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Der aus dem Oberbayerischen stammende Johann Simon Mayr (1763-1845), der ab 1789 in Bergamo und Venedig studierte, fortan als italienischer Komponist in Italien lebte und als Lehrer Donizettis in die Enzyklopädien einging, war ein unerschöpflich sprudelnder Musikfabrikant. Gut 60 Opern, unzählige Kantaten und mehr als ein Dutzend Oratorien entstanden wie vom Fließband. Dabei besitzen die meisten einen durchaus unverwechselbaren und phantasievollen Ton.
So auch dieses Joseph-Oratorium, genauer Giuseppe, mit dem Untertitel Pasticcio oratorio, das Mayr 1829 für die Jahresabschlussakademie seiner Musikschule in Bergamo komponierte. Entsprechend vielfältig und gefällig sind die Aufgaben, mit denen die Schüler in ein leuchtendes Licht gerückt werden sollten. Mayr hatte sich für das Pasticcio bei seinem Schüler Donizetti sowie Rossini (das Gebet und das berückende Sextett aus Mosé) und ein bisschen bei Bellini und mit dem Oratorium Atalia bei sich selbst bedient. Die Schüler dürfte das gefreut haben. Ebenso dankbare und wirkungsvolle Aufgaben fielen dem Orchester zu. Die direkte Vorlage für den knapp eineinhalbstündigen Dreiakter, der die alttestamentarische Geschichte von Joseph erzählt, den seine Brüder in die Sklaverei nach Ägypten verkaufen, ist Étienne-Nicolas Méhuls Joseph, der nach der Uraufführung an der Opera-Comique 1807 vor allem in Deutschland langanhaltenden Erfolg hatte.
Franz Hauk ist Mayrs Statthalter in Deutschland. Als solcher hat er bei Naxos bereits mehrere World Premiere Recordings von Werken Mayrs betreut, auch der im September 2024 in Ingolstadt aufgenommene Giuseppe ist eine solche Weltersteinspielung (8.574710). Mit dem Originalklag-Orchester Concerto de Bassus kreiert Hauk ein angenehm durchlässiges, farbiges und klares Klangbild, in dem die Rezitative von erzählerischer Dichte sind und die Arien, Duette und Terzette dramatische Höhepunkte von unbedingt opernhaft mitreißender Wirkung bilden, sei es die Preghiera und das anschließende Ensemblestück aus dem Moses, das schöne Duett Josephs mit Simon oder das des Vaters Jakob/Giacobbe mit dem jüngsten Sohn Benjamin.
Dieser Giuseppe ist kein Flickwerk, sondern ein originelles, inspiriertes Werk. Der prachtvoll singende Simon Mayr Chor setzt in mehreren Nummern markante Akzente. Markus Schäfer ist ein versierter Mayr-Interpret. Sein Tenor gefällt durch stilsicher-geschmackvollen Vortrag, wenige durch jugendliches Feuer, wie es im Duett mit Simon zu Beginn des zweiten Aktes schön wäre. Als Benjamin klingt die Altistin Freya Apffelstaedt etwas zu mütterlich. Zum guten Gesamteindruck tragen Philipp Polhardt (Tenor) als Utoban, Niklas Mallmann (Bass) als Simeone, Matthias Hoffmann (Bass) als Giacobbe, Fang Zhi (Tenor) als Ruben sowie Konstantin Igl (Tenor) und Micha Matthäus (Bass-Bariton) als Neftali bei. Rolf Fath
