Die Zürcher Liaison

Dreißig mal dreißig Zentimeter, weiße Schrift auf rotbraunem Karton. Sehr fein und repräsentativ. Ein raumgreifendes Format, das sich schwer unterbringen lässt. Das ideale Geschenk also für einen Wagnerfreund. Der kann sich freuen. Ich hätte mich gefreut. Zumal mir nicht in Erinnerung ist, dass es so etwas schon einmal gab – das Hörspiel It must be so und das Hörbuch Eine Liaison in Zürich. Beide Produktionen entstanden bereits zum 200. Geburtstag Richard Wagners im Jahre 2013. Jetzt finden sie sich zusammengefügt in eben dieser gediegenen Box, die bei der Crossmedia AG Zürich (harmonia mundi) erschienen ist. (ISBN 978-3-9524329-0-7). Wagner in Zürich – das ist eine weitläufige Geschichte, in der nicht nur Mathilde Wesendonck eine Hauptrolle spielt, sondern auch ihr Gatte Otto, der den heimatlosen Komponisten großzügig unterstützte. Wesendonck wurde am 16. März 1815 – wie seine Frau und übrigens auch der Dirigent Hans Knappertsbusch – in Elberfeld, heute eine Stadtteil von Wuppertal, geboren. 2015 jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal.

1-Wagner - Liaison in ZürichZeit muss man mitbringen für das gewaltige Geschenk. Es soll ja nicht einfach abgelegt werden und das Schicksal mancher Bildbände über Rembrandt oder die Karpaten teilen, die nur geblättert ungelesen im Regal verschwinden. Die sieben CDs wollen gehört sein. Nebenbei wie mit der Kleinen Nachtmusik geht das nicht. Man muss sich schon hinsetzen, genau zuhören können, sich einlassen, vielleicht auch dieses und jenes Nachschlagewerk in Reichweite haben. Ich fühlte mich ein bisschen in die Zeit zurückversetzt, als es noch kein Fernsehen gab und die ganze Familie sich am Abend vor dem Radioapparat einfand. Und man muss auch etwas Bescheid wissen. Es fliegen einem in dem umfänglichen Hörspiel von Jens Neubert, der auch die Regie führt, Namen der bedeutenden und weniger bedeutenden Menschen aus Wagners Umkreis nur so um die Ohren. Nicht immer ist auf Anhieb zu erkennen, wer nun wer ist.

Richard Wagner ist noch immer allgegenwärtig - als Büste im Park - Foto: Winter

Wagner ist als Büste im Park noch immer allgegenwärtig/ Foto: Winter

Wagner wird von André Eisermann gesprochen. Der ist gut herauszuhören. So sehr ich Eisermann schätze, mit seiner Besetzung wurde eine Chance vertan. Wagner sprach bekanntlich ein derbes Sächsisch. Oft ist das beschrieben worden, sehr genau von Alfred Pringsheim, dem Kunstmäzen, Mathematiker, Förderer der Bayreuther Festspiele und Schwiegervater von Thomas Mann. Pringsheim war selbst Gast in Wahnfried und hat die Diktion Wagners in seinem Tagebuch vortrefflich reflektiert. Warum also muss Wagner bühnenreifes Hochdeutsch reden in einem Hörspiel über sein Zürcher Exil, das sich sehr wohl bei Dialekten, bellenden Hunden oder schreienden Papageien bedient, um Kolorit in das dramatische Geschehen zu bringen. Verstörend wirkt auf mich die in der gesamten Produktion sehr umtriebige Katharina Thalbach als Erzählerin, die sich zudem auch noch in der Ich-Form als Wagner betätigen muss. Damit sich die Hörer besser zurechtzufinden, sind alle 104 Szenen, die jeweils einen eigenen Track haben, mit den in ihnen auftretenden Personen im Begleitbuch aufgelistet. Ruck, zuck ist nachgeblättert. Na klar doch, das war ja der Herwegh und nicht der Liszt. Musik gibt es auch. Mehr zur Untermalung von Proben, mit Chor und ohne Chor, mal am Klavier in einer Gesellschaft, die hörbar zu Tische sitzt und mit schweren Bestecken klappert, mal dröhnt irgendetwas von irgendwoher vor sich hin, nicht immer im richtigen biographischen Zusammenhang. Unerschöpflich ist das Arsenal von Geräuschen aus der Konserve. Aber auch irritierend, weil nur akustische Deko.

Der Blick aus der Villa in den weitläufigen Park - Foto: Winter

Der Blick aus dem Obergeschoss der Villa Wesendonck in den Park/ Foto: Winter

Der Autor gibt vor, mit seinem Hörspiel, dessen Titel „It must be so“ sich etwas unvorhergesehen bei Bernsteins Candide bedient, „die wahre Geschichte über Richard Wagner und Mathilde Wesendonck in Zürich“ erzählen zu wollen. Naja. „Die wahre Geschichte über…“ – das erinnert ein an Überschriften in Boulevardzeitungen. Was ist schon wahr? Als ob bisher etwas unwahr gewesen wäre in der ziemlich gut erforschten und mit Dokumenten belegten Beziehungen zwischen Wagner und der ebenso feinsinnigen wie steinreichen Kaufmannsgattin mit den weitreichenden musikalischen und gesellschaftlichen Folgen. Der wichtigste Schauplatz der „wahren Geschichte“ ist die berühmte Villa Wesendonck in Zürich, Gablerstraße 15, Wohnsitz der Familie zwischen 1856 und 1871. Heute herbergt sie Teile der Sammlung des Museums Rietberg. In den gediegenen historischen Räumen, die sich weitgehend im originalen Zustand befinden, erinnert nichts an die Erbauer. Heilige Figuren aus dem Himalaya oder schweizerische Masken bevölkern Säle, Treppenhäuser und Salons. Sie sind das Letzte, worauf man bei der Spurensuche nach Wagner und Mathilde käme. Unverstellt ist die Aussicht in den Park, der ahnen lässt, was sich seinerzeit hier zutrug. Ja, der öffentliche Park mit dem ständig wechselnden Ansichtskartenblick auf die Villa ist es, was den Besuch lohnt und innere Bewegung aufkommen lässt. Dort findet sich auch das anrührende Grabmal für Klein-Guido, den Sohn der Wesendoncks, der nur drei Jahre alt wurde.

Guido, der Sohn der Wesendoncks, ist in dieser Gruft im Park bestattet - Foto: Winter

Guido, der Sohn der Wesendoncks, ist in dieser Gruft im Park bestattet /Foto: Winter

Das großzügig ausgestattet Begleitbuch des Hörspiels nennt auch andere Adressen der näheren und weiteren Umgebung, die mit Wagner und den Wesendoncks in Verbindung zu bringen sind – bis hin zum Gotthard und dem Berner Oberland. Wagner war ein strammer Wanderer. Ein Satz macht mich dann aber doch stutzig: „Die Alpen erleben, heißt Richard Wagner entdecken.“ Das war mir noch gar nicht bewusst. Jetzt wird es unverstellte Werbung, Hochglanzbroschüre eines Reiseveranstalters. Und siehe da, die Adresse aus dem App Store folgt auf dem Fuß – Richard Wagner in Switzerland. Der Meister auf dem iPhone, immer dabei, immer griffbereit, das neueste Modell gleich abgebildet. Ist das des Pudels Kern? Vielleicht. Wäre das so schlimm? Nein. Mir ist alles Recht, wenn nur Wagner und sein Werk unter die Leute kommt. Ob es auf diese Weise nachhaltig gelingt, darf bezweifelt werden. Es ist ein Versuch. Ein kommerzieller.

In der Wesendonck-Villa gibt es heute Marken statt Devotionalen zu sehen Foto: Winter

In der Villa gibt es heute Masken statt Wagner-Devotionalien zu sehen/ Foto: Winter

Zunächst wartet aber noch das anstrengende Hörbuch auf den entdeckungsfreudigen Wagner-Freund, der sich gerade eben die passende App heruntergezogen hat. Es ist mit einem noch umfangreicheren Buch versehen als als Hörspiel und es locken wieder schöne Bilder, reichlich Lesestoff, Dokumente, Betrachtungen und eine Widmungstext für den Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann. Drei CDs sind reserviert für Briefe Wagners an seine erste Frau Minna (gelesen von Chris Pichler), an Mathilde (Regula Mühlemann), sowie an Freunde (nochmals Katharina Thalbach!). Warum ausschließlich Frauen Briefe vortragen, die ein Mann geschrieben hat, erschließt sich mir nicht, denn die Geschlechterrolle ist in eben diesen Dokumenten ja nicht nebensächlich. Mit solcher Besetzung geht Wirkung verloren. Und wie das mit Briefsammlungen so ist, sie bräuchten eigentlich dringend einen Apparat, der Anlässe, Umstände, Hintergründe, Personen etc. erklärt.

Der stille Gast weiß die Atmosphäre im weitläufigen Park zu genießen - Foto: Winter

Der stille Gast weiß die Atmosphäre im weitläufigen Park zu genießen/ Foto: Winter

Einer Wohltat gleich ist die vierte CD der Hörbuch-Ausgabe endlich ganz Musik. Elisabeth Kulman trägt die Wesendonck-Lieder vor. Nicht sehr entrückt, nicht ganz verständlich, mitunter etwas zerfasert, was auch auf schwierige

akustische Bedingungen bei der Aufnahme hindeutet. Der Begleiter Eduard Kutrowatz sitzt an Wagners Érard-Flügel aus Paris im Museum Luzern. Die Lieder klingen trocken und eng. Es fehlt an Raum. Ich habe dennoch sehr gern zugehört, weil sich am Ende doch noch so etwas wie eine erlösende Wirkung einstellt nach der Strapaze mit gesprochenem Wort. Bei alledem kein Vergleich mit Kirsten Flagstad, die an irgendeiner Stelle mit dem Lied Im Treibhaus in der Orchesterfassung unter Knappertsbusch eingespielt wird. Ärgerlich wie peinlich, dass in einer so aufwändigen Edition, die eine „wahre Geschichte“ erzählen will, der Name einer der ruhmreisten Wagner-Sängerinnen falsch wiedergegeben wird. Die Flagstad schreibt sich nämlich am Ende ohne „t“!

Rüdiger Winter

Das Bild oben zeigt die Villa Wesendonck in Zürich, Gablerstraße 15, vom Park aus./ Foto: Winter