Eher interessant als überzeugend

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Immer noch relativ sicher vor inszenatorischen Entgleisungen kann man bei Produktionen von jenseits der Alpen sein, insbesondere natürlich bei Aufführungen aus dem Teatro Regio von Parma, der Verdi-Stadt par excellence und in früheren Jahren berüchtigt als überkritisch in der Beurteilung von Sängern. Dem Label Dynamic ist es zu verdanken, dass man weltweit in den Genuss der Aufführungen kommen kann, in diesem Fall einer ganz besonderen, denn es handelt sich um die ebenfalls weltweit erste Video-Aufnahme der französischen Fassung von Macbeth. Seine erste Shakespeare-Oper hatte Verdi 1847 in Italienisch für Florenz komponiert, wo sie einen nicht überragenden Erfolg erzielte. Die Pariser Oper bat den Komponisten um eine französische Fassung, die 1865 in Paris uraufgeführt wurde, natürlich mit einem umfangreichen Ballett. 1874 wurde an der Scala die ins Italienische zurückübersetzte Oper aufgeführt, die heutzutage  als die allgemein gültige gilt, mal mit, mal ohne Ballett aufgeführt wird. Aus diesem Rahmen fällt ab und zu noch eine Produktion der ersten Fassung, so besonders bemerkenswert die vom experimentierfreudigen Martina Franca aus dem Jahre 1997.

Pierre Audi ist der Regisseur dieses Macbeth, der zunächst im Freien aufgeführt wurde, was die Kargheit auf der Bühne von Michele Taborelli erklärt, die eigentlich nur eine Spiegelung des Zuschauerraums bietet mit ab und zu einigen Stühlen, die von den Hexen in der Luft hin- und hergeschwenkt werden oder ihnen als Sitzgelegenheit dienen, wenn sie zum Bankett eingeladen sind. In der Mitte der Bühne ist eine Vorrichtung, die das Versenken der Personen in die Tiefe ermöglicht, wovon häufig, aber nicht durchweg mit Erfolg, Gebrauch gemacht wird.  Farbwechsel, so in Rot, wenn Böses geschieht,  in Macbeth bekanntlicherweise nicht selten,  ein rotes Kainsmal schmückt kurz einmal die Stirn von Lord und Lady, sorgen für optische Abwechslung.  Die Kostüme von Robby Duiveman scheinen im wesentlichen an solche aus der Entstehungszeit des Werks angelehnt zu sein, strecken ihre Fühler aber auch in andere Epochen aus, besonders bei der Einkleidung des Militärs, das im Schlussbild sogar mit Stahlhelmen einher kommt.

Die Regie lässt die Sänger oft auch auf der Bühne verharren, wenn sie nichts zu singen haben, so Banquo mit Sohn lange vor seiner Hinmetzelung, und auch Macbeth erlebt die Reaktion seiner Lady nach Empfang seines Schreibens vom Schlachtfeld hautnah. Ansonsten bleibt die Personenregie konventionell, stört zumindest nicht. Für das Ballett hat sich Pim Veulings eine Art Ringen um Nachkommenschaft zwischen Macbeth und drei Ladies ausgedacht, wobei der Ausgang trotz zeitweise gewölbter Leiber der Tänzerinnen  offen bleibt.

Den Höhepunkt der Vorstellung bietet zumindest musikalisch der Chor der Flüchtlinge, die hier „Ô patrie! Ô noble terre!“ zu singen haben und das mit wunderbaren Schwelltönen, mit unglaublicher Gesangskultur darbieten. Auch sonst ist der Chor (Martino Faggiani) die sichere Bank der gesamten Aufführung. Dahinter kaum zurück steht das Orchester unter Roberto Abbado, denn wo sollte man Italianità finden, wenn nicht hier, und Macbeth bleibt trotz der Übersetzung ins Französische eine italienische Oper.  Sogar die Solistenbesetzung kann mit, abgesehen von der Lady, Italienern in den Hauptpartien aufwarten. Die Russin Lidia Fridman ist eine optisch attraktive, ihren Partner an Körpergröße übertreffende Lady, die vokal den Vorstellungen, die Verdi von der Partie hatte, entspricht: eine nicht schöne, aber durchschlagskräftige Sopranstimme mit üppiger, dunkler Tiefe und nicht ohne (angemessene!) schrille Töne in der Höhe, mit Koloraturen wie Eiszapfen und in der Nachtwandlerszene mit facettenreicher Mühelosigkeit.  Viel auf allen Vieren muss sich der Macbeth von Ernesto Petti bewegen und singt trotzdem mit schöner Phrasierung, allerdings nicht durchgehend diszipliniert, sondern häufig in vokale Kraftmeierei verfallend, sein abschließendes „Honneurs“ allerdings kultiviert, wenn auch wenig Emotionen auslösend, darbietend. Macduff Luciano Ganci wird zu seiner Arie mit der in Folie gewickelten Familie, darunter Baby-Zwillinge, konfrontiert, bewältigt seine Klage mit schöner Agogik und angenehmem Timbre. Für ihn hat sich die Regie noch einen inneren Kampf um Verzicht oder Kampf um den Thron ausgedacht, eine schöne Idee und gut umgesetzt. Banquo ist Michele Pertusi und damit das As der Solistenbesetzung, wunderbar phrasierend, markant und voller Würde. David Astorga behauptet sich als Malcolm, Natalia Gavrilan, in dieser Fassung als La Comtesse, stützt zuverlässig im ersten Finale.   

Die Begegnung mit dieser Macbeth-Version ist interessant, wäre es noch mehr mit muttersprachlichen Sängern und kann doch dem italienischen Macbetto den Rang nicht ablaufen (Dynamic 58063). Ingrid Wanja