Starke Frauen

 

Die Erfolgsproduktion der Dialogues des Carmélites an De Nationale Opera Amsterdam ist das Werk von vielen und nicht das einer Einzelperson. Zuallererst muss der Komponist Francis Poulenc genannt werden, der in meinen Augen die beste Oper aller Zeiten geschrieben hat. Aber auch Regisseur Robert Carsen, Dirigent Stéphane Denève und die gesamte Besetzung bieten eine geniale und unvergleichliche Leistung, die diese Aufführung zu einer Besonderheit machen.

Natürlich muss man  fragen: Die beste Oper aller Zeiten? Das ist ein sehr subjektives Urteil, und jeder ist eingeladen zu widersprechen. Aber für mich gibt es keine bessere als diese Oper aus dem Jahr 1957. Dass ich die Oper so schätzte, liegt vor allem an der Thematik. Hier gibt es nicht das typische Muster: Tenor sucht Sopran, Tenor findet Sopran, Tenor verliert Sopran usw. Das Werk dreht sich um eine  historische Begebenheit während der französischen Revolution, es atmet die Tragik einer wahren Begebenheit, was tiefe Anteilnahme auslöst. Aber das muss ich den Lesern sicherlich nicht erklären.

Die bahnbrechende Produktion von Robert Carsen aus dem Jahr 1997 ist nach einer Tour durch 13 Opernhäuser jetzt zurückgekehrt nach Amsterdam. Carsen hat in dieser Produktion allen optischen Schnickschnack entfernt und sich auf das absolut Wesentliche konzentriert. Obwohl Michael Eveline auf dem Besetzungszettel als Bühnenbildner vermerkt wird, ist die Szene in Wahrheit leer. Eigentlich sind die Statisten, Chormitglieder und Solisten das, was das Bühnenbild ausmacht. Und die Art und Weise, wie sie alle miteinander interagieren, ist grandios, was man schon in der Eröffnungsszene merkt, wo das Volk umherirrt.

Der französische Dirigent Stéphane Denève ist da ein wunderbarer Partner von Carsen. Er leitete das Orchester souverän und schafft Klangbilder, die eindrucksvoller nicht sein könnten. Dazu kommt eine Sängerbesetzung von vokaler Kraft und darstellerischer Größe. Das ist eigentlich das beste Geschenk, das DNO sich (und uns) zum 50. Jubiläum machen konnte.

Die Sopranistin Sally Matthews ist eine grandiose Blanche, die die Unsicherheit und Angst der Figur und die zunehmende Standhaftigkeit imposant in vokale Kontrolle und mitreißende Darstellung umsetzen kann. Neben ihr war Sabine Deyvillers als Schwester Constance wie ein Sonnenstrahl, der in das ewige Grau der Geschichte hineinbricht. Sie demonstrierte auch prächtige französische Diktion.

 "Les Dialogues des Carmélites" in Amsterdam/ Szenes/ © Hans van den Bogaard

„Les Dialogues des Carmélites“ in Amsterdam/ Szenes/ © Hans van den Bogaard

Einen größeren Kontrast zu der Mère Marie von Michelle Breedt könnte es nicht geben. Breedt fand genau die richtige Balance zwischen Stimme und Darstellung, um diesen komplexen Charakter glaubhaft darzustellen. Diese Vielschichtigkeit demonstriert auch die deutsche Mezzosopranistin Doris Soffel als Madame de Croissy. Sie dominiert weitgehend den ersten Akt mit ihrer großen dramatischen Stimme und liefert später eine unglaublich berührende Sterbeszene. Sie spielte außergewöhnlich gut, aber es war vor allem ihre Stimme, die ich nie vergessen werde. Hier hört man eine Stimme, die so viel Leben in sich aufgenommen zu haben scheint, ohne dabei die Kunst des Singens vergessen zu haben. Schöner kann man die Alte Priorin nicht bekommen heutzutage. Unvergesslich, unvergleichlich, einfach wahnsinnig.

Adriane Pieczonka strahlte als Madame Lidoine, die neue Priorin, vor allen Liebe und Herzlichkeit aus. Sie sang mit spektakulären Tönen, wenn sie am Ende ermordet wird, rührt das zu Tränen. Auch die kleineren Rollen waren großartig besetzt: der junge Sänger Mark Omvlee und Michael Wilmering boten schöne Momente, und Tenor Stanislas de Barbeyrac war ein großartigen Chevalier.

Die Oper wird als „eine der erfolgreichsten Produktionen in der Geschichte von De Nationale Opera“ angekündigt. Der bleibende Erfolg des Stücks und dieser Inszenierung sind mit dieser Wiederaufnahme absolut garantiert. Jordi Kooiman

(Den Artikel, den Henk de Groonen übersetzte,  übernahmen wir mit Dank an den Chefredakteur und Autor Jordi Kooiman vom holländischen Operamagazine.nl; Foto oben: Les Dialogues des Carmélites in Amsterdam/ Szene mit Doris Soffel und Sally Matthews/ © Hans van den Bogaard).