Ekkehard Wlaschiha

 

Alberich ist nicht mehr! So pathetisch das auf den ersten Moment auch klingen mag, steckt doch für mich viel Wahrheit darin, denn Ekkehard Wlaschiha, geboren am 28. Mai 1938 im sächsischen Pirna, ist am 20. Februar 2019  im 81. Lebensjahr verstorben. Manche Medien titelten jedenfalls so und ähnlich im Jahre 1991, als Gustav Neidlinger, nicht nur für mich der Vorgänger Wlaschihas, beinahe gleichaltrig starb. Über die Musikhochschule Weimar führte Wlasdchiha sein Weg 1961 zunächst nach Gera, wo er am Thüringischen Landestheater als Dr. Cajus in Nicolais Lustigen Weibern von Windsor sowie als Don Fernando in Beethovens Fidelio debütierte. Bis in die frühen 1980er Jahre verlief seine Karriere weitgehend innerhalb der damaligen DDR, zunächst eher unauffällig mit Stationen am Sächsischen Landestheater Dresden-Radebeul (1964-1966) und dann wiederum in Weimar am dortigen Nationaltheater (1966-1970), ab 1970 als Mitglied der Leipziger Oper, welches er bis 1983 blieb. Erste Gastspiele führten Wlaschiha freilich in sozialistische Bruderstaaten, nach Sofia und Leningrad. Erst 1982 begann seine eigentliche internationale Karriere, als er in Reggio Emilia gastierte. Im selben Jahr wurde er Ensemblemitglied der Deutschen Staatsoper Berlin, wo er mit den großen Partien seines Fachs eine unentbehrliche Hauskraft wurde. Erstmals trat Wlaschiha (noch als Gast) an der Deutschen Staatsoper bereits 1975 als Pizzaro im Fidelio auf, sang 1977/78 den Tonio im Bajazzo, 1980/81 wiederum den Pizzaro, 1981/82 auch den Jochanaan, den Escamillo und den Tomski. Seit seiner Festanstellung 1982 konnte man ihn zunächst als Biterolf, Jago und Rigoletto, kurz darauf auch als Amfortas und Telramund erleben. 1985 verkörperte er dort erstmals den Kaspar, den Sebastiano in Tiefland sowie den Ercole Severolus im Palestrina. Beim Gastspiel der Staatsoper in Las Palmas erlebte man ihn 1986 einmalig als Sprecher in der Zauberflöte. Von der Vielfältigkeit seines Repertoires zeugte 1987/88 der Kaalchas in Iphigenie in Aulis. 1990 schließlich war er erstmals als Holländer sowie als Kurwenal (Gastspiel in Tokio) zu sehen; die erstere Rolle verkörperte er nochmal 1994. Am zweiten großen Berliner Opernhaus im Westteil der Stadt, der Deutschen Oper, hat er bereits 1988 als Alberich gastiert.

Nun ging es auch außerhalb der DDR Schlag auf Schlag: 1983 war er beim Festival von Lausanne, 1984 erstmals bei den Bayreuther Festspielen, 1987 auch an der Bayerischen Staatsoper in München, 1988 am Royal Opera House, Covent Garden, in London und 1989 schließlich erfolgte das lang erwartete Debüt an der Metropolitan Opera in New York. Selbstredend als Alberich, möchte man hinzufügen. Tatsächlich war Wlaschihas Repertoire bedeutend größer. Nicht nur sang er beinahe alle für seinen mächtigen Bassbariton in Frage kommenden Wagner-Partien (Sachs, Amfortas, Klingsor, Kurwenal, Telramund, Holländer, Biterolf – vorm Wotan hielt er respektvoll Abstand), sondern war auch gefragt als Scarpia, Pizarro, Alfio, Tonio, Coppelius, Jochanaan oder Kaspar, den er bei der Eröffnungsvorstellung der wiederrichteten Semperoper 1985 sang. Dies ging in späteren Jahren ein wenig unter angesichts seiner Omnipräsenz als Nibelung. Fluch und Segen zugleich. Nach weiteren Abstechern nach Chicago und Philadelphia (1988) sowie nach Paris (1992) war er nach seinem sukzessiven Rückzug aus Berlin ab der Spielzeit 1993/94 der Bayerischen Staatsoper in München verbunden und sang 1995 auch an der Hamburgischen Staatsoper.

Ab den späten 80er Jahren wurde er vermehrt für Schallplattenaufnamen herangezogen und ist – man ahnt es – besonders als Alberich bestens dokumentiert, sei es unter James Levine im Studio (DG) oder live unter demselben an der Met (DG) und Wolfgang Sawallisch in München (EMI). Tatsächlich reifte er in dieser ihm wie auf den Leib geschnittenen Rolle über die Jahre sogar immer mehr und brillierte insbesondere im leider nur über Rundfunkmitschnitte zugänglichen Kirchner-Ring unter Levine in Bayreuth in den Jahren 1994 bis 1998, der ihn sängerisch wie darstellerisch auf dem absoluten Zenit seiner Laufbahn zeigt. Kein heutiger Rolleninterpret hat mehr dieselbe Schwärze wie Wlaschihas Schwarz-Alberich. In eigentlich all seinen anderen Wagner-Rollen schimmerte das etwas Grobschlächtige, Verschlagene des Alberich durch, was im Nibelungenring ideal war, als „Alberich in Nürnberg“ oder „Alberich im Gralstempel“ aber auch etwas gewöhnungsbedürftig.  Ab Ende der 90er Jahre wurde es allmählich ruhiger um Wlaschiha, der sich 2003 mit fünfundsechzig  von der Bühne zurückzog (sein letzter Bühnenauftritt interessanterweise nicht als Alberich, sondern als Pizarro in Dresden). Daneben trat er auch als Konzert- und Oratoriensänger in Erscheinung (Foto oben: Ekkehard Wlaschiha/ Künstlerpostkarte). Daniel Hauser

  1. Dr. Sieglinde Rohrbeck

    Ich kann dem Autor nur zustimmen – der unerwartete Tod von Ekkehard Wlaschiha hat mich sehr getroffen. Ich kannte ihn seit vielen Jahren und durfte ihn sehr oft auf der Bühne erleben. Sein kraftvoller Heldenbatiton ist für mich einzigartig – ich würde diese Stimme wohl immer sofort erkennen. Er hat Maßstäbe in seinem Fach gesetzt – dem Vergleich hält für mich kein Sänger der Gegenwart stand. Vor einigen Jahren habe ich eine CD mit seinen Aufnahmen zusammengestellt und dazu einen kleinen Lebenslauf aus meiner subjektiven Sicht geschrieben. Herr Wlaschiha fand ihn damals sehr treffend, deshalb möchte ich ihn hier noch einmal schreiben. Vielleicht ist das ja für den einen oder anderen Opernliebhaber von Interesse.

    EKKEHARD WLASCHIHA – „Ein Stern am Wagnerhimmel..“ Der deutsche Heldenbariton Ekkehard Wlaschiha wurde relativ spät – mit etwa 45 Jahren – zu einem absoluten Weltstar der Opernbühne. Vor allem seine Interpretationen der großen Partien seines Fachs im Werk Richard Wagners machten ihn international berühmt. Zunächst in Weimar, später in Leipzig engagiert, kam er dann an die Deutsche Staatsoper „Unter den Linden“ in Berlin. Mit seinem überragenden Telramund in Theo Adams schon fast legendärer Inszenierung des „Lohengrin“ schaffte er den endgültigen Durchbruch und auch den Sprung in das damals so genannte „kapitalistische Ausland“. Über seinen Kurwenal in Bayreuth und München schrieb die Presse: “ Ein neuer Stern ist am Wagnerhimmel aufgegangen.“

    Es folgten etwa 15 Jahre größter Erfolge an nahezu allen bedeutenden Bühnen der Welt. Auch sein großer Traum, den Hans Sachs zu singen, erfüllte sich. Bei allem internationalen Ruhm dürfte Ekkehard Wlaschiha jedoch vor allem in den Herzen des treuen Stammpublikums der Berliner Staatsoper für immer seinen festen Platz gefunden haben. Das unverwechselbare Timbre seines kraftvollen, dramatischen Baritons und seine totale Glaubwürdigkeit in jeder Partie werden denen, die ihn so oft erleben durften, unvergessen bleiben.

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