Marcella Reale

 

Meine alte Freundin Marcella Reale (1929-2021) ist tot. Was war sie doch für eine liebenswürdige, freundliche und vor allem lustige Frau (und herausragende Sängerin). Und was für eine unkonventionelle. Ich erinnere mich noch genau an das Raunen im alten Politeama in Palermo (das mit dem tropfenden undichten Glasdach für die Reihen 14 – 16 Mitte), als Marcella im fleischfarbenen Trikot die Titelpartie in Leoncavallos Oper La Maschera nuda gab, hoch erotisch, aber doch anständig. Der Saal war rappelvoll, die Palermitaner zu Hauf erschienen, vom Titel angelockt, der sich denn doch als lässlich erwies (wie die Oper selbst auch). Marcella war Amerikanerin, trotz ihres italienischen Namens. Und wir ratschten über Kunst und Singen, über ihren Lieblingspartner Domingo und über ihre Familien in Italien und back home. Sie war eine sehr attraktive Person, mit schönen rot-schwarzen Haaren und einem sehr beweglichen Gesicht, Hände in der Luft, eben doch eine Italiana.

Unser Freund Brian Castle-Onion, Australiens Mann für die Oper und Herausgeber zahlreicher historischer Aufnahmen australischer Gesangsgrößen, erinnert seinerseits an Marcella Reale, die er ebenfalls gut kannte. Seine nachfolgende Hommage deckt sich absolut mit meinen Erinnerungen an diese interessante Sängerin. R.i.p. Marcella. G. H.

 

Die amerikanische Sopranistin Marcella Reale sang 1968 und 1969 zwei Spielzeiten an der Opera Australia in den Rollen Senta, Donna Anna, Minnie und Elisabeth. In den Nachrichten anlässlich ihres Ablebens (17. Jänner 2021) erinnert man in Australien an „ihre überlebensgroße Persönlichkeit, ihre intensiven Leistungen und ihre Großzügigkeit gegenüber Kollegen und Mitarbeitern“. Natürlich sprechen ihre internationale Karriere und ihre vielfältigen Rollen für sich. Sie wurde für ihr Engagement und ihren Erfolg im Repertoire des Maestro mit dem Puccini d’Oro ausgezeichnet. In Treviso erhielt sie gemeinsam mit Gianni Raimondi den Mario del Monaco-Preis als beste Verismo-Interpretin.

Sie war in der Tat eine großartige Interpretin des Verismo und sang die standardmäßigen weiblichen Hauptrollen des italienischen, französischen und deutschen Repertoires. (Ihre Lieblingsrolle war Katerina Ismailowa in Schostakowitschs Oper.)

Geboren wurde sie am 17. Juli 1929 als Tochter italienischer Eltern in Brooklyn, New York. Während ihrer frühen Karriere verkörperte sie bereits im Alter von 14 Jahren die Mimi in San Francisco, gefolgt von der Cio-Cio-San im nächsten Jahr – ja … im tatsächlichen Alter von Puccinis Heldinnen! Diese wurden von ihren wichtigsten Stimmen- und Interpretationslehrern – Armand Tokatyan und Lotte Lehmann – beaufsichtigt. Sie erhielt ein Fulbright-Stipendium, mit dem sie ihr Studium an der Hochschule für Musik in München fortsetzen konnte.

Marcellas Hauptkarriere begann 1957/58 am Staatstheater Heidelberg. Danach trat sie am Aalto-Musiktheater in Essen (1958/59) und am Theater von Krefeld auf. 1961 sang sie zum ersten Mal in Italien am Verdi-Theater in Triest. Danach trat sie an anderen Theatern Italiens (Teatro Regio di Parma, Teatro di San Carlo in Neapel) sowie an der New Yorker Oper auf. Sie sang auch in San Francisco, Seattle, Tel Aviv und Athen.

Zu ihren Bühnenkollegen gehörten Plácido Domingo, José Carreras, Mario del Monaco, Franco Corelli, Alfredo Kraus, Richard Tucker, Tito Gobbi, Birgit Nilsson und Jon Vickers (der Alfredo zu ihrer Violetta!). 1991 wurde sie nach Japan eingeladen, um Meisterkurse zu geben. 1993 kam sie zurück, um die japanische Erstaufführung von Scarlattis Il Mitridate Eupatore zu inszenieren. Sie blieb bis 2017 in Tokio, als sie in die USA zurückkehrte.

Marcella war eine wunderbar großzügige Seele mit einer elektrisierenden Persönlichkeit auf und neben der Bühne. Sie hatte eine starke Präsenz und unterstützte junge Künstler unglaublich – allerdings mit eindeutigen Meinungen, die durch ihre persönlichen Aufführungserfahrungen gestützt wurden. Sie war eine enzyklopädische Quelle, die ich bei vielen Gelegenheiten mitgeschnitten habe. Man musste nur eine Rolle erwähnen und es sprudelte eine Menge heraus an wertvoller Information über den Charakter, die Herangehensweise an das Singen der Rolle und was dem Publikum zu vermitteln ist, wenn man nicht singt!

Sie hatte ein enormes Repertoire an Anekdoten … So lernte sie in den frühen 1960er Jahren Mascagnis Isabeau in gerade vier Tagen als Einspringerin für die erkrankte Marcella Pobbe in Neapel. Als die Pobbe hörte, dass die Reale bereit sei, sie in der Produktion zu ersetzen, gewann sie „überraschend“ ihre Gesundheit wieder. Als Dankeschön gab das Management Marcella zwanzig Aufführungen von Cio-Cio-San (eine Rolle, die sie über dreihundert Mal dokumentiert sang). Zu dieser Zeit durfte Bargeld Neapel nicht verlassen, weshalb Marcella das Honorar der zwanzig Aufführungen für den Kauf eines prächtigen Cognac-Diamantring verwendete (umgeben von Smaragden und weißen Diamanten). Das war reine Diva-Mentalität.

In Buenos Aires ersetzte sie Marie Collier als Tosca. Während sie 1975 die Titelrolle in Adriana Lecouvreur in Europa sang, wurde sie am selben Abend ans Royal Opera House in Covent Garden berufen, um eine erkrankte Sopranistin zu ersetzen. Marcella stieg ins Flugzeug und trug eine Stunde vor der Landung ihr Cio-Cio-San-Make-up auf und setzte ihre Perücke auf. Auf der Straße erhielt sie eine Polizeieskorte zum Opernhaus – das den Vorhang fast eine Stunde für ihre Ankunft geschlossen hatte. Als der Vorhang aufging, hatte sie weder den Dirigenten noch einen der Sänger vorab angetroffen. Ihr Pinkerton war José Carreras.

Ihr schönes, zierliches Gesicht ist deutlich als Mimi zu erkennen in der Musetta-Sequenz im M.G.M.-Film über das Leben der australischen Sopranistin Marjorie Lawrence Interrupted Melody aus dem Jahre 1955. Ihre einzige Liù in Turandot war mit Birgit Nilsson und Franco Corelli. In dieser Nacht hatte Marcella rasendes Lampenfieber und ließ den Dolch zweimal in ihrer Selbstmord-Szene fallen. Sie hatte weder Nilsson noch Corelli zuvor gesehen, und als sich der Vorhang öffnete, schüttelte Franco Corelli ihre winzige Hand und stellte sich vor – vor den Augen des Publikums.

Ich verehrte Marcella, und dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie mochte es nicht, über die Vergangenheit zu sprechen, obwohl ich vermute, dass sie es tatsächlich liebte. Sie war immer jung … mit der Persönlichkeit eines verspielten Mädchens. Sie hasste es auch, wenn ich anrief, um ihr alles Gute zum Geburtstag zu wünschen – aber ich bestand darauf. Sie hinterließ diejenigen, die sie kannten und verehrten, mit lebenslangen Erinnerungen. Sie beleuchtete unser Leben wie ein Leuchtturm. Wir werden sie unglaublich vermissen. Brian Castles-Onion/ Übersetzung Daniel Hauser