Immer wieder Brahms

 

 Herbert Blomstedt, der bescheidende Amerikaner mit schwedischen Wurzeln, der mittlerweile im sage und schreibe 94. Lebensjahr steht, ist ein Phänomen. Zurecht der Nestor unter den heutigen Dirigenten, erlebt er im hohen Alter, nicht ganz unähnlich weiland Otto Klemperer, seinen Indian Summer, obwohl er freilich seit den 1950er Jahren irgendwie immer präsent war, ohne jemals den Status eines „Stardirigenten“ anzustreben. Dazu ist Blomstedt zu honorig und seriös. Dass die Musik des Norddeutschen Johannes Brahms unter seiner Stabführung bestens aufgehoben ist, liegt insofern praktisch auf der Hand. Gleichwohl musste er die neunzig überschreiten, ehe er nun endlich eine offizielle Einspielung der großen ersten Sinfonie von Brahms auf dem dem stets für Überraschungen guten Label Pentatone vorlegen kann (PTC 5186 850).

Wie der Kenner weiß, ist es natürlich keine Erstbegegnung, hat sich Blomstedt doch schon vor Jahrzehnten mit Brahms‘ Werken auseinandergesetzt und bereits während seiner Zeit in San Francisco (1985-1995) das Deutsche Requiem, von der Kritik gefeiert, bei Decca vorgelegt. Noch vor seiner Berufung zum Gewandhauskapellmeister in Leipzig spielte er sodann 1996 die vierte Sinfonie ein, wiederum für Decca. Das Label Querstand veröffentlichte einen Mitschnitt der zweiten Sinfonie aus dem Jahre 2000 und in der nur als Online-Download erhältlichen Reihe Decca Concerts erschien eine Live-Aufnahme der dritten Sinfonie, 2007 aufgezeichnet. So schließt sich nun gewissermaßen der Kreis, indem jetzt endlich auch die Erste folgt, die zwar chronologisch am Anfang steht, aber in gewisser Weise doch den Höhepunkt des sinfonischen Schaffens Brahmsens darstellt.

Beinahe jeder Dirigent von Rang hat sich irgendwann im Laufe seiner Laufbahn mit der c-Moll-Sinfonie op. 68 auseinandergesetzt, die Hans von Bülow als Beethovens Zehnte adelte. Kaum eine Sinfonie dürfte einen langwierigeren Entstehungsprozess gehabt haben als dieses Werk. Sage und schreibe vierzehn Jahre mussten vergehen, ehe sie 1876 endlich zur Uraufführung bereit war. Es gibt eine interessante Parallele zum seinerzeit ebenfalls bereits 90-jährigen Leopold Stokowski, der die Erste von Brahms in seinem spektakulären Rückkehrkonzert in London 1972 noch einmal aufführte. Auch wenn der Dirigententypus, den Stokowski verkörperte, kaum unterschiedlicher sein könnte, so ist es doch gleichsam ein verbindendes Element zum greisen Blomstedt. Die erste Sinfonie von Brahms ist mitnichten ein Werk für Anfänger. Und der altersweise Zugriff, den Blomstedt diesem Opus magnum angedeihen lässt, spricht vollumfänglich für sich. Mit 50 Minuten Spielzeit wählt er die adäquaten Zeitmaße, bei denen sich Tempofragen gar nicht erst stellen. Vom ersten bis zum letzten Takt klingt es schlicht und ergreifend richtig. Der monumentale Kopfsatz, hier 17 Minuten lang, mit einem der einprägsamsten Auftakte in der gesamten Sinfonik weist bereits den Weg. Keine noch so kleine Phrasierung ist hier zufällig, alles durchdacht und in sich überzeugend. Obwohl der Interpretation eine norddeutsche Ernsthaftigkeit nicht abzusprechen ist, ist sie doch gleichwohl keineswegs von einer kühlen akademischen Strenge, die jedwedes Gefühl im Ansatz unterdrückt. Blomstedts Brahms ist ein zutiefst menschlicher, nahbarer, was gerade im träumerischen langsamen zweiten Satz hervorsticht. Die Leichtigkeit des kurzen dritten Satzes, der nicht wirklich ein Scherzo darstellt, bildet den idealtypischen Kontrast zum titanenhaften Finale. Dunkel timbriert, erzielt das exzellente Gewandhausorchester den für Brahms mustergültigen Tonfall. Blomstedt lässt sich nicht dazu verleiten, in der Adagio-Einleitung das Tempo anzuziehen. Erst nach ziemlich genau fünf Minuten erklingt der einprägsame Hymnus als Hauptmotiv und wiederum behält der brillante Dirigent die Zügel fest in der Hand. Die Coda gerät selbstredend zum Höhepunkt, wobei das Choralthema eindeutig protestantisch-asketische Züge hat. Großartig die Detailarbeit bis zum Schluss, wo die hier oft untergehenden Blechbläser noch einmal auftrumpfen können. Die zurecht gerühmte Akustik des Gewandhauses zu Leipzig unterstützt dies kongenial. Als Beigabe rundet die Tragische Ouvertüre d-Moll op. 81 die Compact Disc ab. Sie steht zu Unrecht im Schatten der berühmteren Akademischen Festouvertüre. In ihrem dunkel-festlichen Charakter ist dieses Stück sicherlich näher an der ersten Sinfonie denn an der zweiten, nach welcher sie im Jahre 1880 entstand, insofern ist die von Pentatone gewählte Kombination sinnig. In Blomstedts Interpretation verliert auch diese Ouvertüre etwas von ihrer Schwere und erklingt mustergültig. (Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.). Daniel Hauser

 

Über den 20jährigen Johannes Brahms befand de 43jährige Robert Schumann 1853, „Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird, wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbare Blicke in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor.“ Fünfzehn Jahre später war es soweit: im Dom von Bremen wurde am Karfreitag 1868 Ein deutsches Requiem für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orchester uraufgeführt, das seither zu den beliebtesten geistlichen Werken gehört. An Aufnahmen, auch bedeutenden, herrscht kein Mangel. Mariss Jansons, seit 2003 als Nachfolger Maazels Chefdirigent des Bayerischen Rundfunks sowie seit 2004 in der Nachfolge von Chailly zugleich Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra (seit 2015 als conductor emeritus), hat mit beiden Orchestern Brahms aufgeführt und eingespielt, mit den Amsterdamern die zweite, mit den Münchnern alle vier Sinfonien. Als Live-Aufnahme aus dem Amsterdamer Concertgebouw vom 20. und 21. September 2012 (wo die Zuhörer offenbar nicht die geringsten Geräusche von sich gaben) erschien jetzt Ein deutsches Requiem (RCO Live 15003, mit viersprachigem Beiheft, deutschem Text und französischer, englischer und niederländischer Übersetzung). Es handelt sich um eine klare, in allen dynamischen Details sorgfältig ausgewogene Aufführung, die aus den ruhigen, leisen und langsamen Passagen heraus Spannung entwickelt und dabei die von Brahms ausgewählten und zusammengestellten Bibelworte bedeutungsvoll intensiviert. Trotz der breiten und bedachten Anlage benötigt Jansons weniger Zeit als sein Concertgebouw-Vorgänger Haitink, auch als Davis, Karajan, Kempe oder Sinopoli, ist fast identisch mit den Zeitmaßen von Gardiner und Norrington mit ihren Spezialensembles. Der Klang ist reich und dunkel, manchmal fast geheimnisvoll, der Netherlands Radio Choir klingt oft sehr durchsichtig und schwebend, wozu der fein lasierte und körperreiche Sopran von Genia Kühmeier ausgezeichnet passt. Kühmeier singt bewegend und klingt, darin an Lucia Popp erinnernd, bei aller kunstvollen Linienführung ausgesprochen natürlich. Gerald Finley hatte zu Zeitpunkt der Aufnahme bereits den Hans Sachs gesungen, doch sein heller Bass-Bariton hat nichts von seiner Beweglichkeit und blühenden Farbigkeit eingebüßt; der Kanadier singt mit der gescheiten Herangehensweise, die viele seiner Interpretationen auszeichnet, wenngleich man sich manchmal mehr lodernde Kraft hätte wünschen können. Doch alles in allem passen die Solisten perfekt in die von Jansons geschaffene Atmosphäre und diese sehr gelungene Aufnahme. Rolf Fath