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Viel Aufhebens wird um die Menüfolge gemacht. Zuerst „Potage crème aux perles“, „Langoustines grillées sauce aux huïtres“, „Palombes roties natures“ und schließlich „Gâteau d’amandes au miel“. Seit zwanzig Jahren wartet Vanessa wartet auf die Rückkehr ihres einstigen Liebhabers Anatol. Jede Nuance der Neubegegnung will deshalb durchdacht sein. Die Spiegel hat sie verhängt, Bilder abgenommen. Anders als die Marschallin, die im Zeitmonolog leichthin sagen kann, „Ja, such dir den Schnee vom vergangenen Jahr!“, will Vanessa die Zeit anzuhalten. Als der Geliebte schließlich kommt, verharrt sie im Halbdunkel, möchte nicht, dass er sie anblickt und schreit erschrocken auf, als sie merkt, dass der Besucher ein anderer ist.
Es ist eine reichlich verschrobene Geschichte, die sich Samuel Barber und sein Lebenspartner Gian Carlo Menotti, der für Barber das Libretto verfasste, einfallen ließen. Die Vorlage fanden sie in den Seven gothic tales der Karen Blixen. Vanessa spielt in einem ungenannt bleibenden nördlichen Land um 1905. Nicht nur wegen dieser Orts- und Zeitangabe muss man an Strindberg und Ibsen denken, an das Puppenheim und Gespenster und an vergiftete Familienstrukturen. Vanessa Mutter, die alte Baronin, spricht nicht mehr, ihre Nichte Erika wird wie eine Bedienstete behandelt. Der Ankömmling ist der Sohn des Liebhabers, der wie sein verstorbener Vater Anatol heißt. Erika vertraut der Großmutter an, dass sie der junge Anatol bereits in der Nacht seiner Ankunft verführte und heiraten möchte. Vanessa gibt sich derweil ihrer Liebe zum jungen, reichlich gewissenlosen Anatol hin und lässt ihre Verlobung verkünden. Erika ist klug genug, den leichtfertigen Anatol zu durchschauen, dennoch stürzt sie sich bei winterlicher Kälte in den See. Erika wird gerettet, gesteht der allwissenden Baronin ihre Schwangerschaft, die sie durch den Sturz beendete. Als Anatol und Vanessa nach der Hochzeit in ihr neues Heim nach Paris aufbrechen, lässt Erika die Spiegel verhängen.
Der Hinweis auf die Marschallin dürfte Barber gefallen haben, dessen Musik schon zur Zeit ihrer Uraufführung 1958 an der Metropolitan Opera (Gianandrea Noseda dirigiert die dreiaktige Fassung von 1964) von einer spätromantischen Melancholie durchflort ist, freilich sehr retrospektiv, doch gekonnt und formvollendet gemacht, ein bisschen klischee- filmmusikhaft, das Orchester wird perfekt eingesetzt, die Vor- und Zwischenspiele sind ausgezeichnet, die ariosen Rezitative flüssig, die Lieder des Doktors eingängig, Erikas „Must the winter comeso soon“, die Ariosi Vanessas und ihr Duett mit Anatol sind große Opernmomente und das Schlussquintett, „to leave, to break, to find, to keep“ ist von einer Schönheit, als wolle Barber den Rosenkavalier zurückzaubern.

The cast and creative team of „Vanessa“ at the European premiere in Salzburg. Back row, L-R: Giorgio Tozzi (The Old Doctor), Ira Malaniuk (The Old Baroness), Samuel Barber (composer), Rudolf Bing (General Manager of the Met), Nathaniel Merrill (Assistant Stage Director) and Nicolai Gedda (Anatol). Front row, L-R: Rosalind Elias (Erika), Eleanor Steber (Vanessa) and Gian-Carlo Menotti (librettist)/Photo: Courtesy of the Metropolitan Opera Archives
Gianandrea Noseda und das National Symphony Orchestra, dessen Leitung er 2017 übernommen hat, haben das Werk am 30. Januar und 1. Februar 2025 in Washington aufgenommen. Kein Wunder, dass das Orchester dieses Zeugnis exzellenter Orchesterarbeit und ausgepichter Spielkultur auf seinem eigenen Label herausbrachte (2 CD NSO0023). Schlichtweg brillant ist die Einleitung zum zweiten Akt mit der Ballszene am Neujahrstages, ein witziges Gesangsstück die folgenden Szenen des Footman (Bassbariton Samuel Weiser) und des Major Domo (Bariton Jonathan Bryan), berührend das Intermezzo des dritten Akts mit den Soli der Holzbläser und Oboe. Allein wegen des ausgezeichneten Orchesterspiels sei diese Einspielung empfohlen. Doch das Konversationsstück, der Text und die filigranen Beziehungen, scheinen mir etwas auf der Strecke zu bleiben.

Samuel Barber: „Vanessa“/Gianandrea Noseda am Pult des National Symphony Orchestra Washington. D.C./Foto Hilary-Hahn -Christian-Palm
Bezeichnenderweise stechen die wirkungsvollen Chargen mit dem Barber-Experten Thomas Hampson als erstaunlich jungjovialer Old Doctor mit dem Lied „Under the willow tree two doves cry und die stimmpräsente Susan Graham als alte Baronin, die zwanzig Jahre zuvor auf einer Einspielung unter Slatkin die Erika gesungen hatte, aus dem Ensemble hervor. Mit süßem Stutzerton singt Matthew Polenzani den unsympathischen Verführer Anatol. Nicole Heaston und J’Nai Bridges, zwei wunderbare Sängerinnen, als die beiden von Anatol und seinem Vater sexuell ausgebeuteten und betrogenen Vanessa und Erika, klingen gelegentlich zu ähnlich, zudem wirkt Erika stimmlich reifer als Tante Vanessa, und ihre Figuren gewinnen wenig Individualität, vor allem Heston bleibt in ihrer langen Szene „He has come, he has come“ bei auslandender Mittellage und geschmeidiger Höhe ein wenig zu opernhaft allgemein. Rolf Fath
