„Soll  das  der Dirigent sein?“

 

 

Im Boxen gibt es Weltmeister und die verlässliche Methode, einen zu ermitteln, er muss alle anderen schlagen. Bei den Kapellmeistern, wiewohl auch sie schlagen, ist die Rangliste strittiger. Darauf wies auch Francis Poulenc hin, indem er 1954 (das Jahr, in dem der unsterbliche Linksausleger Rocky Marciano zweimal Ezzard Charles umhaute) einen falschen Titelhalter absetzte: „Musikfans glauben, dass der größte lebende Dirigent Arturo Toscanini sei. Musiker wissen, dass dies Hans Rosbaud ist.“ Wer? Der, dem die Schallplattenindustrie nur stocktaube Ohren zeigte.

Rosbaud (*1895, †1962) genoss seit jeher den soliden Ruf eines Anwalts der Moderne. Diese wiederum behauptete eisern, dass, nur wer sie verstünde, auch Bach, Haydn, Mozart etc. dirigieren könne, weil die schließlich auch mal modern gewesen seien. Ein Frankfurter Professor und Weltmeister der Soziologie hat dies schlagend bewiesen, worauf sein Publikum alles nachplapperte, schon um PG Karajan eins auszuwischen, der indes konterte, wie nur ein wahrer Champion es vermag: Als geleckter Beethovenprofanierer legte er eine richtig gute Schönberg-Berg-Werbern LP Box vor. Mit Hans Rosbaud teilte er eine unentbehrliche Eigenschaft, sie waren Österreicher, einer aus Graz, der andere aus Salzburg, zweieinhalb Autostunden auseinander, und aus diesem Bergland stammten auch Schönberg und die seinen. Wiewohl man Orchestermusikern unschwer ansieht, dass sie keineswegs schön finden, was sie an Atonalitäten aufführen (schauen Sie sich mal in ihrer Digital Concert Hall die Berliner Philharmoniker mit dem genialen Violinkonzert op. 36 an, da lächelt im heiteren Allegrosatz keiner außer Kyrill Petrenko) so kommt bei den zwei Maestri wundersam etwas anderes zur Geltung: wie österreichisch sie diese Kompositionen hören. Nein, schön sind sie nicht, handeln sie doch vom Verlust der Schönheit. Wer den entsetzlichen Untergang Habsburgs miterlebt hat, denkt dabei nicht an Frühlingsstimmenwalzer. Aber in der Trümmermusik der 2. Wiener Schule klingen die verlorenen Rondos und Andantes nach, es ist eine Klage am offenen Sarg.

In den aufgeregten Tagen, als die Rosbauds und Scherchens – beide schon tot wie El Cid – zu strengen Vorreitern des Aufstands gegen die philharmonischen Kulinariker wurden, galt die Losung: S t r u k t u r k l a  r h e i t. Wer in der ‚Pastorale‘ sitzt, kontrolliere, dass der Quartsextakkord beim ‘Hirtengesang‘ motivisch die ersten vier Takte der ‘heiteren Empfindungen’ aufnimmt. Da gehören drei Ausrufezeichen hin, okay? Sonst bist du bloß ein Schmeckleck der ‘schönen Stellen’.

Nun, vergeben und vergessen; das heutige Mantra interessiert sich mehr für Darmsaiten, Naturhörner und Affektenlehre, neuerlich Fimmellehre. Musik singt nicht mehr, sie redet, bzw. rappt. Das entspricht eher dem Puls des heutigen Menschen. Und weswegen hört er ‘Unvollendete‘? Na, damit sie mit der Zeit geht! Lauscht man dagegen dem vor siebzig Jahren modern gewesenen Rosbaud, fällt einem seine tiefe Traditionsgebundenheit auf. Ja, schlank und flüssig war und bleibt er, aber wie religiös empfindet er ein Haydn-Adagio, wie majestätisch fliegen die Brucknerschen Alpenkämme vorüber, wie fein grundiert er im Mozartschen Juchei die Einsamkeit des soeben emanzipierten Individuums.

Es gibt eine schwer definierbare, leicht hörbare und selten gewordene Darstellunsmoral, nennen wir sie hochtrabend Idiomatik. Ein Tempo, eine Artikulation muss in das enganliegende Kleid etwa einer klassisch-romantischen Komposition hineinpassen und nicht daraus hervorstechen. Kein vernünftiger Musikus wird das bestreiten, nur – hört man in die aktuelle, sich historisch nennende Aufführungspraxis hinein, fettet als erstes der motorische, schrille, labelgeile Gegenwartsgeschmack durch. Er veranstaltet Kostümparty, und man trifft nur Kommilitonen. Das Elternhaus stand verkehrt rum. Umgekippt und veralbert sieht es  gefälliger aus, wie an manchen Opernbühnen zu besichtigen. Sie bedienen Bedürfnisse. Ein Elementarbedürfnis ist, dass Jung Siegfried, Lohengrin, Parsifal und Stolzing ausgemachte Deppen waren, ohne dass es Wagnern aufgefallen wäre! Das haben erst seine genialen Urenkelin und ihre Zirkuskünstler gemerkt. Tröstlicherweise hinken die Dirigenten noch hinter den Regisseuren zurück, weil die Autorität der Partituren sie fesselt. Wodurch also macht der verdrängte Pultlöwe wieder auf sich aufmerksam? Durch Stilwillen, sofort hörbar und Stoff für den Rezensenten, der dazu eine Meinung formuliert. Debatte, Kontroverse, Sensation.

Der Rosbaudsche Stil bestand darin, penetranter Deutungswut aus dem Weg zu gehen. Und zwar den gestelzten Kothurnen seiner Generation wie dem Kobolzen in der übernächsten. Für seinen zügigen, geradlinigen Duktus gerühmt, meidet er die Manier, alswelche am ehesten zu stinken beginnt. Vom Evangeliar unserer Widertäufer bleiben zwei, drei vernünftige Ideen hängen, der Rest ist Komik. Doch wer ewig das Alte anbietet, probiert natürlich, es für nagelneu zu verkaufen, der Markt glaubt ihm dies gar zu gern. Als was will er den hundertsten Beethovenzyklus sonst verkaufen? Wohlgemerkt, die Rede ist hier von  e i n e r, der hippen, feuilletonal und medial am meisten aufgeblasenen Richtung. Der klassische deutsche Orchesterleiter ist z. B. in Christian Thielemann und Cornelius Meister immer noch bestens vertreten. Als Traditionalisten etikettiert, hören sie sich keineswegs wie Furtwängler oder Toscanini an, die beide auf ihre Weise Extremisten gewesen sind und Ikonen dazu, Kultstifter. Benjamin Britten etwa hielt Fu’s Beethoven für eine Karikatur, vielleicht nicht ganz zutreffend doch immerhin begreiflich.

Man liebt das Wort ‘zeitlos‘ für den anti-modischen Ansatz. Nichts ist außerhalb der Zeit, aber einiges außerhalb der Moden. Einst ist es beispielsweise schick gewesen, auf das grandiose Œuvre Jan Sibelius’ zu spucken und es als faschistoid zu verdächtigen. Rosbaud, der dem Nachkriegspublikum ungerührt die Schönbergschule hereinwürgte, besorgte deren Hohenpriestern ein nämliches mit den ’Tapiolas’ und ’Valses tristes’. Mein lieber ’Schwan von Tuonela’, da war er ein Verräter, wie apart! Seine Freunde haben jahrzehntelang um drei, vier Uhr das ARD-Mitternachtskonzert verfolgt, wenn der Südwestfunk alte Hans Rosbaudbänder abspielte. Man mag dieser Sendeanstalt die Füße küssen, dass sie ihrem wohlgehüteten Archiv eine mustergültige, vielbändige Edition entnommen hat. Keiner der Getreuen muss nachts mehr das Radio und die Revox anschalten.

Die österreichische Abteilung der Edition ist mit so reichhaltigen wie herzerwärmenden Haydn-Mozart- und Brucknerboxen vertreten. Wann wieder wird ein so taufrischer, vormärzlich aufbegehrender Schumann, so traumeswirrer Mendelssohn, so schroffer v. Weber erklingen? Das Schimpfwort ’romantisch’ war noch nicht in Umlauf. Die die Moderne erfunden haben, waren ja Geschöpfe der Romantik; nicht blaublühende Blümelein, aber Geisterreiter, Besessene. Für die gepriesenen Brahmsaufnahmen kann sich der Unterzeichnete nicht erwärmen, nimmt aber die Schuld auf sich und verschanzt sich hinter Otto Klemperer,HvK und Hans Schmid-Isserstedt.

Die 2. Wiener Schule, Gustav Mahler, Beethoven und Schubert stehen noch zur Veröffentlichung. Theurer SWF: beeil’ dich! Du hast die Bänder von Mahler 1, 4, 6, 7 und 9. (Nr. 5 ist vom WDR produziert worden, das Label ICA vertreibt sie). Lange bevor dieser Komponist sich in einen bekannten US-Dirigenten verwandelte und enorm von dessen Aplomb und Gefühlsbädern profitierte, hat Rosbaud schon 1951 in Köln den böhmischen Tonfall gepflegt, die k.u.k. Melange von Militärkapellen, Naturlauten, Landschaftsmalerei, Schicksalspathos, Kinderglück, Weltschmerz- und seligkeit. Der enorme Kunstcharakter, mit dem das motivisch, metrisch, farblich und gesanglich zusammenkomponiert ist, erschließt sich jedem Berufsdirigenten, aber der  S i n n der Töne, welche Daseinsmitteilungen, welche gebrochenen Erzählformen sie enthalten, offenbarte sich in diesem vaterlos aufgewachsenen Sohn einer ledigen Pianistin wie wenigen. Er wusste wie weh die Welt tut und ist früh gestorben. Er sah auch keinen Anlass, sich mittels einer vorgedruckten Partitur selber zu inszenieren, geschweige denn sie zu tanzen. Sein auch in der Körpersprache unaffektiertes Naturell hat Bernard Haitink in einer Beobachtung an der langen Podiumstreppe des Concertgebouw zusammengefasst: Als Rosbaud sich einigermaßen ungockelig zum Pult begab, dachte er, „Das kann ja wohl nicht der Dirigent sein!“ Durchaus, und einen besseren find’st du nicht! Seinen stummen Nachlass, die Hans Rosbaud papers bewahren die Washington State University Libraries in Cage 423. Das klingende Erbe des Verschollenen nimmt mit dieser Edition unwiderruflich ihren Platz ein im Saal der Großen seiner Zunft. Zuguterletzt flicht ihm die Nachwelt seine Kränze. Jörg Friedrich

 

Hans Rosbaud gilt nicht als ausgewiesener Spezialist für Richard Wagner. Mit seinem Namen verbinden sich Mozart, Mahler oder die Moderne. In die Musikgeschichte ist er als Dirigent der konzertanten Uraufführung des Fragments von Schönbergs Moses und Aron 1954 in Hamburg und der ersten szenischen Umsetzung 1957 in Zürich eingegangen. Er kannte Schönberg persönlich. In seiner Diskographie findet sich lediglich eine Wagner-Gesamtaufnahme, nämlich Die Meistersinger von Nürnberg, eingespielt 1955 für die RAI Milano. Begleitet vom Orchester dieser italienischen Rundfunkstation singt ein erlesenes Ensemble deutscher Zunge – aus Elisabeth Schwarzkopf (Eva), Ira Malaniuk (Magdalene), Hans Hopf (Solzing), Otto Edelmann (Sachs), Erich Kunz (Beckmesser), Ludwig Weber (Pogner) und Gerhard Unger (David). Bis auf Weber hatten diese Sänger in denselben Rollen 1951 bei den ersten Bayreuther Nachkriegsfestspielen mitgewirkt. Mehr ist nicht nachzuweisen. Jetzt hat SWR Classic, das Label des Südwestrundfunks, die Wagner-Abteilung um eine Sammlung von Ouvertüren und Vorspielen erweitert, die der Dirigent zwischen 1955 und 1959 mit dem Südwestfunk-Orchester Baden-Baden eingespielt hat (SWR190336CD). Rosbaud war seit 1950 Chef des Orchesters. Er galt als so genannter Radio-Dirigent, weil er dieses Medium schon Ende der 1920er Jahren für die gezielte Verbreitung vor allem von zeitgenössischer Musik zu nutzen verstand. Dabei trat er selbst als Moderator in Erscheinung und machte seine Hörer mit den entsprechenden Werken vertraut. Während der Nazidiktatur blieb er in Deutschland und wirkte in Frankfurt und Münster.

Der Inhalt der CD ist mit den Ouvertüren bzw. Vorspielen zu RienziHolländerTannhäuserLohengrin und Parsifal rein orchestral. Aus Lohengrin gibt es noch zusätzlich die Einleitung zum dritten, aus dem Meistersingern lediglich das Vorspiel zum dritten Aufzug. Es ist, als ob Rosbaud die Architektur dieser Musik offenlegen will. Sein Stil ist intellektuell und etwas kühl geprägt, neigt zum Sezieren. Seine Nähe zu zeitgenössischen Werken wird auch bei der Deutung von Wagner offenbar. Nicht, dass die Spannung darunter litte. Es könnten aber schon mehr Schmiss sein, mehr Rausch und Hingabe. Nach mehrmaligem Hören erweist sich diese Erwartung allerdings als unangemessen, weil der Dirigent ganz bewusst das Gegenteil davon anstrebt. Besonders auffällig ist das bei der Rienzi-Ouvertüre, die er regelrecht entschlackt. Sie klingt nicht mehr heroisch. Als Kontrastprogramm ist diese Neuerscheinung allen Musikfreunden, die sich intensiv mit Wagner beschäftigen, sehr ans Herz zu legen. Am Klangbild wurde offenbar nur dezent gearbeitet. Es bleibt akustisch in seiner Zeit, was zu begrüßen ist. Rüdiger Winter

 

    1. Jenny Abel - Tel. 07224-3329

      Hallo, soviel mir bekannt gibt es keine – zumindest direkten – Nachfahren.
      Hans Rosbaud war so etwas wie ein musikalischer Vater für mich: ab 6-7 Jahren durfte ich alle seine Proben in Baden-Baden besuchen, mit 12 mit ihm spielen… Ich beginne eine Stiftung aufzubauen (in dem bekannten Broos-Eiermann-Haus, meinem Elternhaus bei Baden-Baden, das auch HR kannte…Vielleicht wäre es als Ort würdig?

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  1. Michael Wittmann

    Eine wunderbare Würdigung des Dirigenten Hans Rosbaud. Nicht unerwähnt sollte allerdings bleiben, daß sein Orchetser heute icht mehr exisitert. Es wurde mutwillig zerstört durch die politsch erzwungene Fusion mit dem Südfunkorchester, eine kulturbanausische Untat, die der Zerstörung der Buddha-Statuen in Baman durch die Taliban oder der Ermordung des Berliner Schiller-Theaters in Nichts nachsteht.( Aber Stuttgart gleicht eben einer Suppenschüssel, wo es immer schon schwer war, über den Tellerrand hinauszublicken). Die Rosbaud-Edition ist damit beides zugleich: ein Denkmal für einen großen Dirigenten und ein Schandmal für die Apologeten der schwarzen Null. Suum cuique!!!

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