Più ombra di luce

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Was lange währt muss nicht zwangsläufig gut werden, und so ist auch die bereits 2020 in Corona-Zeiten aufgenommene, aber erst jetzt veröffentlichte CD von Simone Kermes, mediumsgemäß ohne optische Reize  außer eines Booklets auskommen müssend eine eher zweifelhafte Angelegenheit. Der Sängerin war stets eher wegen ihrer phantasievollen Garderoben und ihres exaltierten Verhaltens wegen die Aufmerksamkeit des Publikums sicher gewesen als wegen ihrer vokalen Leistungen. Ihre neue CD verblüfft erst einmal dadurch, dass sich Kermes ausführlich und esotherisch angehaucht über den Titel La Luce verbreitet, dann aber in den Texten die freundliche- Licht- und Wärmequelle nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Lediglich „L’ombra“ kommt einmal zur Sprache, aber der ist ja eher der Gegenpol des titelgebenden Substantivs.

Das Sendungsbewusstsein, das ein Markenzeichen des Soprans ist, ist offensichtlich auch der Direktorin der Warschauer Kammeroper, die ein Vorwort beisteuert, zu eigen, denn sie schreibt von der „Idee des Ichs als innerem Erlebnis“, vom Akt des Singens, durch den „erfährt die polnische Sensibilität eine neue universelle Dimension“, und die CD soll für den Hörer zu einer „Quelle des Lichts“ werden. Voller Lob ist auch Thomas Fullert, der in der CD die „Essenz einer inneren Seele“ sieht, „,getragen von Authentizität Virtuosität, Leichtigkeit und Seele“. Auch die Sängerin selbst steuert viele lichterfüllte Deutungen zu den Stücken bei, die sie in bunter Folge, was zeitliche und geographische Einordnung betrifft, zusammengestellt hat.

Es beginnt mit VincisSe in campo armato“ aus der Oper Catone in Utica, wo sich die Stimme als in den Lagen unterschiedlich präsent erweist, man sich insgesamt mehr corpo wünscht, stellenweise der Sopran geradezu gläsern erscheint. Für das folgende „One Day I`ll Fly Away“ von Joe Sample gibt ihr das Period Instrument Orchestra of the Warsaw Chamber Opera unter der Leitung von Julien Salemkour ein solides Fundament und ist insgesamt höchst erfreulich und anpassungsbereit.  Dass Mozart mit einer Art Kinderstimme beizukommen ist, soll wohl des Komponisten Konzert-Arie „Vorrei spiegare, oh Dio“ beweisen,  während für die reizvolle Arie von von Dittersdorf aus Giob die oberen Töne gequetscht klingen, unten nur heiße Luft bewegt wird. Bei Vivaldis Sonno fragt man sich angesichts des Begriffs „ombra funesta, der Erwähnung des Schlafs, was das mit la luce welcher Art auch immer zu tun haben soll.

Gern hört man der Sängerin bei der Vocalise von Ennio Morricone zu. Überwältigungskitsch lässt sich mit dem Einsatz des Chors in Zbigniew Preisners Lacrimosa vernehmen, dankbar ist man dem Orchester für Pendereckis Stück im alten Stil, Bernsteins berühmtes Glitter and be gay, von dem behauptet wird, es „vereint die Extreme Virtuosität und Freiheit“, kann die Mühe, die hier auf eine virtuose Darbietung  aufgewendet wird, nicht verleugnen, und zu geschmäcklerisch Naivität durch Gesäusel vortäuschend hört sich Händels Arie des Acis aus der Oper Acis e Galatea an.

Die Warschauer Kräfte, so auch der Warsaw Chamber Opera Choir zeigen sich als kompetente Begleiter für eine nicht in bester vokaler Verfassung, aber umso  mehr esotherischem Anspruch (siehe das Poem auf der CD-Hülle) auftretende Solistin (Prospero  141). Ingrid Wanja