern, die heute im Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) und dem Deutschen Rundfunkarchiv Babelsberg (DRA) aufbewahrt werden. Nicht berücksichtigt wurden Fragmente und Bänder, deren technischer Zustand  keine Veröffentlichung zulässt, sowie nicht-lizensierte on-air-Kopien des Grauen Marktes (z.B. Schostakowitsch 7. Sinfonie). Ausführliche editorische Hinweise, auch zu teilweise fehlenden Takt- oder Satzteilen auf den Originalbändern, finden sich im Booklettext.

Zur Entstehungsgeschichte von Celibidaches frühen Berliner Rundfunkaufnahmen

Archiv Berliner Philharmoniker

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Sergiu Celibidache hat in seinen Berliner Jahren bis 1954 mit drei Berliner Orchestern konzertiert und mit ihnen Studioproduktionen eingespielt. Die Geschichte der Entstehung dieser Aufnahmen und ihrer Überlieferung ist nicht ohne die politischen Wirren der Nachkriegsjahre denkbar. Während Celibidaches Zeit bei den Berliner Philharmonikern dank akribischer Recherchen gut dokumentiert ist, liegt sein Wirken im Ost-Berliner Sektor 1945 bis 1948 mangels zugänglicher Dokumente noch weitgehend im Dunkeln. Celibidache und das RIAS-Symphonie-Orchester bzw. Radio-Symphonie-Orchester Berlin Am übersichtlichsten ist der Blick auf Celibidaches Zusammenarbeit mit dem RIAS Symphonie-Orchester, das ab Mitte 1956 als Radio-Symphonie-Orchester Berlin neu  gegründet wurde und seit 1993 den Namen Deutsches Symphonie-Orchester Berlin trägt. Nur drei Konzertprogramme hat er mit diesem Orchester realisiert. Das erste Konzert vom 17., 18. und 20. Oktober 1948, ein reines GershwinProgramm, wurde vom RIAS übertragen. Der Mitschnitt der  Rhapsody in Blue ist erhalten [audite 21.406]. Vom zweiten Konzert im März 1949, ebenfalls vom RIAS gesendet, wurden die Bänder schon bald darauf gelöscht. Doch das dritte Konzert, das Festkonzert zu Heinz Tiessens 70. Geburtstag am 7.10.1957, wurde sowohl vom RIAS als auch vom Sender Freies Berlin (SFB) übertragen. Die drei Werke von Tiessen sind ebenfalls in der erwähnten audite-Edition veröffentlicht, ein Sonderfall hingegen ist der Mitschnitt von Beethovens Siebter Symphonie. Celibidaches überdeutliches Mitsingen, Stampfen und Schreien haben sicherlich dazu geführt, dass das Originalband des RIAS in den 1960er Jahren gelöscht wurde. (Was uns heute unverständlich erscheinen mag, sollte nicht zu streng beurteilt werden, denn damals spielte der dokumentarische Aspekt einer solchen Aufnahme keine große Rolle, im Gegensatz zum Gebrauchswert für den täglichen Sende einsatz). Zum Glück ist aber ein Fragment des SFB-Bandes überliefert, welches hier zum ersten Mal veröffentlicht wird.Celibidache und das Rundfs Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin war damals (bis Anfang der 1950er Jahre) beheimatet im Haus des Rundfunks in der Charlottenburger Masurenallee, dem Standort des Berliner Rundfunks. Der unter der Kontrolle der sowjetischen Militäradministration stehende Sender wurde 1949 der erste Radiosender der DDR. Erst im Herbst 1952 zog er in den neu errichteten Standort in der Nalepastraße im Ost-Berliner Stadtteil Oberschöneweide. Etwa ein Dutzend Aufnahmen Celibi daches mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin haben die Zeiten überdauert, neun davon sind in dieser Edition enthalten. Bei dem Rest handelt es sich um einzelne Sätze aus größeren Werken, bzw. um Aufnahmen, die wegen mangelnder technischer Qualität nicht für eine Veröffentlichung geeignet erschienen. Nicht alle Bänder sind datiert, doch ist zu vermuten, dass es sich durchweg um Produktionen im Haus des Rundfunks handelt, die zwischen Juli und Oktober 1945 entstanden sind. Nur das zweite Klavierkonzert von Chopin mit Raoul Koczalski ist drei Jahre später eingespielt worden.

Nach der Wende wurde der gesamte Bestand an Tondokumenten der DDR-Rundfunkanstalten, darunter auch diese Produktionen Celibidaches mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Teil des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) mit Sitz in Babels berg. Für eine mehrteilige Sendereihe Anfang  der 1990er Jahre kamen Kopien dieser Bänder zum SFB, die im heutigen rbb aufbewahrt werden. (Für diese Edition wurde immer auf die Originalbänder des DRA zurückgegriffen).

Celibidache und die Berliner Philharmoniker

Ab Ende August 1945 leitete Celibidache Konzerte der Berliner Philharmoniker und wurde bereits am 1. Dezember des Jahres zum Künstlerischen Leiter des Orchesters berufen. In den darauffolgenden Jahren, insbesondere 1946 und 1947, stand er in den allermeisten Konzerten der Berliner Philharmoniker am Pult. Viele der damaligen Konzertprogramme wurden mindestens zwei Mal gespielt, einmal im Westsektor der Stadt, zum Beispiel im Steglitzer Titania-Palast, und tags darauf im Ostsektor, häufi g im Haus des Rundfunks oder im Admiralspalast. Da der (Westberliner) Sender RIAS einen eigenen Klangkörper aufbaute, das RIAS-Symphonie-Orchester, konnte der (Ost-)Berliner Rundfunk die Berliner Philharmoniker zu Produktionen im Haus des Rundfunks verpfl ichten. Praktisch alle Aufnahmen der Berliner Philharmoniker in dieser Edition, die bis zum Sommer 1947 realisiert wurden, sind als Studioproduk tionen im Haus des Rundfunks entstanden. Das Ziel war die Bildung eines Programmvermögens für Sendezwecke.

Diese Situation änderte sich grundlegend im folgenden Jahr 1948. Die Spannung zwischen den politischen Blöcken eskalierte und führte zur Berlin-Blockade, mit der am 24. Juni 1948 der Westteil der Stadt abgeriegelt und von den amerikanischen Verbündeten über die Luftbrücke versorgt wurde. Den Berliner Philharmonikern wurde von der amerikanischen Militärregierung fortan untersagt, in Veranstaltungen des Berliner Rundfunks mitzuwirken und im Ostsektor der Stadt aufzutreten. Die Konzerte der Berliner Philharmoniker wurden nun vom RIAS übertragen (die Celibidache-Einspielungen der RIAS-Edition [audite 21.406] beginnen im Oktober 1948). Zusätzlich zum RIAS war im August 1946 am Heidelberger Platz in Berlin-Wilmersdorf der NWDR Berlin auf Sendung gegangen. Der NWDR, der später in die zwei Landesrundfunkanstalten WDR und NDR aufgeteilt wurde, nutzte das Berliner Studio für Berichte aus Berlin und aus der ‘Zone’. Mindestens einmal noch ging Celibidache nach Ostberlin für die Produktion von Chopins zweitem Klavierkonzert mit Raoul Koczalski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin am 25. September 1948. Sämtliche erhaltenen und in vorliegender Edition dokumentierten Aufnahmen Celibidaches mit den Berliner Philharmonikern aus den Jahren 1948 bis 1950 sind Studioproduktionen des NWDR Berlin aus der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche. Zum Teil wurden komplette Konzertprogramme nachproduziert, etwa das amerikanische Programm vom 4.4.1950 (Barber, Copland, Diamond und Piston) oder das Konzert vom 7.12.1950 (Chávez, Genzmer und Raphael). Aus heutiger (und aus ökonomischer) Sicht höchst erstaunlich ist die Tatsache, dass das Konzertprogramm vom 7. Dezember einen Tag später, am 8. Dezember in der Jesus-Christus-Kirche vom NWDR produziert wurde, und noch einmal am 9. Dezember vom RIAS, wiederum in der Jesus-Christus-Kirche!In den Jahren 1951 und 1953 ging der NWDR für Produktionen mit seinem Aufnahmestab in den Gemeindesaal Thielallee in Berlin-Zehlendorf, vielleicht weil der RIAS und die Deutsche Grammophon sich die Produktionstermine in der JesusChristus-Kirche teilten, und der NWDR sich daher einen Ausweichort suchen musste. Ende 1954 wurde der NWDR Berlin eingestellt und in den neu gegründeten SFB, den Sender Freies Berlin, überführt. Nach 1953 haben die Berliner Philharmoniker, auf Initiative ihres neuen Chefdirigenten Herbert von Karajan, nur noch Schallplatten und CDs eingespielt, aber – mit ganz wenigen Ausnahmen – keine Rundfunkproduktionen mehr. (Live-Konzerte der Berliner Philharmoniker werden bis heute im Rundfunk übertragen). (Mit Dank an Sabine Wiedemann/audite, die auch die seltenen Fotos aus dem Bestand der Berliner Philharmoniker ermöglichte)

Celibidache: The Berlin Recordings (1945 – 1947) – Berliner Philharmoniker, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Sergiu Celibidache, Dirigent
(12 CD-Box + Bonus-CD  aud. 21423)

 

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Vielleicht ist dies der geeignete Ort, an eine DVD von „Celi“ zu erinnern, die kürzlich bei Arthaus herauskam: Celibidache dirigiert Bruckners Messe in f-Moll in St. Florian mit seinem späteren Stammorchester, den Münchner Philharmonikern. Es singen zudem Margaret Price und Doris Soffel, Peter Straka, Matthias Hölle und Hans Sotin neben dem Münchner Philharmonischen Chor – das Ganze von 1993. Angehängt ist als Bonus ein Kuriosum: Celibidaches Besuch in Moskau anlässlich einer Staatsbesuches mit den Müncher Philharmonikern, ein seltenes Dokument. Bruckner ist ein Film von Jan Schmidt-Garé für das Fernsehen. (101678) G. H.