Engel aus Nisida

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Uraufführung nach fast 180 Jahren – Nach seinem ersten Auftreten in Paris, als sein Marino Faliero 1835 im Schatten von Bellinis kurz vorher mit überwältigendem Erfolg erstaufgeführten I Puritani praktisch unterging, kehrte Donizetti wieder nach Italien zurück, wo in anscheinend unerschöpflichem Schaffensdrang innerhalb dreier Jahre Meisterwerke wie Lucia di Lammermoor, Belisario, Pia de Tolomei, Roberto Devereux, Maria de Rudenz, Poliuto u.a. entstanden. Doch die Musikhauptstadt dieser Jahrzehnte ließ den Bergamasken nicht mehr los, und als er – bereit zu neuen Aufgaben und Herausforderungen – im Jahre 1838 Paris wieder betrat, eroberte er dieses pulsierende europäische Opernzentrum im Sturm und erhielt Angebote aller Pariser Opernhäuser, was Berlioz ja zu seinem bekannten Ausspruch verleitete, dass „Monsieur Donizetti uns wie ein erobertes Land zu behandeln scheint“. Zu den bekannten Theatern (Opéra, Opéra-Comique, Théâtre Italien) kam Ende jenes Jahres ein viertes hinzu, das Théâtre de la Renaissance, und hier feierte seine für dieses Theater modifizierte Lucie de Lammermoor im August 1839 ähnlich große Erfolge wie das italienische Original bei der Uraufführung 1835 am Teatro San Carlo in Neapel. Im Fahrwasser dieses Triumphs erhielt der Komponist den Auftrag für eine neue Oper an diesem Haus: L’ange de Nisida. Der entsprechende Vertrag  wurde von Theaterdirektor Anténor Joly, den beiden Librettisten Gustave Vaëz und Alphonse Royer sowie Donizetti unterschrieben, mit Festlegung des Probenbeginns im Februar 1840. Das Autograph war im Wesentlichen am 27. Dezember 1839 vollendet, doch der Premierentermin wurde mehrfach verschoben, bis dann im Mai 1840 das Théâtre de la Renaissance Bankrott anmeldete. In einem Brief an Tommaso Persico schrieb Donizetti am 9. Mai „Das Renaissance hat geschlossen, und ich verliere damit L’Ange de Nisida, eine Oper […], die nur für dieses Theater geeignet ist. Leider!…Der Impresario war ein Esel, er hat mit seinem Geld geaast, wo er nur konnte.“

Im überaus informativen Programmheft der Londoner Uraufführung im August 2018 berichtet Candida Mantica ausführlich von Donizettis Schwierigkeiten, seine komplett neue Oper ohne Änderungen an einem anderen Theater in Paris oder Italien zur Aufführung zu bringen. Candida Mantica ist die Musikwissenschaftlerin, die nach mehr als 8 Jahren akribischer Arbeit die Puzzlestücke dieser Oper in europäischen und amerikanischen Archiven entdeckt, gesichtet, in die richtige Reihenfolge gebracht und in Zusammenarbeit mit Opera Rara die 800 Seiten umfassende Partitur erstellt und ediert hat. Sie vergleicht die langsam sichtbar gewordene authentische  Gestalt der Ange de Nisida mit dem Freilegen eines Freskos. Am glücklichen Ende dieses Prozesses war circa 97 % der von Donizetti komponierten Musik ans Licht gekommen. Die fehlenden Teile betrafen einige Rezitative sowie die nicht komplette Orchestrierung des Duetts Sylvia – Don Fernand im 2. Akt. Der auch als Dirigent tätige Martin Fitzpatrick wurde mit der Aufgabe der Vervollständigung dieser Passagen betraut und komponierte auch unter Verwendung der Ballettmusik zu La favorite ein Vorspiel als Ouvertüre-Ersatz. Ein Sonderfall war die in Sylvias Arie No. 11 im 3. Akt fehlende Cabaletta, die nach Anpassung des Textes aus der Erstaufführung der Pariser Version von Maria di Rohan im November 1843 entlehnt wurde.

Bekanntlich ließ Donizetti nach dem Fiasko das Libretto von L’ange de Nisida für eine geplante grand opéra von den beiden genannten Librettisten unter Mithilfe von Eugène Scribe umarbeiten und präsentierte dieses am 2. Dezember 1840 als La favorite, in der jedoch trotz des ganz ähnlichen Handlungsverlaufs weniger als die Hälfte der Musik aus L’ange de Nisida wiederverwendet wurde. Beispielsweise sind fast alle aus La favorite vertrauten Hits wie Leonores “O mon Fernand“, Alphonses große Szene zu Beginn des 2. Aktes oder Fernands Tenorarien keine Übernahmen aus ihrer Vorgängerin.

Joyce El-Khoury: „Echo“ mit Arien für Julie Dorus-Gras/ Opera Rara

Welche weiteren Unterschiede gibt es?: L’ange de Nisida spielt nicht „um 1340 in Kastilien“, sondern im Königreich Neapel des Jahres 1470, als der regierende Monarch Ferdinand I noch nicht verheiratet war. Schauplatz der beiden ersten Akte ist die Villa der andalusischen Gräfin Sylvia de Linares, der Mätresse des Königs von Neapel, auf der kleinen Insel Nisida im Golf von Neapel;  Handlungsorte der Akte III und IV sind Sylvias Residenz in Neapel bzw. ein Kloster in der Nähe von Neapel. Diese weibliche Protagonistin – übrigens anders als in La Favorite die einzige Frauenrolle der Oper – ist ein Sopran, kein Mezzo. Die libanesisch-kanadische Sopranistin Joyce El-Khoury bot eine überzeugende Leistung mit vielen anrührenden vokalen Passagen, war aber nicht so überwältigend wie in ihrer Darstellung der Paolina in Donizettis Les Martyrs an der Seite von Michael Spyres in der Londoner Royal Festival Hall im November 2014. Ferner ist L’ange de Nisida eine vieraktige opera semiseria mit den obligaten komischen Elementen, vor allem in Gestalt eines handlungsrelevanten Bassbuffos. Dieser Don Gaspar, Kammerdiener des Königs, wurde vom französischen Bariton Laurent Naouri verkörpert. Er war in der Tat in den ersten drei Akten dieser konzertanten Aufführung nicht nur in seiner Arie (1. Akt) oder im Duett mit seinem König (3. Akt) ein immer präsenter, wichtigtuerischer, aber wenig erfolgreicher Hansdampf in allen Gassen, als Figur ein wenig an Rossinis Figaro erinnernd und musikalisch mit Anklängen an Dulcamara. Bravo!

Don Fernand d’Aragon, der König von Neapel, ist eine Baritonrolle, die bei Vito Priante gut aufgehoben war, auch wenn seine Stimme vielleicht etwas größer hätte sein können – gerade als König. Eine positive Überraschung war als Leone de Casaldi der mir bis dahin unbekannte koreanische Tenor David Junghoon Kim, in den Jahren 2015-17 “Jette Parker Young Artist for The Royal Opera“, dessen lyrisch grundierte Stimme auch vor Spitzentönen nicht zurückschreckte und von Anfang an mit eleganter Phrasierung und gefühlvollen Piani das Publikum für sich gewann. Mit seinem sonoren, bei Bedarf auch drohenden Bass komplettierte  Evgeny Stavinsky  als päpstlicher Gesandter und Mönch  die exzellente Sängerriege. Mit Beifall fast überschüttet wurde auch der spiritus rector dieser Aufführung, der Donizetti – erfahrene Dirigent Mark Elder, der mit einem bestens aufgelegten “Orchestra of the Royal Opera House“ und dem animiert singenden “Royal Opera Chorus“ (Chordirektor William Spaulding) diesem besonderen Abend in dem für einen solchen Anlass prädestinierten festlichen Royal Opera House Covent Garden den Stempel aufdrückte. In Erinnerung geblieben ist mir bei meinem ersten und leider auch nur einmaligen Hören nicht eine Arie oder ein Duett, sondern das außergewöhnliche Finale des 1. Aktes, das mit einer ganz leisen Ermahnung Don Gaspars an den Chor der Landleute fast lautlos ausklingt. Die zahlreichen Mikrofone haben hoffentlich ihre Aufgabe gut erfüllt, sodass die für das kommende Jahr vorgesehene Publikation dieser Aufnahme bei Opera Rara allen Donizetti- und Belcantofreunden ein Kennenlernen oder Wiederhören schenken kann. Walter Wiertz (18.07.18/ Foto oben Gaetano Donizetti/ Museo Donizetti Bergamo/ Wikipedia)

 

Den vorstehenden Artikel entnahmen wir dem Mitteilungsblatt August 2018 der Freunde der Musik Gaetano Donizettis Wien – wir danken dem Autor und Alfred Gänsthaler für die liebenswürdige Genehmigung zur Übernahme.