Star ohne Allüren

Mit großem Fleiß und auf jeder der 443 Seiten bemerkbarer Liebe zum Gegenstand seines Werks hat Ralph Zedler ein Buch über Arleen Auger verfasst und nennt es im Untertitel „Biographie eines heimlichen Stars“. Keine „große Karriere“ wollte sie machen, sondern „musikalische Erlebnisse“  wollte sie haben, die amerikanische Sängerin, die bereits mit 53 Jahren an einem Gehirntumor starb. Viele Fotos der Sängerin sind in dem umfangreichen Band, auf der Titelseite ausgerechnet eines, das eher eine biedere Hausfrau mit Hut und Mantel zeigt als einen Star, der sie war, ohne dass sie es sein wollte. Von diesem Bild sollte sich der Leser nicht abschrecken lassen, denn selten gab es ein so gehaltvolles, akribisch gearbeitetes, aber überhaupt nicht langweilendes Werk über einen Sänger. Es ist einmal im ersten Teil chronologisch gegliedert, ein zweiter, thematisch geordneter Teil schließt sich an mit den Themen „Das künstlerische Credo“, „Repertoire“, „Die Pädagogin“, dazu kommt ein umfangreicher Anhang , der auch eine vollständige Diskographie enthält.

Man glaubt dem Verfasser, dass er die Sängerin seit Kindesbeinen verehrt, und das tun mehr oder weniger auch die vielen Zeugen, die er befragt hat, seien es Kollegen, Dirigenten, den geschiedenen oder den verwitweten Ehemann oder die Schülerin Christine Schäfer. Arleen Auger gilt ihm als die Nachfolgerin von Agnes Giebel im Konzert und von Irmgard Seefried im Lied. Mit Marilyn Horne sang sie, der Religion viel bedeutete, im Kirchenchor. Mit ihr hatte sie eine Tournee mit Belcanto-Duetten geplant, zu der es nur in Ansätzen kam. Denn obwohl sie vor allem mit der Musik von Bach, Händel, Mozart im Gedächtnis der Nachwelt blieb, war sie auch eine hervorragende Opernsängerin in ihrem Fach, zu dem auch die Karriereeröffnerin Königin der Nacht gehörte, wobei stets die Reinheit des Singens, die Höhensicherheit gerühmt wurden, weniger die Durchschlagskraft des Soprans. Geradezu spirituelle Erlebnisse muss sie ihren Hörern vermittelt haben, wie unendlich viele Zeugen berichten, nicht etwa in romanhafter Form, sondern im umfangreichen wissenschaftlichen Apparat genauestens nachgewiesen.

Das Buch wirft einen scharfen Blick auf die Ensemblepolitik an einem großen Haus wie der Wiener Staatsoper, wo der Sopran nach sieben Jahren kündigte, auf das Managerwesen, auf Neid und Missgunst nicht nur an den Opernhäusern, sondern auch an der Frankfurter Hochschule, wo die Auger eine Professur inne hatte. Es gibt Rollenportraits wie das der Alcina von Händel, Portraits von Festivals, an denen sie mitwirkte, so in Vermont unter Blanche Moyse oder das Bachfestival in England.  Das Hin und Her zwischen Europa und den USA wird beschrieben, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, das Musikleben betreffend, erläutert, wobei wenig rühmlich ist, dass die amerikanischen Studenten ungleich fleißiger sind als die europäischen. Aber auch innerhalb Deutschlands gibt es Umzüge, so von Frankfurt nach München, ehe Holland die letzte Heimat wird.

Eine Vielzahl von Kritiken ist geschickt eingebettet in den Erzähltext, fast alle sind euphorisch und erheben die Sängerin weit über das profane, alltägliche Kunstgeschäft. Aber auch kritische wie über eine angeblich zu leise singende Konstanze werden dem Leser nicht vorenthalten. Neben dem Lebens- wie Karriereverlauf ist besonders das „künstlerische Credo“ der Auger interessant. Sie beklagt die „Globalisierung des Timbres“, äußert sich zum Problem des Vibratos in Alter Musik, zum Umgang mit Dirigenten und vielem anderen. Mit Karajan hat sie nie gearbeitet, aber er soll häufig ein bewundernder Zuhörer gewesen sein. Bernstein umarmte sie und meinte, nun könne er sterben, nachdem er sie Mozart habe singen hören. Eng verbunden war sie auch ihren beiden bevorzugten Liedbegleitern Erik Werba und  Irwin Gage. Ihr Credo war offensichtlich: Authentizität, Dienst am Werk und Leitung durch das Gefühl, die Intuition. Ihr Ziel war: Es singt. Nicht: Ich singe. Kritisch gegenüber stand sie den zu dramatischen Stimmen für Mozart, dem Herumreisen der Sänger, dem Schubladendenken von Agenten und Theatern.

Bereichert wird das Buch durch den Abdruck von Interviews der Sängerin und durch die Nachrufe der von ihrem frühen Tod Erschütterten.  Arleen Auger hatte noch viele Pläne, wollte sich verstärkt dem amerikanischen Lied widmen, liebäugelte mit einer Marschallin und einer Norma. Donna Leon, die Händel-Verehrerin, hat ihr ihr drittes Brunetti-Buch „Venezianische Scharade“ gewidmet.  Dies alles und noch viel mehr erfährt man aus dem Buch, das den Intellekt durch die wissenschaftliche Sorgfalt, das Gefühl durch die Anteil nehmende Schreibweise anspricht (Verlag Dohr Köln, 443 Seiten, ISBN 978 3 86846 109 1).

Ingrid Wanja