Kühle statt Rausch

 

Hans Rosbaud gilt nicht als ausgewiesener Spezialist für Richard Wagner. Mit seinem Namen verbinden sich Mozart, Mahler oder die Moderne. In die Musikgeschichte ist er als Dirigent der konzertanten Uraufführung des Fragments von Schönbergs Moses und Aron 1954 in Hamburg und der ersten szenischen Umsetzung 1957 in Zürich eingegangen. Er kannte Schönberg persönlich. In seiner Diskographie findet sich lediglich eine Wagner-Gesamtaufnahme, nämlich Die Meistersinger von Nürnberg, eingespielt 1955 für die RAI Milano. Begleitet vom Orchester dieser italienischen Rundfunkstation singt ein erlesenes Ensemble deutscher Zunge – aus Elisabeth Schwarzkopf (Eva), Ira Malaniuk (Magdalene), Hans Hopf (Solzing), Otto Edelmann (Sachs), Erich Kunz (Beckmesser), Ludwig Weber (Pogner) und Gerhard Unger (David). Bis auf Weber hatten diese Sänger in denselben Rollen 1951 bei den ersten Bayreuther Nachkriegsfestspielen mitgewirkt. Mehr ist nicht nachzuweisen. Jetzt hat SWR Classic, das Label des Südwestrundfunks, die Wagner-Abteilung um eine Sammlung von Ouvertüren und Vorspielen erweitert, die der Dirigent zwischen 1955 und 1959 mit dem Südwestfunk-Orchester Baden-Baden eingespielt hat (SWR190336CD). Rosbaud war seit 1950 Chef des Orchesters. Er galt als so genannter Radio-Dirigent, weil er dieses Medium schon Ende der 1920er Jahren für die gezielte Verbreitung vor allem von zeitgenössischer Musik zu nutzen verstand. Dabei trat er selbst als Moderator in Erscheinung und machte seine Hörer mit den entsprechenden Werken vertraut. Während der Nazidiktatur blieb er in Deutschland und wirkte in Frankfurt und Münster.

Der Inhalt der CD ist mit den Ouvertüren bzw. Vorspielen zu Rienzi, Holländer, Tannhäuser, Lohengrin und Parsifal rein orchestral. Aus Lohengrin gibt es noch zusätzlich die Einleitung zum dritten, aus dem Meistersingern lediglich das Vorspiel zum dritten Aufzug. Es ist, als ob Rosbaud die Architektur dieser Musik offenlegen will. Sein Stil ist intellektuell und etwas kühl geprägt, neigt zum Sezieren. Seine Nähe zu zeitgenössischen Werken wird auch bei der Deutung von Wagner offenbar. Nicht, dass die Spannung darunter litte. Es könnten aber schon mehr Schmiss sein, mehr Rausch und Hingabe. Nach mehrmaligem Hören erweist sich diese Erwartung allerdings als unangemessen, weil der Dirigent ganz bewusst das Gegenteil davon anstrebt. Besonders auffällig ist das bei der Rienzi-Ouvertüre, die er regelrecht entschlackt. Sie klingt nicht mehr heroisch. Als Kontrastprogramm ist diese Neuerscheinung allen Musikfreunden, die sich intensiv mit Wagner beschäftigen, sehr ans Herz zu legen. Am Klangbild wurde offenbar nur dezent gearbeitet. Es bleibt akustisch in seiner Zeit, was zu begrüßen ist. Rüdiger Winter