Bewegend

 

Es bleibt ein Wagnis, ausgerechnet das Grauen von Auschwitz auf die Opernbühne zu bringen. Aber genau das geschieht seit der erstmaligen Aufführung in konzertanter Fassung in Russland 2006 und der szenischen Uraufführung in Bregenz 2010 mit der Oper Die Passagierin von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996). Sie erlebte in den Folgejahren Aufführungen in einer ganzen Reihe deutscher Opernhäuser wie Karlsruhe, Frankfurt, Gelsenkirchen oder Dresden sowie in Weinbergs Jubiläumsjahr in Gera und jetzt in Braunschweig, und das durchweg mit großem Erfolg. Entscheidende Faktoren dafür sind die authentische Grundlage im gleichnamigen Roman von Zofia Posmysz und die intensiv-eindringliche, stark illustrierende Musik des sowjetischen Komponisten jüdisch-polnischer Herkunft.

Im Roman schildert die Auschwitz-Überlebende ihre dortigen Erlebnisse und macht dabei neben der Hauptproblematik von Schuld und Sühne auch die Verdrängungsmentalität in Nachkriegsdeutschland zum Thema. Ort der Opernhandlung ist ein Luxusliner auf der Überfahrt nach Brasilien. Zu den Reisenden gehören der deutsche Diplomat Walter und seine Ehefrau Lisa, die ihre Vergangenheit als KZ-Aufseherin in Auschwitz ihrem Mann bisher verschwiegen hat. Sie glaubt, in einer Passagierin Marta, eine einstige Insassin des Lagers, zu erkennen, der damals ihre Zuneigung gehörte und der sie heimliche Treffen mit ihrem Geliebten Tadeusz ermöglichte. Dies alles lässt in Lisa die fatale Vergangenheit unausweichlich hervorbrechen, indem Erinnerungen an Szenen im KZ wechseln mit Ängsten um ihr Eheglück und Verdrängungsmechanismen. Bei einer ausgelassenen Bord-Party findet sich auch Marta ein und äußert einen Musikwunsch – den Lieblingswalzer des einstigen Lagerkommandanten. Den sollte im KZ auch Tadeusz auf der Geige spielen, doch intonierte er stattdessen die  Chaconne von Bach, was ihn das Leben kostete. Auf der Bühne fließt alles höchst eindrücklich ineinander, wenn Tadeusz auf der Party erscheint und die Chaconne anstimmt. Lisa rastet daraufhin aus und zertrampelt völlig außer sich die Geige.

Die weitgehend zwölftönige, vielfach an die Klangsprache Schostakowitschs erinnernde Musik Weinbergs ist überaus kontrastreich: Auf der einen Seite erschlägt sie einen geradezu mit ihrer Lautstärke, ihrer überwältigenden Wucht des stark besetzten Orchesters; dabei werden Pauken und Trommeln wie Salven eingesetzt. Demgegenüber hat sie viele anrührende, besinnliche Passagen, wie beispielsweise im Liebesduett Marta/Tadeusz, im Gebet der Russin Bronka oder in Martas Rückblick ganz am Schluss der aufrüttelnden Oper, die nun wirklich niemanden kalt lässt. Dazu kommen viele Zitate wie der berühmte Walzer Nr. 2 von Schostakowitsch, der – hier durch das Blech aufgemotzt – geradezu gewalttätig daherkommt. Aber es gibt auch einige schlichte Lieder aus der jeweiligen Heimat, die Marta, die Griechin Hannah und die Russin Katja singen. Die witzige Fuge, wenn die Französin Yvette versucht, ihren Mithäftlingen Französisch beizubringen, lockert die sonst bedrückte Stimmung etwas auf.

Am Staatstheater Braunschweig haben sich Regisseur Dirk Schmeding und Bühnenbildner Ralf Käselau entschieden, anders als in den bisherigen Inszenierungen keinen im Bühnenbild deutlich erkennbaren Wechsel zwischen den Szenen auf dem Schiff und denen im Lager vorzunehmen. Man blickt stets auf das Vorderdeck des Schiffes und ein etwas ansteigendes Sonnendeck, das mit Lisas Erinnerungen geöffnet wird, indem die Insassinnen des Konzentrationslagers die Bretter des Bodens abheben und zur Seite legen, sodass man sich auch mit Hilfe der realistischen Kleidung der Akteure (Julia Rösler) in das Lagergeschehen einfühlen kann.

Gar nicht hoch genug kann man die tolle Leistung des gesamten Ensembles loben; hier spürte man zu jeder Zeit die hervorragende Personenführung des Regisseurs, sodass das vielschichtige Geschehen und der jeweilige Gemütszustand der Akteure gut nachvollziehbar deutlich wurden und das Auditorium spürbar tief bewegten. Dieses Lob gilt natürlich für alle Darsteller einschließlich der Statisten, der beiden Schauspieler Kathrin Reinhardt (Oberaufseherin) und Raphael Traub (Steward/ Lagerkommandant) sowie der teilweise tänzerisch auftretenden Choristen (choreografische Mitarbeit: Fabian Cohn).

Die gestalterischen und vor allem die sängerischen Leistungen hatten auffallend  hohes Niveau. Da sind zunächst die beiden Hauptfiguren zu nennen: In der Partie der früheren KZ-Aufseherin Lisa erlebte man Dorothea Spilger, demnächst fest im Braunschweiger Ensemble, die einen in der unteren und mittleren Lage fülligen, tragfähigen Mezzo erklingen ließ, der aber auch in den durchschlagenden Höhen nichts von seinem Farbenreichtum verlor. Sie stellte die mit ihrer furchtbaren Vergangenheit konfrontierte Frau in jeder Phase sehr glaubhaft dar. Marta war Ekaterina Kudryavtseva, die in den Lager-Szenen ergreifend zu gestalten wusste; erneut begeisterte sie mit ihrem wunderbaren, stets intonationsreinen Sopran. Matthias Stier zeigte als Lisas Mann Walter, der infolge der Eröffnungen seiner Frau die Diplomaten-Karriere schwinden sah, sein hohes schauspielerisches Talent. Auffallend war, dass sein klarer, differenziert geführter Tenor inzwischen deutlich ins heldische Fach weist.

Weinbergs Oper „Die Passagierin“ am Staatstheater Braunschweig/ Szene/ Foto wie oben © Thomas M. Jauk

Mit rundem Bariton gefiel Vincenzo Neri als Martas Verlobter Tadeusz. Von den durchweg ausgezeichnet agierenden und singenden Häftlingen sollen einige exemplarisch hervorgehoben werden: Ivi Karnezi als Katja interpretierte mit ihrem ausdrucksstarken Sopran das russische Volkslied, während Zhenyi Hou als Bronka mit ihrer vollen Altstimme für sich einnahm. Die weiteren Sänger-Darsteller ergänzten kongenial das Ensemble: Milda Tubelyte (Krystina), Alexandra von Roepke (Vlasta), Friederike Harmsen (Hannah), Anat Edri (Yvette), Sabine Brandt (Alte), Marina Funke (Kapo) sowie Jisang Ryu,  Michael Eder und Kwonsoo Jeon (SS-Männer).

Die musikalische Gesamtleitung hatte Christopher Lichtenstein, der den großen Apparat gut im Griff hatte und das bestens disponierte Staatsorchester zu leidenschaftlichem Musizieren animierte. Der Chor des Staatstheaters (Georg Menskes/Johanna Motter) klang ausgewogen und beeindruckte besonders mit den poetischen Gesängen aus dem Off.

Bereits vor Beginn der Premiere begrüßte Generalintendantin Dagmar Schlingmann die anwesende, heute 96-jährige Auschwitz-Überlebende Zofia Posmysz, die natürlich jetzt, aber auch beim Schluss-Applaus, Standing Ovations erhielt. Im Übrigen zeigte sich das Publikum betroffen und zu Recht begeistert, was sich in starkem, lang anhaltendem Beifall für alle Mitwirkenden zeigte. Ein Besuch dieser überaus gelungenen, tief bewegenden Produktion ist unbedingt zu empfehlen (Premiere am 6. April 2019). Gerhard Eckels