Gino Penno & Kollegen

 

Gino Penno? Das ist doch der Manrico im Trovatore mit der Callas an der Scala 1953 (Foto oben/Cetra)! Das war vor allem einer der flexibelsten Tenöre der italienischen Nachkriegszeit und einer der bestausehenden dazu (nach Corelli natürlich). Er war in der Nachriegsszene Italiens nicht wegzudenken, war namentlich ein Sänger von zeitgenössischen Erstaufführungen und des Standardrepertoires wie Trovatore, Pagliacci, Aida, Ernani, Attila, und er sang mit allen Landes-Diven der Zeit, von der Callas bis zur Tebaldi und Mancini.

0028948081417Dennoch ist es bezeichnend, dass er auf der 4-Tenöre-CD der neuen (3.) Decca-Most-Wanted-Staffel nicht einmal auf der Vorderseite erwähnt wird, die Giuseppe Campora  und (erneut und unnötig) Gianni Poggi gewidmet ist – da muss Herr Poggi noch späte Bewunderer beim Remake-Department der Decca haben.

Giono Penno in "La Forza del Destino"/Gross

Giono Penno in „La Forza del Destino“/Gross

Erst beim Umdrehen findet man die wirklichen Goodies (nicht dass Campora sich schämen müsste): Gino Pennos 25-cm-LP und auszugsweise die von Giacinto Prandelli, beide wirklich goldene  Säulen des italienischen Opernbetriebes der 50er und 60er und im Schatten Bergonzis, Del Monacos und natürlich Corellis, die mit ihrer internationalen Karriere alle überstrahlten und die von der gigantischen internationalen  Verbreitung des Mediums Schallplatte mit ihren Exklusivverträgen profitierten. Die zu Hause hatten das Nachsehen. Und Penno hat mit Abstand die interessanteste und schönste Stimme von den hier genannten Vieren.

Gino Penno: Manrico/OBA

Gino Penno: Manrico/OBA

Er wurde 1920 in Felizziano geboren und studierte bei dem renommierten Sänger Ettore Campogagliano. Er gewann Gesangswettbewerbe und besuchte anschließend die Scuola di Canta an der Mailänder Scala, wo er als Student manche Comprimario-Partien in laufenden Aufführungen singen durfte. Sein eigentliches Debüt gab er als Floreski in Cherubinis Lodoiska 1950. Man vergisst gerne, wie sehr das Wagner-Fach im Italien der 50er vertreten war, in der Landessprache (auch die Callas hatte damals einen Namen in diesem Repertoire). Penno erlangte bald seine Berühmtheit mit Heldentenor-Partien wie Siegfried in der Arena di Verona und Lohengrin mit der Tebaldi in Neapel (bei Hardy als Dokument unter Santini).

Gino Penno als Cavaradossi/Gross

Gino Penno als Cavaradossi/Gross

Aber auch die zeitgenössischen Komponisten hatten in ihm einen geeigneten Interpreten. Natürlich ebenfalls die gängigen Rollen des tenore eroico waren seine: Pollione neben der Callas, Macduff (dto), Manrico und Giasone (dto., Foto oben mit Maria Callas bei der Aufnahme an der Scala/Savio/Mercury) 1951 ging er erstmals an die Pariser Oper, dann folgten Barcelona, Monte-Carlo, die Met und Covent Garden. Bis zum Ende der 50er war er einer der gesuchtesten Tenöre Italiens mit internationalem Renommée. Dann beendete er seine Karriere – darüber wird gerätselt, es gibt viele Theorien über sein Privatleben und seine beruflichen Ambitionen (er verlor auf der Bühne der Met 1956 im Trovatore die Stimme und sagte die folgende Forza ab, was das Ende seiner Karriere in Amerika und an großen Häusern Europas war, aber er trat doch gelegentlich an kleineren noch auf). Immerhin lebte er bis 1998, als er mit 78 Jahren am 8. Februar in Mailand starb.

113928563Seine Dokumente sind vielfältiger als man denken sollte. Neben den Callas-Aufnahmen (Macbeth, Medea, Norma u. a.) gibt’s viele Livemitschnitte. So die Forza mit der Milanov aus New York 1954, den Lohengrin und Tannhäuser mit der Tebaldi 1950/1954, den Fernando Cortez mit der Tebaldi 1953, Ernani mit der Mancini 1951, Aroldo mit der Stella 1953 und viele mehr. Ein Blick zu jpc oder Amazon zeigt, was alles auf dem Markt ist.

Die 25-cm-LP im Umschnitt erstmals auf CD bei Decca stammt aus Mailand 1954 und zeigt Penno von seiner gängigen Tenorseite: strahlend (hier im Tonhöhen-korrigierten „Di quella pira“), als Pollione mit dem etwas undankbaren Eingangs-Solo und dem folgenden Meco all´altar di venere“ (deutlicher Hinweis auf seinen grandiosen Bellini-Helden neben der Callas und bei weitem der sensibelste von allen ihren Partnern darin; sodann mit dem verzweifelten Adorno („Oh inferno!“ und Sento avvampar nell´anima“ – also fast die ganze Szene) und schließlich mit dem Manrico. Antonio Narducci dirigiert. Toll. (Nicht vergessen soll die tüchtige Firma Bongiovanni mit ihrer Solo-CD für Gino Penno!)

Giuseppe Campora/OBA

Giuseppe Campora/OBA

Schon im Original gab die Decca eine aus zweien aufgefüllte LP mit Giuseppe Campora und Gianni Poggi heraus, letzterer sogar mit einen günstigen Manrico-Foto abgebildet. Campora (1923 – 2004) war ein mehr als solider italienischer Tenor der Fünfziger und trat mit dem Pinkerton hervor, dem er für den Sänger-Schauspieler Nicola Filarcuridi in der RAI-Verfilmung der Oper seine Stimme lieh. Auch er betritt im Wesentlichen dasselbe Fach wie Penno, hatte eine etwas internationalere Karriere und machte mehr offizielle Aufnahmen als dieser. Er sang an der Met, der City Opera (Debüt als Des Grieux in Manon) und anderen kleineren Häusern Amerikas, sang noch neben Sutherland und Sills, aber auch neben der Olivero in der berühmten Adriana Lecouvreur an der Scala 1958. Seine Dokumente umfassen die oben genannten, aber auch eine Forza von 1952, Gioconda 1952, Butterfly mit Tebaldi 1952, Simon Boccanegra mit Gobbi 1957, Tosca mit Tebaldi 1952 und eine Traviata aus dem demselben Jahr. Ganz sicher gibt’s noch viel mehr. Bei Decca nun ist er erstmals auf CD mit Puccini, Verdi, Giordano, Boito, Ciléa und Mascagnis Tenorsolo aus Lodoletta zu hören, was seinen Wirkungsbereich sehr gültig umreißt. Die Aufnahmen stammen von 1954 und werden von Alberto Ereda (Deccas Mann fürs Italienische jener Jahre) dirigiert.

Gianni Poggi: Cavaradossi in Bari/OBA

Gianni Poggi: Cavaradossi in Bari/OBA

Der – wie bereits auf seiner ersten CD bei der Decca-Remake-Reihe ersichtlich – mir nicht sonderlich sympatische Ganni Poggi bemächtigt sich als Teilhaber der auf dem Cover abgebildeten LP erwartungsgemäß Puccini, Verdi und Giordano – laut und unsubtil, und das „Amor ti quieta aus der Fedora belegt, was ich meine. Ach Corelli (oder auch Prandelli)….

Giacinto Prandelli/OBA

Giacinto Prandelli/OBA

Interessant ist die Hinzufügung einer weiteren 25-cm-LP in drei Ausschnitten mit Dokumenten des absolut unterrepräsentierten Tenors Giacinto Prandelli (1914 – 2010), den Fans vielleicht noch als Loris in der Fedora (apropos) mit der Caniglia kennen, die es mal bei der Cetra (und Folgefirmen) gab. Auch er war ein schöner Mann, sehr sexy und mit seinen glattgegeelten Haaren ein Matinée-Idol jener jahre. Er wurde in Luzzamane geboren und sang bereits als Junge im Kirchenchor, studierte in Rom mit Fornarini und in Brescia mit Grandini und debütterte als Rodolfo in Bergamo 1942. Rom folgte 1943 mit dem Alfredo, dann kamen die Bühnen Italiens. 1946 war der der Solotenor in Toscaninis Neunter an der neugeöffneten Scala. Prandelli hatte eine gutgehende internationale Karriere mit den üblichen Stationen in Monte-Carlo, Barcelona, Lissabon, Buenos Aires usw. An die Met kam er 1951, San Francisco 1954, Chicago 1956. Sein Repertoire war das italienische und französische Zwischenfach: Edgardo, Duca, Rodolfo, Des Grieux, aber auch Cavaradossi oder Paolo (Francesca da Rimini, den er mit der Caniglia für die RAI/Cetra einspielte). Neben Clara Petrella sang er im TV-Film der RAI in Manon Lescaut 1956. Bei Azzali Editori gibt’s eine sehr schön und sehr reichlich bebilderte Biographie von Cornelia Peletta. Dokumente sind reichlich, namentlich bei der Cetra.

Giacinto Prandelli als Enzo/"La Gioconda"/OBA

Giacinto Prandelli als Enzo/“La Gioconda“/OBA

Die Decca-Arien Ausschnitte aus einer größeren Sammlung umfassen – gut gewählt – die lyrischeren Momente unter seinen Aufnahmen und zeigen die Süße seiner gutgeführten Tenorstimme: Donizettis milde Helden wie Nemorino, Ernesto und Edgardo (der ja bei den Tenören ein gefürchtetes Finale besitzt). Wieder dirigiert Alberto Erede, 1951.

Im Ganzen ist dies also eine fabelhafte und wirklich gut konzipierte Zusammenstellung von vier wichtigen italienischen Nachkriegstenören, vergessen unter dem Hype der Gegenwart,  und sie belegt, wie reich Italien einmal an Stimmen war. Pirandelli und namentlich Penno finden bei mir einen Ehrenplatz in meiner Sammlung – che gioia.

Geerd Heinsen

 

Decca´s Most Wanted, Staffel 3: Giuseppe Campora, Gianni Poggi, Gino Penno und Giacinto Prandelli mit italienischen Arien von Donizetti, Verdi, Ciléa, Giordano, Puccni u. a.; diverse Dirigenten; Decca 480 8141