Traumland und Wirklichkeit

An der Komischen Oper Berlin erprobt Barrie Kosky seit einiger Zeit die Operette neu, obwohl als Genre eigentlich nur noch ein Museumsvehikel und vom Musical längst überflügelt. Doch offensichtlich steckt immer noch Power in ihr, sofern sie angemessen präsentiert wird. In dem Wie liegt halt meist der ganze Unterschied. Die Operette ist ohne Bühne gleichwohl meist ergiebiger. Da kann man sich – vergilbte Texte gnädig überhörend – ganz auf die Musik konzentrieren und im Kopf eine eigene „Inszenierung“ entstehen lassen. Diese Möglichkeit hat die Schallplatte nachhaltig genutzt, wobei EMI seit den 50er Jahren (Otto Ackermann) stets besonders aktiv war. In jüngster Zeit legt cpo nach, häufig mit Münchner Konzertaufführungen. Besonderes Lob gilt dem Label Documents, welches eine ganze Operetten-Anthologie mit originalen Rundfunk-Produktionen aus den fünfziger Jahren veröffentlichte. Namentlich die Archive des WDR (Franz Marszalek), NDR (Wilhelm Stephan, Paul Burkhard), RIAS (Kurt Gaebel) und BR (Werner Schmidt-Boelcke) wurden genutzt. Man entdeckte in der dickleibigen Kassette so manch unverdient Vergessenes mit nachhaltigen Ohrwürmern. Über einen individuellen Bestand (mit einigen Documents-Doubletten) verfügt das Hamburger Archiv für Gesangskunst, wobei auch Quellen in Österreich und der ehemaligen DDR genutzt wurden.

künnecvke reiseVom Mitteldeutschen Rundfunk beispielsweise stammt eine Gesamtaufnahme von Glückliche Reise aus dem Jahr 1950. Beim WDR hatte der Eduard-Künneke-Freund Marszalek kurz zuvor eine Gesamtaufnahme produziert, von der aber nur noch wenige Bruchstücke existieren. Die Namen der Sänger, über welche er MDR verfügte, dürften namentlich ehemals Westdeutschen kaum bekannt sein, teilweise zu Recht. In Jörg Frenz und Hermann Schalk erlebt man ein Duo älterer Herren, die auf jung machen. Auch mit den Damen (Erna Bergener, Melitta  Wittenbecher) ist es nicht sonderlich weit her. Der Dialog freilich ist äußerst lebendig und angemessen ironisch. Etwas hergeholt wirkt dennoch die Handlung von argentinischen Auswanderen, die von Sehnsucht nach der Heimat aufgezehrt werden. Per Post lernen sie deutsche Mädchen kennen und besuchen sie. Gott Amor verschließt seine Pfeile und es kommt, trotz massiver Missverständnisse, zum Happy Ende. Hamburger Slang (Kapitän Brangersen) und Berliner Schnauze (Reisebüroleiter Homann) sorgen in der Aufnahme für witzige Wortgefechte, bei den auftretenden „Eingeborenen“ erlebt man sprachlich allerdings fürchterliche Rollenklischees.

Eduard Künnecke/OBA

Eduard Künnecke/OBA

In einem Duett fällt das Wort “Tanztee“. Den gibt es heute ja nicht mehr, auch sonst wirkt das Vokabular manchmal etwas angegilbt. Man macht Konversation mit der Anrede „gnädiges Fräulein“ und ähnlich altmodischem Wortkram und flirtet per „Sie“. Musikalisch von höchster Güte freilich ist fast jede Künneke-Nummer, mal melodisch (z.B. das Lied „Drüben in der Heimat“), mal rhythmisch kess (Duett „Warum, weshalb, wieso?“). Künneke ließ in seiner Musik dem Jazz freie Bahn. Die MDR-Aufnahme von 1950 klingt leider ziemlich mulmig. Wer weiß, welche Quelle zur Verfügung stand; sicher nicht das Originalband. Und es gibt viele Vorechos. Immerhin kann man sich von der flotten Operette ein Komplettbild machen.

kuennecke traumlandDas gilt auch für Traumland, 1941 in Dresden uraufgeführt. Trotz der nach dem Krieg noch folgenden Hochzeit mit Erika signalisiert dieses Werk mit seinem nostalgischen Titel so etwas wie einen Abschied Künnekes vom Operettengenre. Die Handlung (Filmdreh) ist mit den Herz-Schmerz-Ergüssen des Librettos (Eduard Rhein) schon eine echte Geduldsprobe und dürfte nur mit viel Ironie inszenatorisch zu bewältigen sein. Aber die Musik ist mal wieder bester Künneke. So enthält das Duett „Vielleicht bist du die große Liebe“ verschwenderische Melodien für die Sängerprotagonisten (Diva Ellinor, Komponist Irving). Der Soubrette (Peggy) ist ein mit viel Chor angereichertes Finale im 1. Akt gegönnt, wo sich die Nachwuchs-Tänzerin  in eine große Karriere hineinträumt. Eine kompositorisch tolle Szene. Anneliese Rothenberger, 1950 noch ganz jung, war auch bei späteren Aufnahmen des NDR unentbehrlich. Sie singt zauberhaft und spricht ihre Dialoge gekonnt. In Otto Albrecht verfügte der Hamburger Sender über einen guten Buffo. Käthe Maas gibt die Ellinor elegant damenhaft, Richard Holm (vokal nicht gerade erotisch) den sie umwerbenden Komponisten Irving. Wenn der Eindruck nicht trügt, ist der Dialogsprecher Erwin Linder, was aber nicht mitgeteilt wird (bei den anderen Partien auch nicht). Joseph Offenbach als Regieassistent Fipps bringt einen ständig zum Lachen; grausam komisch hingegen wirken die beiden Südsee-Eingeborenen. Als Fill-up ist das Polydor-Potpourri des Vetter aus Dingsda unter Marszalek zu hören. Nach der Glücklichen Reise gibt es zunächst eine Hommage an die Künneke-Tochter Evelyn, deren leicht krähige Stimme das vorgerückte Alter nicht verbergen kann. Anschließend Suppés Boccaccio mit Renate Holm und Rudolf Schock (Dirigent: Frank Fox) und Lehárs Paganini, wieder mit Schock, aber jetzt mit Melitta Muszely als Partnerin. Karl Ernst Mercker steht nicht im Booklet.

granich orlow

Der Weg von Glückliche Reise zu Traumland besitzt auch Aspekte des Sozialen. Einfache Menschen hier, dort zwar auch einiges „Fußvolk“, aber bereits vornehme VIP-Atmosphäre. Noch ein paar Sprossen höher geht es bei Bruno Granichstaedten. Im Orlow tummeln sich fürstliche Exilrussen, bei Auf Befehl der Kaiserin ist das Milieu dann auf wirklich höchster Ebene angesiedelt. Die einfache Schicht bleibt als Kontrast freilich erhalten, schon aus dramaturgischen Gründen. Lintschi, ein Bürgermädchen, kommt den hohen Herrschaften in Sachen Liebe gehörig in die Quere. Die Kaiserin (Wien, 18. Jahrhundert) kümmert sich nicht nur um Sittlichkeit im Allgemeinen, sondern auch und besonders um die in ihrer Ehe. Denn der Gatte flirtet gerne. In Lintschi glaubt sie eine Rivalin zu haben, was sich dann aber als falsch herausstellt. Als „Entschuldigung“ für diese Verdächtigung führt ihr die Kaiserin den Offizier Konrad zu, so dass ihr der linkische Toni erspart bleibt, den ihre Mutter und dessen Vater als Heiratskandidaten vorgesehen hatten. Eine ganz nette Geschichte, ambitioniert in Musik gesetzt, auch wenn es nur wenige echte Hits wie „Wenn die Musik spielt“ gibt. Die ORF-Aufnahme unter dem vielseitigen Max Schönherr bietet mit Gerda Scheyrer als Kaiserin eine angesehene Opernsängerin auf, den anderen Künstlern (Hertha Freund, Leonhard Päckl u.a.) ist freundlich zu applaudieren. Für Weaner Schmäh sorgen singend und sprechend vor allem Ernst Arnold und Franz Böheim.

Bruno Granichsteadten mit Betty Fischer und Dirigent Ernst Marischka/HafG

Bruno Granichsteadten mit Betty Fischer und Dirigent Ernst Marischka/HafG

Auch die im selben Jahr in Linz unter Fritz Zwerenz entstandene flotte Aufnahme des Orlow lebt stark von witzigen Dialogen, welche vor allem Mario Heindorf in die Kehle gelegt sind, welcher den amerikanischen Autofabrikanten John Walsh gibt. Bei diesem arbeitet Alex Doroschinsky, einst russischer Großfürst, nach der Revolution nur noch einfacher Maschinist. Das verdrießt ihn aber nicht, und ständig trägt er ein Lied auf den Lippen (etwa das von der Zigarette, einst ein Favoritsong von Johannes Heesters). Seine Landsmännin, die Tänzerin Nadja Nadjakowska, interessiert sich für ihn, sehr sogar. Aus Gesprächen über die alte Heimat wird sehr bald Liebe, die jedoch – wie könnte es anders sein – erst nach Irrungen und Wirrungen zu einem glücklichen Ende findet. Der berühmte Diamant „Orlow“ spielt bei alledem eine wichtige Rolle. Die Musik der Operette nimmt amerikanische Einflüsse auf (z.B. beim Duett „Spiel my Jazzband“), während Auf Befehl der Kaiserin noch weitgehend dem Wiener Tonfall verhaftet ist. Vokale Entdeckungen bietet die Einspielung nicht. Margarethe Kallhammer singt die Nadja aber nicht unattraktiv, und an die zunächst wenig charismatisch wirkende Tenorstimme von Klaus Nöske (Doroschinsky) hört man sich mehr und mehr hinein.

Bruno Granichsteadten mit seiner Frau Rosalie/HafG

Bruno Granichsteadten mit seiner Frau Rosalie/HafG

Die dem Orlow angehängte Einspielung von Emmanuel Chabries Bildungslücke (Une éducation manqué) lässt einen gänzlich anderen Musikstil erkennen. Da wird nirgends schwülstig gewalzert, nirgends auf Herz und Scherz gereimt. Der Titel des charmanten Einakters (1879) spielt darauf an, dass Gontran und Hélène vor ihrer Hochzeitsnacht stehen und von nichts eine Ahnung haben. Auch Gontrans Erzieher Pausanias erweist sich bei diesem delikaten Thema als überfordert. Aber zuletzt läuft alles von alleine. Eine WDR-Produktion von 1965 hat die Bildungslücke erstmals in Deutschland vorgestellt, die Einspielung des Südwestfunks unter dem in nahezu allen Stilen versierten Emmerich Smola dürfte um 1980 entstanden sein, denn zur Besetzung gehört neben Charlotte Lehmann und Jörn W. Wilsing (köstlich) auch Waltraud Meier, die 1976 ein erstes Solisten-Engagement in ihrer Heimatstadt Würzburg bekam. Ihr leuchtender Mezzo fällt sofort ins Ohr. Im Booklet wird ihr die Partie der Hélène zugeschrieben, was aber mit Sicherheit nicht stimmt.

Bruno Granichsteadten/HafG

Bruno Granichsteadten/HafG

Die Bonus-Titel nach „Auf Befehl der Kaiserin“ sind ausschließlich Granichstaedten gewidmet und reichen von der Ouvertüre zu seiner 1. Operette Bub oder Mädel bis zum Jahrhundert-Marsch aus Lolotte. Besonders attraktiv sind die Orlow-Titel mit Erika Köth und Rudolf Schock, 1957 unter Marszalek beim Kölner Rundfunk aufgenommen.

Bruno Granichstaedten, von dem heute wahrscheinlich viele nur noch das Einlagelied „Zuschau‘n kann’i net“ zu Ralph Benatzkys „Weißem Rößl“ kennen, durchlebte ein trauriges Schicksal. Wie auch sein Komponisten-Kollege Paul Abraham musste er aus Nazi-Deutschland fliehen, konnte an einstige Erfolge nicht mehr anknüpfen.

Christoph Zimmermann

Der Wiener Regisseur/Autor und Granichstaedten-Neffe Ernst Kaufmann/ORCA

Der Wiener Regisseur/Autor und Granichstaedten-Neffe Ernst Kaufmann/ORCA

Und als Anmerkung: Beim Operetta Research Center Amsterdam gibt es einen ausführlichen Artikel zu Granichstaedten (Werk und Vita) und dazu ein Interview mit dem attraktiven Neffen des Komponisten, dem Regisseur und Schriftsteller Ernst Kaufmann,  der gerade seine Biografie seines Onkels vorgestellt hat: Wiener Herz am Sternenbanner im Verlag Edition AV,
(i
SBN 978-3-86841-096-9) die später auch in operalounge.de besprochen wird. G. H. 

 

Eduard Künneke: Glückliche Reise, Traumland – Bruno Granichstaedten: Auf Befehl der Kaiserin, Der Orlow. Gesamtaufnahmen (Hamburger Archiv für Gesangskunst 30226, 30167,3921, 30132)

  1. Kevin

    Natürlich ist Operette ein museales Genre, eine abgeschlossene Kunstgattung – genau wie die Barockoper. (Zum Beispiel.) Das heißt nicht, dass man sie nicht mit heutigen Ohren genießen kann, inkl. die „vergilbten Texte“. Es regt sich doch auch niemand über die Texte bei Weber, Wagner oder Donizetti auf und kommt auf die Idee, alles umzuschreiben. Es sind Zeitdokumente. Und das ist gut so. Denn sie spiegeln in den meisten Fällen interessante Zeitläufe. Und dass Emmanuel Chabries „Une éducation manqué“ einen „gänzlich anderen Musikstil erkennen“ lässt, ist doch wohl logisch – wenn das Stück aus den 1870er Jahren stammt, die Granichstaedten- und Künneke-Operetten dagegen aus den 1920ern und 30er. Eine Vivaldi-Oper klingt auch anders als eine von Mozart oder Rossini oder Alban Berg. Man sollte Operette schon etwas differenzierter betrachten und den einzelnen Epochen der Operettengeschichte Eigenwert und Eigenart zugestehen. Statt alles über einen Kamm zu scheren. Denn dieser Einheitsbrei – ideologisch und klanglich – ist es, der so viele Aufnahmen nach 1945 unerträglich langweilig macht. Eine Johann Strauss Operette muss eben anders musiziert werden als Abraham, „Der Orlow“ oder „Traumland“. Das hört man nur leider in den oben besprochenen Ausgaben nicht.

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