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Was soll man über Doris Soffel noch sagen, was noch nicht gesagt worden ist? Sie hat alle nur möglichen Akkoladen, Urkunden, Orden, Film-Porträts, Auszeichnungen erhalten, die sich eine Künstlerin nur wünschen kann (nicht zuletzt das deutsche Bundesverdienstkreuz, den Orden Royal Swedish Order of Northern Star, Ehrenmitgliedschaften und Kammersängerinnen-Ernennungen). Ihre Position als die herausragende Singschauspielerin ihrer Zeit ist unangefochten – und das über viele Jahre hindurch bis heute. Ihre Rollenporträts namentlich der letzten Zeit haben sich ins Gedächtnis der Zuschauer bleibend eingeprägt – wie ihre Vorgängerinnen etwa Martha Mödl, Astrid Varnay, oder auf einem anderen Feld auch Renata Scotto oder die Callas verbindet sie Singen mit überragender Intelligenz der Gestaltung und der klugen Verwaltung ihrer Mittel zu Darstellungen von eindringlicher Intensität.

Doris Soffel als Klytämnestra in Stuttgart/Foto: Martin Sigmund
In Hamburg war dies zuletzt in der Pique Dame in Willy Deckers Inszenierung zu erleben (noch bis zum 13. März 2026) , Anlass für ein Interview an der Hamburgischen Staatsoper, wo Teresa Grenzmann die Sängerin traf und über Stationen und Grundsätze im künstlerischen Leben von Doris Soffel sprach. Das ganze Interview steht auf der Website der Oper, und wir zitieren daraus einige Passagen. Anschließend noch ein paar Ausschnitte aus einem Gespräch mit Hanns-Horst Bauer in Stuttgart zu weiteren Themen. G. H.
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Wenn ich versuchen wollte, die Stationen Ihrer Laufbahn aufzuzählen, fiele mir die Auswahl schwer. Würden Sie selbst Einzelnes herausheben, was Ihnen besonders wichtig war – oder ist es eher die Gesamtheit der schönen Bögen, die den Kreis Stück für Stück rund macht? Innerhalb von mehr als 50 Jahren gibt es viele tolle Momente und sehr viele Länder weltweit, Festivals und Städte: sei es Salzburg, Bayreuth, Paris, Mailand, London, New York, Buenos Aires, etcetera etcetera … Aber manchmal geschehen in einer sogenannten Repertoirevorstellung an einem nicht so spektakulären Ort Magische Momente, die unvergesslich sind. Das ist das Schöne an diesem Beruf!

Doris Soffel als „Pique Dame“-Gräfin in Hamburg/Foto Beu
Es ist halt kein Beruf wie jeder andere. Ich liebe die Musik, ich liebe das Singen, ich pflege meine Stimme – das bin ich, das ist mein Ich! Ich bin also eine richtige Sängerin, ich sehe das nicht als Job, es ist meine Passion. Und ich bin auch neugierig: auf gute neue Regisseure, interessante Konzepte, Auseinandersetzungen, Dialoge, bei denen man gegenseitig etwas lernt, auch abseits einer klassischen Sichtweise, die man vor 30, 40 Jahren hatte. Das ist ja ein Work in progress. Auch mit Herrn Kratzer kam ich fantastisch aus; mit ihm habe ich Arabella in Berlin gemacht.
Ihr Repertoire umfasst über hundert Partien – was ja eigentlich unfassbar klingt. Ist das eine Hochrechnung oder führen Sie tatsächlich Buch? Ich habe Kalender, die zurückgehen bis ungefähr 1973, darin habe ich notiert, was ich alles gemacht habe. Und ich habe eine Dame, die seit Beginn mein Fan ist und alles notiert, das ist sehr praktisch. [Lacht.] Ich habe ja das ganze Repertoire von Bach, Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, alles durchgesungen … und sowohl Moderne als auch ungewöhnliche Opern wie La Fiamma von Respighi oder Königskinder von Humperdinck. Ich bin in keine Schublade zu stecken. Aber ich weiß nicht, ob das heute überhaupt noch möglich ist, dass man so vielseitig sein kann.

Doris Soffel als Klytämnestra in Valencia/Soffel
Als ich meine Karriere anfing, gab es noch keine Globalisierung. Dieser internationale Austausch ist gut und sehr interessant, aber man muss sich heute viel schneller entwickeln, sonst nimmt das Haus jemand anderen, das ist viel erbarmungsloser als zu meiner Zeit. Dieses Gefühl, gedrängt und gepresst zu werden, hatte ich nicht so sehr am Anfang der Karriere.
Wie viele dieser Partien würden Sie tatsächlich annehmen können und wollen, wenn die Staatsoper Hamburg oder der Rest der Welt Sie morgen rufen würde? Spontan: Klytämnestra in Elektra, Herodias in Salome, Madame de Croissy in Les dialogues des Carmélites und die Gräfin in Pique Dame sind sofort abrufbar! Und dann noch fünf bis sechs andere Partien mit etwas Vorbereitung. (…)
Die sogenannten bösen Frauenrollen sind herausfordernd, interessanter und ambivalenter in all dem Leid und der Enttäuschung, die sich hinter dem sogenannten Bösen oft versteckt. Ich versuche, auch immer noch das Gute in diesen Frauen zu finden – zum Beispiel in Klytämnestra aus Elektra –, welches oft tief verborgen ist. Mich interessiert das psychologische Element.
Die Pique Dame-Gräfin ist nicht böse, sie ist eigentlich nur frustriert und schlecht gelaunt, weil nichts mehr so wie früher ist. Sie lebt in der Welt von gestern: pure Nostalgie einer ehemaligen Schönheit und spielsüchtigen Celebrity am Hofe von Versailles. Sie singt ein weltberühmtes wehmütiges Chanson über all ihre Erfolge und erotischen Eroberungen. Pathetisch … und zugleich anrührend. Eine mystische Aura umgibt sie – nicht umsonst dominiert in dieser Inszenierung ein Porträt der jungen Greta Garbo die Bühne. Der spielsüchtige Hermann, von dem sie dann ermordet wird, ist besessen von dem Bild und dem Geheimnis der Gräfin. Doch das Gerücht um das Geheimnis der drei Karten hat sie nicht in die Welt gesetzt. Sie kann ihm nur die falsche Antwort geben, weil sie die richtige nicht weiß. Er bedrängt sie und dann stirbt sie. Und kommt als Geist zurück, als innere Stimme des Wahnsinns. Man muss es so spielen, dass man gerührt wird von dieser alten Frau.

Doris Soffel privat/Soffel
Wenn man über eine so lange Zeit auf Reisen ist, gastiert, national, international – wo verankern Sie Ihr Zentrum? Meine Familie ist wichtig. Und ich habe mir früh angewöhnt, verschiedene schöne Orte zu haben, an die ich gerne zurückkomme. Es muss nicht das eine Nest sein oder die absolute Oase. Ich bin fähig, mir Ruhepunkte zu schaffen; meine Tochter sagt, ich richte mich in jedem Hotelzimmer ein, als würde ich für Jahre einziehen. [Lacht.] Es ist eine Art Überlebenskunst: dass man sich wohlfühlen will. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die ich mitnehme: bestimmte Tees, eine Tasse, die mir gut gefällt, Fotos, die ich dann aufstelle. Man muss es sich einfach schön machen. Damit man auch gern zur Arbeit geht und gern zurückkommt, die Füße hochlegt und sagt: So, das ist jetzt für zwei Monate mein Zuhause, Schluss!
Aus all Ihrer langjährigen Erfahrung heraus: Was ist das Klügste, das Sie einer jungen Sängerin raten können? Meine liebe junge Sängerin: Bleib Dir selbst treu! Bei der Auswahl Deiner Rollen versuche bitte die Balance zwischen Wagemut und Vernunft zu halten. Höre nie auf, an Dir zu arbeiten. Deine Stimme ist ein empfindliches Instrument. Pflege sie gut! Das Gespräch mit Doris Soffel führte Teresa Grenzmann am 13. Februar 2026/ https://www.die-hamburgische-staatsoper.de/de/artikel/interview-doris-soffel-pique-dame .
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Doris Soffel als Herodias in Washington/Soffel
Dazu noch zwei Ausschnitte aus einem Interview bei operalounge, das Hanns-Horst Bauer in Stuttgart mit Doris Soffel führte: Was hat sich denn für Sängerinnen und Sänger in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Oh Gott, so vieles. Heute ist alles sehr schnelllebig und unruhig geworden. Die Sänger werden häufig in Rollen verschlissen, die sie gar nicht singen sollten. Im Ensemble, wie es das in Stuttgart zum Glück immer noch gibt, können Stimmen noch wachsen und reifen.
In Stuttgart hatten Sie am Beginn Ihrer Karriere unter anderem große Erfolge mit Belcanto-Partien. Wie hat sich Ihre Stimme im Lauf der Jahrzehnte entwickelt? Wie haben Sie sich darauf eingestellt? Ich habe ja schon mit 29 die Fricka im „Ring“ in Basel gesungen. Und als ich dieselbe Partie 1983 mit Georg Solti in Bayreuth gemacht habe, stand ich vor einer wichtigen Entscheidung, da ich fast zur gleichen Zeit Rossinis „Cenerentola“ in Schwetzingen und Stuttgart gesungen habe. Ich wollte in meinem Leben unbedingt einmal Primadonna sein, und das ist man bei Rossini und seinen Koloraturen wirklich. Koloraturen, Koloraturen, Koloraturen, das kann ich nur jedem Sänger empfehlen, da man so die Stimme nicht nur perfekt von unten bis oben und von oben bis unten unter Kontrolle, sondern sie auch frisch und elastisch hält. Zudem haben mich die Belcanto-Partien einfach glücklich gemacht.
Die Klytämnestra in der „Elektra“ von Richard Strauss ist eine Ihrer Paraderollen. Gehört sie auch zu Ihren Lieblingspartien? Inzwischen ja. Meine erste Klytämnestra durfte ich bereits 1996 mit Lorin Maazel und den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen singen, eingesprungen für die erkrankte Leonie Rysanek. Das war für mich damals etwas absolut Utopisches, habe ich doch zugleich Charlotte in Massenets „Werther“ und die Judith in Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“ gesungen. Danach habe ich die Rolle dann lange liegen gelassen, weil ich mich noch zu jung dafür fühlte. Klytämnestra war für mich die Krönung aller Frauenrollen, ein wahres Monster, wo man alle stimmlichen und schauspielerischen Facetten zeigen muss. Klytämnestras kamen dann zurecht erst wieder ab 2009, nachdem ich Kundry, Ortrud und die Amme in „Frau ohne Schatten“ gemacht hatte. Das war auch gut so. Es folgten die unterschiedlichsten „Elektra“-Produktionen, und jedesmal entdeckte ich eine neue Dimension meiner Klytämnestra. Das ist einfach eine tolle Partie, in der man sich so richtig ausleben kann. (…)

Doris Soffel – zeitlos schön!/Soffel
Wenn mich ein Regisseur bremst, ist das für mich das Schlimmste. Wichtig bei der Zusammenarbeit ist, dass man offen und vernünftig miteinander über Probleme und Konzepte spricht. Als Sänger sollte man, wenn einem etwas nicht gefällt, immer gleich mindestens zwei Alternativen in petto haben. Oper ist zwar sehr emotional, aber diese Gefühlswelt sollte man nicht hysterisch Türen schlagend in einen Arbeitsprozess hineintragen.
Und wie sieht´s mit den Dirigenten aus? Da ist es leider so, dass es einige bisweilen gar nicht interessiert, was da auf der Bühne passiert. Wichtig für den Sänger ist deshalb immer, dass man äußerst präzise ist: Mit einem Auge natürlich schon immer beim Dirigenten, mit dem Kopf bei der Regie und mit dem Herzen bei sich selbst. Eigentlich bin doch ich derjenige, der da oben steht und seinen Kopf hinhalten muss. Das alles ist manchmal gar nicht so einfach zu vereinbaren. Hanns-Horst Bauer
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„La Fiamma“ Respighis an der Deutschen Oper Berlin/Szene mit Doris Soffel/Foto Monika Rittershaus
Zur Person: Doris Soffel, geboren in Hechingen, studierte Violine und Gesang an der Hochschule für Musik und Theater München. Sie war von 1973 bis 1982 Mitglied des Ensembles der Staatsoper Stuttgart. Sie gastierte regelmäßig weltweit und auf den Opernbühnen in München, Berlin, Dresden, Wien und Zürich, sowie bei den Festspielen in Bayreuth und Salzburg. Zu ihrem Repertoire, das über hundert Partien umfasst, gehören u. a. Cenerentola und andere Belcanto-Rollen, Fricka (Das Rheingold, Die Walküre), Klytämnestra (Elektra), Amneris (Aida), Ježibaba (Rusalka), Kundry (Parsifal), Amme (Die Frau ohne Schatten), Madame de Croissy (Les dialogues des Carmélites), Gräfin (Pique Dame), Sinaide (Mosè in Egitto), Kassandra (Troades), Marfa (Chowanschtschina), Adelaide (Arabella) und Zia Principessa (Suor Angelica). Sie ist Kammersängerin, Ehrenmitglied der Deutschen Oper Berlin, Trägerin des königlichen schwedischen Nordstern-Ordens und des Bundesverdienstkreuzes am Bande. An der Hamburgischen Staatsoper gab sie 1983 ihr Debüt als Arcabonne (Amadis de Gaule). Hier hat sie auch Sesto (Clemenza di Tito), Dorabella (Così fan tutte), Octavian (Der Rosenkavalier), Maddalena (Rigoletto), Madame de Croissy (Les dialogues des Carmélites) und Erda (Das Rheingold und Siegfried) gesungen. In der Spielzeit 2025/26 kehrt sie als Herodias (Salome) und Gräfin (Pique Dame) an die Hamburgische Staatsoper zurück. (Stand: 11/2025) (Hamburgische Staatsoper)
