Oper und Macht im „Dritten Reich“

 

Heroische Weltsicht – Hitler und die Musik: Dieses Buch von Sebastian Werr legt den Diktator nicht ausschließlich auf Richard Wagner und dessen Antisemitismus fest. Es holt weiter aus. Darin liegt sein Wert – auch wenn der eigentliche Gegenstand gelegentlich unterzugehen droht in der Flut des Materials. Doch alles, was der Autor mitzuteilen hat, ist der Mitteilung wert. Werr gelingt der Versuch einer umfassenden Darstellung des Musikbetriebes im Dritten Reich am Beispiel der Oper. Das Buch setzt bei den ersten Begegnungen Hitlers mit der Oper in Linz an und endet mit dem Untergang des Dritten Reiches. Bei aller Hinwendung und Konzentration auf Wagner, dessen Familie und Bayreuth, wird an Hand der Fakten und Dokumente deutlich, dass sich das Thema entgegen weit verbreiteter Irrtümer mit diesem Komponisten nicht erschöpft. Es ist raumgreifender. Es gibt viele begründete Hinweise darauf, dass Hitler seine Vorliebe für Wagner vornehmlich nach außen lebte, im Innern aber einen durchschnittlichen Musikgeschmack pflegte, der auch die Operetten von Franz Lehár und die Fledermaus einschloss.

Buch - Herorische Weltsicht (Werr)-001Zitiert wird Propagandaminister Goebbels, der einem „Oberschlauberger“, der herausgefunden haben wollte, dass Johann Strauß „Achteljude“ sei, in die Parade fuhr: „Denn erstens ist es noch nicht erwiesen, und zweitens habe ich keine Lust, den ganzen deutschen Kulturbesitz so nach und nach unterbuttern zu lassen. Am Ende bleiben aus unserer Geschichte nur Widukind, Heinrich der Löwe und Rosenberg übrig.“ Diese Einsicht weist den scharfen Antisemit Goebbels nicht plötzlich als Freund der Juden aus, sie offenbart ein Dilemma, dass es „kein nationalsozialistisches Repertoire von ausreichender Publikumswirksamkeit gab“. An Versuchen, das zu ändern, mangelte es nicht. Komponisten dienten ihre Opern mit dem Hinweis auf die eigene stramme Gesinnung an. „Gut gemeint, aber keine Melodie“ befand der oft bemühte Goebbels beispielsweise über die Oper Der Freikorporal des heute völlig vergessenen Komponisten Georg Vollerthun. Musik müsse klingen. Selbst der berühmte Hans Pfitzner, bekennender Nationalsozialist ohne NSDAP-Parteibuch, konnte bei Hitler persönlich mit seinen peinlichen Anbiederungsversuchen nicht landen. Er passte nicht ins kulturpolitische Konzept, welches der tote Wagner mit seinen Helden und Geschichten besser bediente .

Hitler habe das „Dritte Reich“ in eine Art von Wagner-Oper verwandelt, werden Zeitzeugen zitiert. Mit „Opernhafte Politik“, ist denn auch ein besonders spannendes Kapitel des Buches überschrieben. Besonders bei den Aufmärschen und Propagandaveranstaltungen, die gigantischen Inszenierungen glichen, wurde dies deutlich. In den Reden Hitlers macht der Autor Ähnlichkeiten mit der Dramaturgie traditioneller Nummernopern aus. Kosten spielten dabei kleine Rolle. Die Zuwendungen und Protektionen waren zugleich sehr breit gestreut im nationalsozialistischen Deutschland. Zahlreiche Theater und Künstler wurden von höchster Stelle bedacht. Anhand des Aktenbestandes der Neuen Reichkanzlei wird dieser Geldsegen, der sich in einzelnen Fällen auf bis zu 150 000 Mark pro Haus belief, rekonstruiert. Die Theater von Köln, München, Klagenfurt, Coburg, Gera oder Salzburg sind unter den Begünstigten. Allein 50 000 Mark ließ Hitler für Operettenausstattungen am Deutschen Opernhaus Berlin springen.

deutsches opernhaus

Das Deutsche Opernhaus in Berlin – hier auf einer historischen Ansichtskarte – wurde mit 50 000 Mark für Operettenaustattungen bedacht

Mir liegt Weitschweifigkeit in Büchern, ich empfinde sie nicht als Zumutung, sondern als Gewinn. Ich habe mich auf keiner der 248 Textseiten gelangweilt. Wenngleich ein wissenschaftliches Werk mit einem vorzüglichen Apparat, einschließlich Literaturverzeichnis, liest es sich flott. Stil und Sprache sind klar und wohl gesetzt, was heutzutage in Büchern nicht mehr selbstverständlich ist. Ich gebe zu, diesen und jenen Fakt durch eigene Recherche nachverfolgt zu haben. So schien es mir unwahrscheinlich, dass der widerborstige Hans Knappertsbusch 1938 in Wien eine einzige Aufführung der Oper Tiefland auf Wunsch Hitlers dirigiert haben soll. Hat er! In den offiziellen Aufführungsstatistiken der Wiener Staatsoper ist die Aufführung vermerkt. Werr hat Recht!

Anna Bahr-Mildenburg als Wagners Brünnhilde/ Wikipedia; Hitler hat sie erlebt und war von ihr sehr beeindruckt – auch durch sie erschloss sich ihm Wagner.

Es tut mir im Nachhinein nicht leid, Werr in diesem winzigen Detail in Frage gestellt zu haben. Er liefert, wenn man so will, dafür selbst die animierende Steilvorlage. Mit anderen Worten, er macht Lust darauf, das eigene Wissen zu überprüfen und ins Gedächtnis zu rufen, Sachverhalte, Fakten und Zusammenhänge mit anderen Publikationen zu vergleichen, Querverbindungen herzustellen, einem Randthema vertieft nachzuspüren. Ich fühlte mich sehr angeregt. Gleichzeitig erfüllt das Buch alle Voraussetzungen für ein Nachschlagewerk. Gliederung und Personenregister sind dabei ungemein hilfreich.

Es lebt von seinem Faktenreichtum, der mitunter – es wurde bereits angemerkt – auf den ersten Blick nicht zwingend mit dem Thema zu tun hat. Und doch möchte ich auf nichts verzichten – auch auf das folgende Beispiel nicht. Es betrifft Kürzungen und Veränderungen in Werken Wagners, die gemeinhin als sakrosankt gelten. Und höchst umstritten sind. Als Hitler 1908 endgültig nach Wien übergesiedelt war, hatte dort der Dirigent und Komponisten Felix von Weingartner die Nachfolge von Gustav Mahler als Chef der Staatsoper angetreten.

Der Autor Sebastian Werr, nicht nur von operalounge.de hochgeschätzter Musikwissen schaftler. Zurzeit ist er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bayerischen Staatsbibliothek München tätig.

Die noch von Mahler geleiteten Wager-Aufführungen hatten auf den jungen Hitler starken Endruck gemacht, der noch 1940 widerhallte, wie Goebbels nach seinem Tagebuch wiedergegeben wird. Werr scheut nicht vor solchen Ambivalenzen zurück. Weingartner nun hatte von seinem Lehrer Hermann Levi, dem Dirigenten der Uraufführung des Parsifal erfahren, dass Wagner selbst Änderungen und Strichen in seinen Werken nicht abgeneigt gewesen ist. „Ach was – nur keine Sentimentalität“, zititiert Werr nach diesen Quellen Wagner.

Als wohltuend empfand ich es, dass sich der Autor seinem Thema mit großer Sachlichkeit, Offenheit und Selbstbewusstsein nähert. Er kann sich eines Publikums sicher sein, dem nicht erst klar gemacht werden muss, wie widerlich und verbrecherisch der deutsche Nationalsozialismus gewesen ist. Ein bisschen musikgeschichtliche Vorbildung kann allerdings nicht schaden, will man das Buch bis in die letzten Einzelheiten verstehen (Foto oben: Adolf Hitler winkend im Fenster des Bayreuther Festspielhauses 1934 / ZDF History/ History Archive/ / youtube). Rüdiger Winter

Sebastian Werr, Herorische Weltsicht – Hitler und die Musik, 300 Seiten, zahlreiche Abbildungen, erschienen 2014 im Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien, ISBN 978-3-412-22247-5