Und noch eine …

Paris ist weit. Hugo de Ana erliegt nicht der nahe liegenden Verführung, die Arena in ein Klein-Paris zu verwandeln, sondern packt die Tragödie der Kameliendame in einen großen dekorativen goldenen Rahmen, der die Hauptspielfläche abgibt, sowie kleinere flankierende Rahmen. Ein Trödelmarkt. Für die Besucher im antiken Rund, die sich statt des intimen Kammerspiels tosendes Ballgepränge erwarten, mag sich diese Lösung bescheiden ausnehmen, auf der Blueray wirkt diese Version des argentinischen Routiniers gar nicht so unpraktisch. De Ana blättert die Handlung – wie oft praktiziert – vom Ende her auf und verweist auf das Nachwirken des Mythos der Kameliendame indem er die Trauergäste in Violettas Haus führt, wo sie die Opernplakate vom La Fenice hochhalten, an dem Verdis La Traviata ihre erste Aufführung erlebte. Das Sterbezimmer Violettas hatte die treue Annina mit Gemälden, Devotionalien und allerlei Krempel ihrer Herrin ausgeschmückt: Violettas Nachruhm setzt unmittelbar nach ihrem Tod ein. Attraktiv wirkt vor allem der Landsitz des zweiten Akt, der als künstliches Paradies mit üppigen Blumengemälden auf breiten Leinwandbahnen bloß die Illusion eines sorglosen Landlebens abseits der Demimonde ist. Hier gewinnt die  Aufführung vom 2. Juli 2011 unter Julian Kovatchev straffer Leitung denn auch zunehmend an Spannung.

Die albanische Sopranistin Ermonela Jaho hat sich mittlerweile an mehreren Bühnen in der Titelpartie vorgestellt. Sie verfügt über einen schmalen, wenig spezifischen Sopran mit einem kleinen, nicht unattraktiven Vibrato, es fehlt ihr ein bisschen an der Brillanz für den ersten Akt, auch traut sie sich nicht, die Stimme raumgreifend ausschwingen zu lassen und wo andere, beispielsweise bei „Amami Alfredo“ einfach mehr Effekt machen, bleibt sie immer damenhaft zurückhaltend, aber sie ist eine sensible und eindringliche Darstellerin. Der dunkel schwere Sopran der Jaho kommt im letzten Akt, im „Addio del passato“, wo sich Violetta mit dem Opernplakat zudeckt und sich anschließend von dem gespenstischen, einem Totentanz gleichenden Baccanale mitschleppen lässt, am besten zur Geltung. Als Alfredo ist inzwischen Francesco Demuro vielerorts von Venedig über Paris und Covent Garden bis an die Met im Dauereinsatz. Bei seinem Verona-Einstand setzt der gut aussehende Sarde, der erst 2007 als Rodolfo in Luisa Miller in Parma sein Debüt gegeben hatte, vor allem auf einen kräftigen und sicheren Einheitston, ohne einen strahlenden Klang zu erzeugen, und wirkt dabei ziemlich ungelenk und langweilig. Da läge noch Potenzial brach, wenn er sich im Laufe der Veroneser Aufführungsserie ein paar Dinge bei Vladimir Stoyanov abgeschaut hat. Der Bulgare (leider Furcht erregend geschminkt; da hätte man besser auf ein paar Nahaufnahmen verzichtet) singt dem Germont mit feiner Kunstfertigkeit und edler Zurückhaltung. Die Aufführung ist keine Enttäuschung. Alternativen gibt es aber zuhauf.

Rolf Fath

 

Giuseppe Verdi: La Traviata mit Ermonela Jaho (Violetta Valéry) – Francesco Demura (Alfredo Germont) – Vladimir Stoyanov (Giorgio Germont) – Chiara Fracasso (Flora Bervoix) u.a.; Orchestra, Chorus, Ballet of the Arena di Verona; Leitung: Julian Kovatchev; Inszenierung, Ausstattung, Kostüme: Hugo de Ana; Blu-Ray Arthaus 108 112