Büsser/ Weber: „Obéron“ en francais

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Carl Maria von Webers Opern klingen in Französisch enorm singbar, zum Erstaunen von uns teutonischen Nachbarn. Spätestens Christoph Eschenbachs Berlioz-Version des Freischütz (als Freyschutz) aus Paris 2002 (mit der anrührenden Michaeela Kaune und der bezaubernden Annick Massis) zeigte uns die Funktionalität der französischen Fassung und gehört zu den absoluten Schätzen meiner Musiksammlung – zumal die Berlioz´schen Rezitative die Oper singbar und spannend machen. Das gilt auch für eine Euryanthe vom französischen Rundfunk von 1965 mit der resoluten Andrée Esposito neben Alain Vanzo. Nun aber gibt´s auch noch einen Obéron in Französisch, in einer vom Dirigenten Henri Büsser eingerichteten Rezitativfassung für die Pariser Oper 1955 unter dem genialen André Cluytens, der eine erste Equipe beschwingt und total überzeugend bei Malibran Music leitet. Es ist dies der Mitschnitt einer Aufführung im Januar 1955, mit einer lustigen Einleitung für die Radio-Hörer. Vom Oberon gibt es ja kaum eine befriedigende Industrie-Aufnahme, die historischen (meist Rundfunk und live) sind alle irgendwie langweilig und natürlich bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet. Die modernen Stereo-Einspielungen leiden an Erzählern, weil man dem Text der Dialoge nicht traute, oder eben an den langweilig gebotenen Dialogen selbst (EMI, RCA, DG) und an den ungeeigneten Stimmen (Nilsson, Domingo – monströs, Deborah Voigt & Co. nicht minder) – trotz einiger Einzelschönheiten (Peter Seifert als Hüon zum Beispiel neben einer zu ehrgeizigen Inga Nielsen).

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oberonAm 12. Februar 1953 hob sich der Vorhang im Palais Garnier über einer Produktion, mit welcher Maurice Lehmann einmal mehr das Pariser Publikum zu überwältigen gedachte; nach den Indes galantes, die 1952 Première gehabt hatten, besaß dieser Oberon alles, um die Nachfolge anzutreten. Doch trotz der abermals von Henri Büsser stammenden Fassung der Musik, trotz den prachtvollen Kulissen und Kostüme von Jean-Denis Malclès, trotz der Choreographie von Serge Lifar, trotz der Parfüms von Yuri Gutsatz, die im Saal versprüht worden waren wie während Rameaus Blumenballett, hatte die neue Oper im Revueform nicht ganz den erhofften Erfolg.

War das Publikum etwa entrüstet über die damals verhältnismäßig modernen Inszenierung? Henry-Louis de la Grange entrüstete sich während der Première (und später im englischen Opera) darüber, dass von Rezia sängerunfreundliche Bewegungen während „Océan, prodige immense“ verlangt wurden. Die Produktion wurde während zweier Spielzeiten wiederaufgenommen, bis in den April 1956. In diesem Zusammenhang besitzt die pasticheartige Oberon-Fassung von Henri Büsser, die namentlich mehrere Ballette aus orchestrierten Klavierstücke Webers beifügt, den bedeutenden Vorteil, dass sie auf die in den 1880er Jahren von Franz Wüllner komponierten Rezitative zurückgreift. Die Aufführung des Werkes wird für die Sänger unproblematischer. Und das dürfte ein geringer Preis sein, wenn es dadurch ermöglicht wird, die schöne Musik zu hören.

Im Februar 1954 hatte Nicolai Gedda sein Début an der Pariser Oper mit dieser heroischen Rolle gegeben, die offensichtlich seine Möglichkeiten überstieg; 1955 übernahm mit aller geforderten vokalen Kraft Georges Noré (1910-2001) den Hüon, ein französischer Tenor, der heute zu Unrecht vergessen ist, obgleich Thomas Beecham ihn 1947 für eine Aufnahme des Faust in der Titelpartie besetzte. Man sah in ihm den Nachfolger Thills, doch zog er sich 1960 etwas verfrüht von seiner Karriere zurück.

Szene "Oberon" an der Pariser Oper, 1954/ OBA

Szene „Oberon“ an der Pariser Oper, 1954/ OBA

Dieser französische, historische Obéron ist eine ganz aufregende Sache für sich. Er bietet die unterschiedlichen, nicht immer ganz tollen Kräfte der französischen Nachkriegsszene, und er hat vor allem in André Cluytens einen engagierten, rasanten Leiter von Chor und Orchester der Pariser Oper. Unter den Solisten findet man bekannte wie Martha Angelici, Alain Vanzo (hier noch als Wurzen-Pirat), sogar Rita Gorr (als Puck), Denise Duval (als Fatime mit ihrem hellen Sopran falsch besetzt) und vor allem den kraftvollen George Noré als leuchtend-eindrucksvollen Hüon neben einer mir Unbekannten wie die Braslianerin Constantina Araujo als furchtlose Rezia (mit 2. Strophe der Ozean-Arie sogar, nicht wirklich eine ideale Stimme, aber eine resolute, furchtlose). Paul Finel, der Jean aus der Hérodiade mit der Crespin bei EMI, singt erzen einen Jannisair, Henri Medus ist der Caliphe – es ist ein Treffen mit den Stimmen der Fünfziger. Auf 3 CDs breitet sich bei ordentlicher, etwas stumpfer Akustik und recht frugaler Ausstattung (immerhin die Tracks und zwei schöne, stimmungsvolle Fotos von der Produktion) dieser Oberon aus (mit ein paar historischen Dokumenten zum Füllen auf CD 3) – absolut habenswert und eine wirkliche Bereicherung wegen des überspringenden Enthusiasmus von Cluytens und der Geschlossenheit des Ensembles. Das hier macht einfach Spaß (MR 790, 3 CD).

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Webers „Oberon“ an der Pariser Oper 1954/ OP

Noch eine Rezension der originalen Pariser Obéron-Produktion: „‚Oberon‘ at the Paris Opera“  von Henry-Louis de La Grange (Musikwissenschaftler und Mahler Biograph) in der nicht einmal erwähnt wird, dass in Französisch gesungen wird…: Die Gründe für die Wahl von Oberon als Nachfolger von Les Indes Galantes sind leicht zu erkennen. Es handelt sich um eine „Märchenoper“, die wie Tristan auf einem mittelalterlichen Heldengedicht basiert; obwohl sie wenig oder gar keinen dramatischen Wert besitzt, boten die vielen Szenenwechsel, die orientalischen Episoden und die mythischen Charaktere die Möglichkeit, aufwendige Inszenierungen zu verwenden… Die beiden Hauptrollen in der vorliegenden (Oberon-)Produktion sind mit ausländischen Sängern besetzt. Constantina Araujo (Rezia) ist eine junge brasilianische Sopranistin, die an der Scala gesungen hat. Ihre Stimme ist von Wärme und Schönheit, gleichmäßig in allen Lagen, kraftvoll und doch beweglich genug, um Vokalisen zu singen. Darüber hinaus verfügt sie über Eigenschaften, die bei dramatischen Sopranen selten zu finden sind: ein hübsches Gesicht und eine gute Figur. Ihr Gesang in dieser gewaltigen Rolle ist eine hervorragende Leistung, auch wenn er durch ein nachhaltigeres Legato in den lyrischen Passagen verbessert werden könnte. (Nicolai Gedda sang den Hüon und kommt nicht gut weg…) Nicolai Gedda kämpft gegen widrige Umstände in der Rolle des Huon, die für seine Stimme viel zu dramatisch ist. Sie verlangt fast einen Heldentenor, und Gedda ist gezwungen, seine stimmlichen Ressourcen ständig zu überfordern. Nur in den Pianopartien kann er seine schöne, lyrische Stimme zur Geltung bringen; dann singt er mit großer Tonschönheit und ausgezeichneter Musikalität.

Zu Webers „Oberon“/der Dirigent und Bearbeiter Henri Büsser vor dem Portrait von Auguste Lewroux/Wikipedia

Der größte Fehler dieser Produktion war, die Mezzosopranpartie der Fatima der lyrischen Sopranistin Denise Duval zu übertragen. Wann immer eine Transposition nicht möglich war, wie in den Ensembles, wurde entweder die Gesangslinie geändert oder die Sängerin gezwungen, ein undankbares Register ihrer Stimme zu verwenden. In den meisten Fällen führte dies dazu, dass das Gleichgewicht und die vom Komponisten geplanten stimmlichen Kontraste zerstört wurden. Die Stimme von Raphael Romagnoni (Oberon) ist kräftig, aber kantig und in der Tonlage unbeständig. Denise Scharley (Puck, auf der Malibran-Aufnahme ist es Rita Gorr) und Christiane CasteIli (eine Meerjungfrau) sind angemessen. (…) Constantina Araujos Hauptproblem, ihre abgehackten Sätze, sind auf ihre fehlerhafte französische Diktion und ihre mangelnde Erfahrung mit dieser Sprache zurückzuführen. Es ist auch bedauerlich, dass (Regisseur) M. Lehmann darauf bestanden hat, dass sie alle im Text ihrer Arie Ocean, thou mighty monster beschriebenen Bewegungen durchführt. (…) Unter diesen Umständen ist es erstaunlich, dass Frau Araujo überhaupt singen kann. Andre Cluytens ist wahrscheinlich der kompetenteste französische Operndirigent. Er hatte die musikalische Darbietung des Oberon fest in der Hand, aber seine Lesart der Partitur war eher durch ihre Klarheit als durch ihre magische Qualität bemerkenswert. Ein weiterer störender Faktor war der Klang des „magischen“ Horns. Es ist bekannt, dass französische Blechbläser einen besonders hellen Klang erzeugen; in diesem Fall klang das Horn so saxophonähnlich, dass es die Atmosphäre des nebligen deutschen Waldes, in dem Oberon lebt, nicht wiedergeben konnte.

Carl Maria von Weber/Gemälde von Schimon/Wikipedia

M. Lehmanns Regie war enttäuschend. Er ist am besten im Umgang mit großen Gruppen, obwohl er manchmal dazu neigt, die Bühne zu überfüllen. Wie die meisten Ballette an der Oper leiden auch die des Oberon unter ihrer einfallslosen Choreographie. Was die billigen Parfüms angeht, die in den Zuschauerraum gesprüht werden, so würden sie zweifellos das Publikum der FoliesBergeres erfreuen, auf die M. Lehmann seine Patentrechte übertragen sollte. Einige der extravaganten Bühneneffekte – Rezias Erscheinung auf einem Baum im ersten Akt, die Ankunft des Bootes, die fliegenden Tänzerinnen und die Beförderung des Helden durch Feen in den Himmel im zweiten Akt – sind etwas zu sensationell, um künstlerisch ansprechend zu sein. Das größte Lob gebührt Jean-Denis Maleles, der das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat. Seine Bühnenbilder sind farbenfroh, prächtig, phantasievoll und geschmackvoll. Die Kostüme von Oberon und Puck sind vielleicht nicht sehr erfolgreich in ihrem Versuch, das Übernatürliche darzustellen. Aber sie sind die einzige Enttäuschung in einem Spektakel, das für das Auge eine ungetrübte Freude ist. Die Waldkulisse und die Felsenkulisse sind vielleicht die schönsten ihrer Art, die man je auf einer Opernbühne gesehen hat. In beiden Fällen wird die enorme Tiefe der Opernbühne gekonnt ausgenutzt. (aus dem englischen Opernmagazin Opera, April 1954/ übersetzt mit DeepL))

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Franz Wüllner, der Rezitative für Webers „Oberon“ verfasste, die in der französischen Version bei Malibran Music verwendet werden – en francais, bien sure/ Wiki

Noch ein Wort zum Librettisten Franz Wüllner, der deutsche Rezitative aus Planchés englischem Orginaltext machte:  (Quelle youtube, wo man auch das Te Deum Wüllners findet.) Wüllner wurde in Münster geboren und studierte in seiner Heimatstadt sowie in Frankfurt, Berlin, Brüssel und München. Zu seinen Lehrern gehörte Anton Schindler, der sich selbst als Amanuensis Beethovens bezeichnete und die wahren Traditionen des Stils des Meisters weiterführte, eine Behauptung, die von Beethovens Schüler Carl Czerny bestritten wurde. 1856 wurde Wüllner Dozent für Klavier am Münchner Konservatorium. Von 1858 bis 1864 bekleidete er das Amt des städtischen Musikdirektors in Aachen. 1867 übernahm er die Leitung der Chorklassen an der reorganisierten Musikschule in München und schrieb für sie Chorübungen der Münchener Musikschule, Texte zum Notenlesen und Singen (Solfege).
Als Nachfolger des temperamentvollen Bülow übernahm er 1869 die Leitung der Hofoper und der Akademiehöfe. Hier leitete er die ersten Aufführungen von Rheingold und Walküre (1869, 1870), bevor er bei den ersten Bayreuther Festspielen 1876 den gesamten Ring-Zyklus aufführte. Diese Aufführungen sind es, für die man sich heute an ihn erinnert.
1877 wurde er Hofkapellmeister in Dresden und künstlerischer Leiter des dortigen Konservatoriums, 1884 Direktor des Kölner Konservatoriums und Dirigent der Gürzenich-Konzerte. Nach 1864 trat er häufig als Dirigent des Niederrheinischen Musikfestes auf. Er starb in Braunfels. Zu seinen bedeutenden Schülern zählten Volkmar Andreae, Fritz Brun, Lothar Kempter, Bruno Klein, Jan van Gilse, Hans von Koessler, Karl Aagard Østvig, Ernst von Schuch und der Dirigent Willem Mengelberg. Mengelberg behauptete kontrovers, dass die Verbindung seines Lehrers mit Schindler ihm eine direkte Verbindung zur Beethoven-Aufführungstradition verschaffte.
Zu seinen Werken gehören: Heinrich der Finkler, eine Kantate für Solo, Männerchor und Orchester; zusätzliche Rezitative zu Webers Oberon, die von vielen deutschen Theatern angenommen wurden; Psalm 125 für Chor und Orchester; Miserere für Doppelchor; und Stabat Mater für Doppelchor; außerdem Messen, Motetten, Lieder, Kammermusik und Klavierstücke. 1888 entstand das Te Deum.

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Überhaupt lohnt ein Blick in den Katalog von Malibran, wenn man die französische Oper liebt (wie ich). Da gibt es Schätze über Schätze – man kommt sich vor wie in Aladins Wunderkammer. Etwa einen Maître Pierre von Gounod von 1951 mit der bezaubernden und bildschönen Géori Boué und Michel Roux unter Max d´Ollone (einzige Aufnahme überhaupt) – angekoppelt sind Auszüge vom Médecin malgré lui von 1959 mit den bewährten Kräften des französischen Radios jener Jahre: Freda Betti, Louis Musy, die unentbehrliche Lina Dachary und viele mehr (CDRG1983, 2 CD).

Und als Schatzgräber fühlt man sich bei den vielen Titeln und Komponisten Namen in der Tat. Offenbach en masse, Hervé natürlich und das ganze Repertoire des französischen Nationalsenders RTF, von Terasse bis Messager, von Massé bis Auber. Vieles kennt man von anderen Veröffentlichungen bei Chant du Monde, die aber inzwischen nicht mehr zu haben sind. Meine Favoriten sind Février mit seiner Monna Vanna (Suzanne Sarrocca, Pierre Nougaro)

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1958/ MR 712), Bruneau mit Messidor (Rolland, Cambon 1948/ MR 639) und L´Attaque du Moulin (Bouvier, Lovano 1952/ MR 632), natürlich Berlioz vor allem mit seinen bis heute kaum übertroffenen Troyens unter Beecham (Ferrer, Giraudeau 1947/ CDRG 162) und Sébastien (Crespin, Chauvet, Buenos-Aires 1964/ MR769). Interessant ist auch D´Indys Fervaal (Mollien, Grancher, Le Conte 1962/ MR 771)

sigurd reyer malibranoder Reyers Sigurd (als Vega-Übernahme mit Botiaux/ MR 765). Und natürlich so apokryphe Titel wie Lazzaris Tour de Feu von der Uraufführung in Paris 1944 unter Francois Ruhlmann (CDRG 155), Leroux´ Chémineau (MR 667) oder Paris ou le bon juge von Terrasse (MR 783). Und die Liste der Goodies zieht sich fort, dass dem Sammler das Wasser im Mund zusammen läuft: Faurés Penelope mit der schönen Berthe Monmart von 1951 (MR 699), Faust von Gounod mit der dto. bezaubernden Jacqueline Brumaire und Georges Noré von 1955 (MR 788) und mit dem unübertroffenen Vezzani neben Berthon und Journet (CDRG 104), Bizets Pecheurs de Perles mit Vanzo und Doria dazu Massard (MR 742 in einer Vega-Übernahme) und vieles, vieles, vieles mehr.

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Ein Blick ins Netz in den Katalog von Malibran lohnt sich, die Bestellung ist einfach und sicher. Und eine Lektion in erfüllten, Stimm-Gesichter-reichem und charaktervollem Gesang gibt’s umsonst, auch wenn die technische Wiedergabe-Seite manchmal etwas muffig sein kann. G. H.

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.