.
Die neue Platte des katalanischen Countertenors Xavier Sabata entstand im November 2025 in Lyon (AP425). Furioso ist ihr Titel, was sofort an Vivaldis Oper Orlando furioso denken lässt. Diese findet sich tatsächlich auf der CD neben anderen Werken, welche auf dem Mythos von Lodovico Ariosto fußen – also eine sehr originelle und kluge Konzeption. Nicola Porpora, Johann Joseph Fux, Georg Friedrich Händel und Agostino Steffani sind die weiteren Komponisten. Der Sänger wird begleitet vom Ensemble Le Concert de l´Hostel Dieu unter dem Dirigenten Franck-Emmanuel Comte. Die französische Formation musiziert mit reichem Klangspektrum und hoher Virtuosität, kann dies in drei Instrumentalbeiträgen (von Fux und Steffani) auch imponierend zeigen.
Das Programm beginnt mit zwei Arien aus Porporas L´ Angelica von 1720. Hier ist also die chinesische Prinzessin Angelica, in die Orlando unglücklich verliebt ist, titelgebend. Sie hat ihr Herz an den sarazenischen Prinzen Medoro verloren, was Orlando den Verstand raubt. Sein Schicksal zwischen Leidenschaft und Wahnsinn hat viele Komponisten zur Vertonung gereizt. „La bella, mia nemica“ zeigt, dass die Stimme des Sängers auch nach langer Karriere noch immer intakt und gerundet ist, nie schrille oder gefährdete Momente hören lässt. Der Ausdruck ist intensiv und den existentiellen Situationen der Figuren angemessen. Das betrifft in besonderem Maße „Da me, che volete“, wo der Ausdruck einen besonders erregten Zustand annimmt.
Auch der Wiener Hofkomponist Fux benannte sein Werk nach der Heldin – Angelica vincitrice di Alcina stammt aus dem Jahr 1716. Daraus erklingen zwei Ausschnitte als Weltpremieren. „Si, pugnate“ und die instrumentale „Aria per le furie“. Die Stimme klingt warm und sinnlich, aber auch energisch.
Attraktiv ist die Auswahl aus Händels Orlando von 1733, enthält sie doch die anspruchsvolle Bravour-Nummer „Fammi combattere“, welche der legendäre Kastrat Senesino kreierte und in der Sabata seine Virtuosität und heroische Attacke zeigen kann. Dazu kommt das ausgedehnte Recitativo accompagnato „Ah! Stigie larve“, welches im Schlussteil mit „Vaghe pupille“ eine der faszinierendsten barocken Wahnsinnsszenen bietet. Hier wartet der Sänger mit spannenden Farben und Verfärbungen auf, die den verwirrten Zustand der Figur eindrucksvoll zeigen. Auch „Già l´ebbro, mio ciglio“ demonstriert die mentale Absence des Helden.
Orlandos Arie „Nel profondo, cieco mondo“ aus Vivaldis Orlando furioso (1724) ist in ihrem bravourösen Anspruch für viele Interpreten eine immense Herausforderung, aber gleichermaßen beliebt beliebt wegen ihrer enormen Wirkung. Auch Sabata führt sie mit erregter Stimme, bravourösen Koloraturläufen und enormer Spannweite zu einem Höhepunkt der Anthologie. Aus Steffanis Orlando generoso von 1691 hat Sabata drei Szenen ausgewählt: koloraturgespickt „In quest´alma che langue“, vehement „Armi, stragi, vendetta, furore!“ und „Io dunque senz´armi“, welches die Zusammenstellung effektvoll beschließt. Der Sänger hat sich mit dieser Platte selbst ein würdiges Geschenk zu seinem 50. Geburtstag in diesem Jahr gemacht. Bernd Hoppe
