„Von ewiger Liebe“

 

Hyperion ist mit seiner Gesamtaufnahme der Lieder von Johannes Brahms bei Vol. 8 angelangt (CDJ33128). Der Abschluss ist abzusehen. Mit der jungen englischen Sopranistin Harriet Burns wurde diesmal eine CD-Debütantin aufgeboten. Ein Geburtsdatum findet sich nicht, weder im Booklet noch auf ihrer Homepage oder sonstwo im Netz. Der Nachwuchs gibt sich gern geheimnisvoll und zeitlos wie einst Marlene Dietrich. Aus gewissen Eckdaten wie Ausbildung und ersten Auftritten geschlossen, dürfte sie um die Dreißig sein. Neben Liedern hat sie sich Opernpartien wie Zdenka, Susanna und Marzelline erarbeitet – und erfolgreich an diversen Wettbewerben teilgenommen. Sie scheint bei ihrer Karriereplanung nichts zu überstürzen. Eine CD wie diese kann hilfreich sein, den Weg zum Erfolg zu ebnen. Der Einstieg ist mit dem „Spanischen Lied“ op. 6 gut gewählt.

Dabei handelt es sich um dasselbe von Paul Heyse übersetzte Volkslied, dem Hugo Wolf später in seinem Spanischen Liederbuch anhand der ersten Zeile den Titel „In dem Schatten meiner Locken“ gab. Mit Orchesterbegleitung floss es in seine Oper Der Corregidor ein. Brahms klingt nicht so leicht und frivol wie Wolf. Er tut sich etwas schwerer mit dem Thema. Harriet Burns fordert ihn heraus, indem sie etwas von der moderneren Wolf‘schen Herangehensweise Brahms beimischt. So mein Eindruck. Alles in allem offenbart die Programmauswahl die Stärken ihres durch und durch lyrischen Soprans, der wunderbar aufblühen kann wie in den beseelten „Sechs Gesängen“ op. 7, in denen auch Gedichte von Eichendorff und Uhland vertont wurden. Sie sind deutsche Romantik pur, und Harriet Burns offenbart einen tiefen Sinn und eine Begabung für derlei Repertoire. Wenngleich es hier und da mit der Wortdeutlichkeit hapert, so vermag sie stets musikalisch auszudrücken, worum es geht. Das ist ein deutlicher Hinweis auf ein sehr intensives Studium der Lieder. Aber es reicht noch nicht. Brahms, der sehr wählerisch war bei der Auswahl seiner Texte, muss in jedem Moment verständlich gesungen werden. Gelingt es der Künstlerin, ihren Vortrag sprachlich zu perfektionieren, wird von ihr – daran habe ich nicht den geringsten Zweifel – noch viel zu hören sein.

 

Der Bariton Benjamin Appl, der Vol. 7 bestreitet, hat sich dem Liedgesang verschrieben (CDJ33172). Vieles deutet darauf hin, dass er diesen Weg konsequent weitergeht. Auftritte, die er auf seiner eigenen Homepage ankündigt, sind vornehmlich diesem Genre verpflichtet. Operntermine finden sich nirgends. Nur ein paar Arienprogramme. Dabei hat dieser Sänger durchaus einschlägige Erfahrungen beispielsweise als Graf in Mozarts Figaro in London oder als Aeneas in Purcells Oper Dido and Aeneas beim Aldeburgh Festival gesammelt. Er sieht blendend aus, ist groß gewachsen und charmant im Auftreten. Schon rein äußerlich bringt er also alle Voraussetzungen für eine Bühnenlaufbahn mit. Sängerisch sowieso. Opernhäuser wären gut beraten, den jungen Bariton mit einer passenden Aufgabe zu locken. Wann, wenn nicht jetzt? Seine CD wurde im Dezember 2016 produziert. Mit achtundzwanzig Titeln in fast achtundsiebzig Minuten ist das Fassungsvermögen erreicht. Berücksichtigt ist fast die gesamte Schaffensperiode von Brahms. „Liebe und Frühling I und II“ aus den „Sechs Gesängen für eine Tenor- oder Sopranstimme“, die der zwanzigjährige Komponist der verehrten Schriftstellerin Bettina von Arnim, die damals im achtundsechzigsten Lebensjahr stand, widmete, bilden den Auftakt. Am Schluss stehen acht Nummern aus den „Deutschen Volksliedern“. Brahms liegt Benjamin Appl. Seine Stimme ist technisch perfekter geworden. Das weiche, sensible Timbre mit hohem Wiedererkennungswert findet bei diesem zur Schwermut neigenden Komponisten womöglich noch mehr inhaltliche und formale Entsprechung als bei Schubert. Getragene Passagen gelingen besser als die schnellen Läufe. Geht die Stimme nach oben, scheint sie an Halt zu verlieren und büßt auch an Wohlklang ein. Appl sollte sich noch mehr zurücknehmen, etwas ökonomischer agieren und nicht alles Pulver zu früh verschießen. Es muss gestalterisch immer noch eine Reserve nach oben sein. Er neigt dazu, Passagen zu übersingen. Kritische Einwände gelten zudem technischen Details. Konsonanten sind eine Herausforderung für Sänger. Das wird gleich beim ersten Liedanfang der CD deutlich: „Wie Rebenranken schwingen“. Satt „Wie“ ist da „Whie“ zu hören. Das eingeschobene h sollte weg.

 

Doch nun der Reihe nach. Hyperion arbeitet an der Edition nun schon das elfte Jahr. Das ist ein ziemlich langer Zeitraum für so ein überschaubares Unternehmen. Brahms hat 204 Sololieder hinterlassen. Es besteht die Gefahr, dass es in Vergessenheit gerät, bevor es noch zu Ende gebracht ist. Die Konkurrenz schläft nicht. Eine Gesamtaufnahme ist auch mit Juliane Banse, Iris Vermillion, Andreas Schmidt und Helmut Deutsch am Klavier bei cpo zu haben. Zudem drängt eine CD nach der anderen auf den Markt. Besonders junge Sängerinnen und Sänger entdecken Lieder für sich, die auch kostengünstiger eingespielt werden können als Arien mit Orchesterbegleitung. Nicht auszuschließen ist, dass pekuniäre Gründe künstlerische überlagern. Allgegenwärtig sind die Legenden, deren große Schatten bis in die Gegenwart hineinreichen. Nicht immer zum Vorteil der nachgewachsenen Generation. In jüngster Zeit gab es diverse Anlässe, die Lebenswerke von Christa Ludwig, Elisabeth Schwarzkopf oder Brigitte Fassbaender neu zu editieren. Auch Jessye Norman, Janes Baker und Dietrich Fischer-Dieskau müssen genannt werden. Sie alle haben sich während ihrer gesamten Karriere immer wieder intensiv und nachhaltig mit Brahms auseinander gesetzt. An der Ludwig kommt niemand vorbei, der sich Brahms zuwendet. Wie ich finde, hat sie von allen dokumentierten Kolleginnen und Kollegen den tiefsten Ausdruck für diesen Komponisten gefunden.

2008 war die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager als erste für de Edition in London ins Studio gegangen. Ihre Vorteile für Vol. 1 (CDJ3121) waren Muttersprachlichkeit, Erfahrung und Stimmlage. Brahms verträgt dunkle Frauenstimmen gut. An die Ludwig darf allerdings niemand denken, wer sie hört, zumal sie mit „Von ewiger Liebe“ eines der Lieder im Programm hat, das die inzwischen Einundneunzigjährige einst, begleitet von Geoffrey Parsons (EMI), für die Ewigkeit festgehalten zu haben schien. Mit seiner unendlichen schwermütigen Melodie klingt es bei ihr wie ein kleiner Tristan. Die Kirchschlager singt Brahms klarer, härter, zupackender und damit wohl auch moderner. Sie bleibt allerdings das Geheimnis schuldig.

 

Fast zwei Jahre vergingen, bis sich Christine Schäfer für Vol. 2 anschickte (CDJ33121). Obwohl nahezu gleichaltrig mit der Kollegin klingt sie jünger und zarter, was vornehmlich auf ihren Sopran zurückzuführen sein dürfte. Darauf ist auch ihre Auswahl zugeschnitten mit den „Ophelia-Gesängen“ – im Gegensatz zu Richard Strauss komponierte Brahms fünf an der Zahl – und diversen kecken Mädchenliedern. Obwohl seine CD eher eingespielt wurde als die von Christine Schäfer, wurde der 1984 in Hamburg geborene Tenor Simon Bode für Vol. 3 bestimmt (CDJ33123). Er machte als Tamino in Hannover auf sich aufmerksam und gab auch Liederabende. Stimmlich ist er das, was ich einen Sympathieträger nennen möchte. Hyperion hatte mit seiner Verpflichtung eine glückliche Hand. Sein Tenor klingt offen und sonnig. Er geizt nicht mit Gefühlen beim Vortrag und nimmt Brahms ungestüm mit Leidenschaft, Feuer und Hingabe. Ob bei „Lerchengesang“, „Abenddämmerung“ oder „An eine Äolsharfe“, man könnte die Textvorlagen mitschreiben, wenn er singt – so deutlich ist der Vortrag.

 

Für die grüblerischen „Vier ernsten Gesänge“ ist der wagnererfahrene niederländische Bassbariton Robert Holl genau richtig. Brahms komponierte sie ein Jahr vor seinem Tod, das eigene irdische Ende ahnend. Der Zufall will es, dass der Säger der Uraufführung, Anton Sistermans, auch aus den Niederlanden stammte. Der Zyklus bildet den machtvollen Abschluss von Vol. 4 (CDJ33124). Mit „Verzagen“, „Todessehnen“, „Mein Herz ist schwer“ oder den drei „Heimweh-Liedern“ aus Op. 63 erweist sich Holl als künstlerischer Gewährsmann für Brahms’sche Schwermut. Er breitet diese Gesänge mit großer Ruhe und Gelassenheit aus. Er hetzt nicht. Und er badet auch nicht in Weltschmerz. Vielmehr vermittelt Holl den Eindruck, dass Schwermut nicht nur Last, sondern auch Befähigung ist, sich tief in die Dinge des Lebens und der Natur zu versenken. Sein Brahms klingt versöhnlich und hoffnungsvoll.

 

Neben seinem umtriebigen Wirken auf internationalen Opernbühnen pflegt der englische Bariton Christopher Maltman den klassischen Liedgesang. Ihm sind die „Romanzen aus L. Tieck’s Magelone“ – so der originale Titel – übertragen worden. Sie füllen Vol. 5 aus (CDJ33125). Es gab immer wieder Versuche, die einzelnen Romanzen mit erklärenden Prosatexten aus der „Wundersamen Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“, die Ludwig Tieck nach einem alten Volksbuch neu erzählt hat, zu verbinden. Brahms wollte diese Verknüpfung nicht und lehnte einen entsprechenden Vorschlag seines weitblickenden Verlegers ab. Für ihn sollten die Lieder, die er Romanzen nannte, für sich stehen. Er war seit frühester Jugend mit dem Werk Tiecks vertraut. Brahms irrte offensichtlich, indem er seine eigene literarische Bildung auch beim Publikum voraussetze. Wer die Prosatexte von Tieck nicht im Gedächtnis mit sich trägt, kann den Romanzen nicht in dem Maße folgen, wie es notwendig ist. Sie nehmen immer wieder direkten Bezug zum Ganzen. Deshalb wurde bei Einspielungen und im Konzert gern die Mischform gewählt. Dietrich Fischer-Dieskau und Brigitte Fassbaender – um zwei Interpreten zu nennen – haben sogar gesungen und gesprochen. Maltman singt die „Magelone“ wie von Brahms komponiert, elegant und nicht unsinnlich. Inhaltlich aber teilt sie sich auch deshalb nicht mit, weil sein Deutsch nicht perfekt genug ist.

 

Eine in London entstehende Liedersammlung kommt natürlich nicht ohne Ian Bostridge aus, der mit Vol. 6 in Erscheinung tritt (CDJ33126). Obwohl mit dem deutschen Liedgut sehr vertraut, kommt auch er sprachlich an Grenzen. Das wäre das kleinere Übel, würde er bei seiner Interpretation nicht so stark überziehen. Ganze Passagen klingen grell und fahrig. Er bleibt zu oft an Äußerlichkeiten hängen und findet nicht in das poetische Zentrum der Lieder, die über weite Strecken wie Chansons vorgetragen werden. Ist das gar beabsichtigt? Versucht der Tenor einen neuen, ungewöhnlichen Ansatz in der Brahmsinterpretation? Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn es denn überzeugender gelungen wäre. Mit Opus 32 und Opus 96 singt Bostridge zwei in sich geschlossene Sammlungen. Mit Blick auf die bisherigen Einspielungen ist das eher selten. Doch Hyperion wäre nicht Hyperion, würden in einen abschließenden Schritt die Aufnahmen nicht neu gemischt – nach Opuszahlen und in der Abfolge des Entstehend die Lieder ohne Opuszahlen (We0). So fände dann zusammen, was zusammen gehört. Dieses sinnvolle Prinzip wurde bereits bei der Aufnahme aller Schubert-Lieder praktiziert. Die umfangreichste Gruppe sind mit 49 Nummern die „Deutschen Volkslieder“, die Brahms erst gegen das Ende seines Lebens geordnet hat. Vier hatte Angelika Kirchschlager aufgenommen, sechs Christine Schäfer, drei Simon Bode, acht Benjamin Appl, sieben Harriet Burns. Bleiben noch einundzwanzig übrig. Es muss also weitergehen mit den Aufnahmen. Begleiter und Inspirator des Unternehmens ist der Pianist Graham Jonson, der auch schon bei Schubert am Flügel gesessen hatte. In den Booklets steuerte er Analysen und musikwissenschaftliche Betrachtungen zu allen Liedern bei. Es gibt vielerlei Gründe, auf die Fortsetzung gespannt sein. Rüdiger Winter

 

Das große Foto oben zeigt eine junge Frau in der Obhut eines Engels. Die allegorischen Figuren sind Teil einer Grabanlage auf dem Friedhof Sophie II an der Bergstraße in Berlin-Mitte. Er ist als weitläufiger Park angelegt und steht als Garten- und Baudenkmal unter Schutz. Dort fand auch der Komponist Albert Lortzing seine letzte Ruhestätte. Johannes Brahms hat sich in vielen Liedern mit dem Gedanken an Tod, Auferstehung und ewiges Leben beschäftigt. Foto: Winter