Orchester mit Stimmen

 

 Über den 20jährigen Johannes Brahms befand de 43jährige Robert Schumann 1853, „Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird, wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbare Blicke in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor.“ Fünfzehn Jahre später war es soweit: im Dom von Bremen wurde am Karfreitag 1868 Ein deutsches Requiem für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orchester uraufgeführt, das seither zu den beliebtesten geistlichen Werken gehört. An Aufnahmen, auch bedeutenden, herrscht kein Mangel. Mariss Jansons, seit 2003 als Nachfolger Maazels Chefdirigent des Bayerischen Rundfunks sowie seit 2004 in der Nachfolge von Chailly zugleich Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra (seit 2015 als conductor emeritus), hat mit beiden Orchestern Brahms aufgeführt und eingespielt, mit den Amsterdamern die zweite, mit den Münchnern alle vier Sinfonien. Als Live-Aufnahme aus dem Amsterdamer Concertgebouw vom 20. und 21. September 2012 (wo die Zuhörer offenbar nicht die geringsten Geräusche von sich gaben) erschien jetzt Ein deutsches Requiem (RCO Live 15003, mit viersprachigem Beiheft, deutschem Text und französischer, englischer und niederländischer Übersetzung). Es handelt sich um eine klare, in allen dynamischen Details sorgfältig ausgewogene Aufführung, die aus den ruhigen, leisen und langsamen Passagen heraus Spannung entwickelt und dabei die von Brahms ausgewählten und zusammengestellten Bibelworte bedeutungsvoll intensiviert. Trotz der breiten und bedachten Anlage benötigt Jansons weniger Zeit als sein Concertgebouw-Vorgänger Haitink, auch als Davis, Karajan, Kempe oder Sinopoli, ist fast identisch mit den Zeitmaßen von Gardiner und Norrington mit ihren Spezialensembles. Der Klang ist reich und dunkel, manchmal fast geheimnisvoll, der Netherlands Radio Choir klingt oft sehr durchsichtig und schwebend, wozu der fein lasierte und körperreiche Sopran von Genia Kühmeier ausgezeichnet passt. Kühmeier singt bewegend und klingt, darin an Lucia Popp erinnernd, bei aller kunstvollen Linienführung ausgesprochen natürlich. Gerald Finley hatte zu Zeitpunkt der Aufnahme bereits den Hans Sachs gesungen, doch sein heller Bass-Bariton hat nichts von seiner Beweglichkeit und blühenden Farbigkeit eingebüßt; der Kanadier singt mit der gescheiten Herangehensweise, die viele seiner Interpretationen auszeichnet, wenngleich man sich manchmal mehr lodernde Kraft hätte wünschen können. Doch alles in allem passen die Solisten perfekt in die von Jansons geschaffene Atmosphäre und diese sehr gelungene Aufnahme.

Eivind Aadland  Grieg auditeMit ganz so edlen Waffen wird auf der folgenden Aufnahme nicht gefochten, wo sich Camilla Tilling und Tom Erik Lie beim Grieg-Zyklus des Norwegers Eivind Aadland mit dem WDR-Sinfonieorchester ins Zeug legen. Mit der fünften Ausgabe gehen die Complete Symphonic Works mit der Einspielung von weniger bekannten Orchesterliedern effektvoll ins Ziel (audite 92.671). Die Sechs Orchesterlieder von 1894/95beispielsweise fassen u.a. mit zwei Solveig-Weisen Auszüge aus der Schauspielmusik zu Peer Gynt sowie Bearbeitungen von Klavierliedern – darunter From Monte Pincio oder das dem norwegischen Patrioten und Dichter Wergeland gewidmete Lied – zusammen. Tilling glänzt vor allem im fast wagnerischen Letzter Frühling. Mitbringsel von Griegs Sommer-Aufenthalten in Hardanger sind neben den Orchesterbearbeitungen der Lyrischen Stücke für Klavier mit Abend im Hochgebirge und Wiegenleid die stark volkstümlich gefärbten Norwegischen Tänze op. 35 und die stimmungsvolle Orchesterballade für Bariton Den Bergtekne, was Michael Struck-Schloen im schönen dt. engl. Beiheft als „Der durch den Berg Entrückte“ wiedergibt. Beiheft (dt., engl). Das WDR-Sinfonieorchester sorgt u.a. mit erhabenen Holzbläser-Passagen dafür, dass der Hörer sich eine gute Stunde lang in norwegische Landschaften entrückt fühlen darf. Rolf Fath