hampson henschel

“Liebst du um Schönheit…”

Lange hatte man nach seiner Ankündigung durch den Henschel-Verlag schon auf das Buch von Thomas Hampson gewartet und am Ende daran gezweifelt, dass es je erscheinen würde. Aber dann scheint alles ganz schnell gegangen zu sein, denn es gibt Zeugnisse sogar noch aus dem Frühjahr 2014 an intensiver Arbeit daran. Das Warten, soviel sei voraus geschickt, hat sich durchaus gelohnt. “Liebst du um Schönheit” ist der Untertitel, der zugleich die Vorliebe des amerikanischen Sängers für das Lied und besonders das von Gustav Mahler verrät. Viele Gespräche führte Hampson mit dem Mitautor Clemens Prokop, Musikkritiker und Autor von Büchern über Mozart und Don Giovanni, für das wohl in erster Linie für den deutschsprachigen Markt geschriebene Werk, das keine Übersetzung aus dem Englischen ist, wie man bei der Herkunft Hampsons erst einmal vermuten dürfte.

Nur ein kleinerer, der vordere Teil ist chronologisch angelegt, danach geht es thematisch weiter, was die Bereitschaft zur Tiefe und Gründlichkeit ahnen lässt. Dem Leben und Werdegang des Sängers wird offensichtlich weniger Bedeutung beigemessen als seinen Erfahrungen und Ansichten mit und über die Kunst, an deren Hör- und Sichtbarmachen er beteiligt war und ist. Jedes der Kapitel enthält als Motto ein Zitat aus demselben vorangestellt, das Vorwort ist mit einem “Meine Stimme hat mich gefunden” nicht nur eingeleitet, sondern verrät wie die anderen Zitate schon einiges über den Inhalt und den Gehalt des Folgenden. Mit “A boy from Spokane” äußert sich Hampson auf knappen 30 Seiten zu seiner Biographie, die “Gespräche” mit Clemens Prokop, bei denen dieser sich als behutsamer Frager, Hinterfrager und Kommentator zeigt, unterteilen sich, jeweils mit einem Zitat eingeleitet und mit einem informierenden Untertitel versehen, in Informationen und Meinungen über frühe Erfahrungen und für den Säger bedeutende “Wegbegleiter”, über den Alltag im Opernhaus, besonders in Salzburg, über Liedgesang und das letzte Debüt mit Wozzeck, über Hampsons Bedeutung für den American Song und seine Erfahrungen als Gesangslehrer. Es schließt sich ein reichhaltiger Anhang in fünf Teilen an mit : Vita, Rollenverzeichnis, Auswahldiskographie, Bildnachweis und Personenverzeichnis, wobei gleich erwähnt werden sollte, dass das Buch überaus reich an Fotos ist, nicht nur mit zwei Blöcken von Farbfotos, sondern dazu noch vielen Schwarz-Weiß-Foto im Text.

Thomas Hampson macht auf jeder Seite seines Buches deutlich, dass die wahrhaft großen Künstler sich durch Bescheidenheit auszeichnen. Das Vorwort widmet sich nicht nur den üblichen Danksagungen an alle, die das Buch ermöglichten, sondern  erläutert dem Leser die Wahl des Titels und zeigt sich bereits hier sehr zitatfreudig, was von der Belesenheit und dem weit über die Sangeskunst hinausgehenden Interesse des Autors an den Geisteswissenschaften zeugt. Erläutert wird auch der Verzicht auf eine nur chronologisch angelegte Biographie, da es Hampson um eine Umschau um 360 Grad und nicht um einen Blick zurück geht. Etwa geschmäcklerisch klingt es, wenn er von sich selbst als “einem gewissen Thomas Hampson” spricht. Aber so etwas wiederholt sich nicht. In einem angenehm schlichten Erzählstil berichtet er von Kindheit und Jugend in einer typischen Familie der oberen amerikanischen Mittelschicht, von Kirchenmusik und Schulchor, von den ersten Lehrern, zu denen auch eine Sister Marietta Coyle gehört, von der Bekanntschaft mit Schubert und Schumann, der Matthäus-Passion, von Fischer-Dieskau und Prey. Neben einem Studium der Politik und Rechtswissenschaften widmet er sich, unterstützt vom deutschen Bariton Horst Günther, der ihm bis 2013 Berater und Freund bleibt, dem Gesang. Wolfgang Stoll holt ihn nach Deutschland, wo ihn Grischa Barfuss in Düsseldorf einsetzt. Besonders oft tauchen auch in späteren Kapiteln mit bewunderndem Unterton die Namen Harnoncourt und Schwarzkopf auf , ebenso Ponnelle, Levine, Hampe und Drese, Stein, Sawallisch und andere. Das alles aber ist kein name dropping, sondern die Erwähnten werden charakterisiert und in ihrer Bedeutung für die Karriere des jungen Sängers beschrieben.

Was im biographischen Teil als Fakten mitgeteilt wurde, wird im weiteren Verlauf des Buches quasi interpretiert. Es geht um Themen wie den idealen Intendanten, die Funktion des Liedbegleiters, die unterschiedlichen Eigenschaften von Konzertflügeln der einzelnen Hersteller, Schauspielregisseure in der Oper, Akustik von Konzertsälen, ehrliche und weniger ehrliche Berater, die Angst um das Gehör, die Bedeutung der Stille, aber auch weit ausholend um das Geistesleben aller Zeiten und Orte. Hampson versagt sich in seinem Buch auch den wissbegierigen jungen Kollegen nicht und gibt ihnen wichtige Tipps. Zwei Partien, Don Giovanni und Posa, werden besonderer Beachtung gewürdigt, auch über die Unterschiede zwischen dem Verdi- und dem Wagnerbariton miteinander gesprochen. Immer wieder kommt man auf Mahler zurück, von dem der Sänger ein liebevolles Portrait auch des Menschen zeichnet, und auf den Wozzeck, mit dem Hampson im Frühjahr 2014 debütierte. Kommende Debüts werden ebenfalls erwähnt, so die vier Bösewichter 2015 unter Levine an der Met und  Chaussons Le Roi Arthus unter Jordan in Paris, danach 2016 in München die Uraufführung eines Auftragswerks. Abergläubisch ist der Künstler offensichtlich nicht, denn das alles taucht bereits in der Vita auf.

Viel Raum nehmen die Ausführungen über das amerikanische Gesellschafts- und Bildungssystem ein, dazu die Erfahrungen mit zeitgenössischen Opern, die Gründung der Hampson Foundation zur Förderung des Gesangs und des Musikunterrichts durch die Bereitstellung von Unterrichtsmaterial. via Internet, nach dem Song of America nun der Mirror of the World.. Ein Kapitel ist dem Unterrichten gewidmet, dem sich Hampson an der Heidelberger Lied Akademie und der Manhattan School of Music widmet. Hier geht es ihm unter anderem darum, den jungen Sängern zum Entwickeln von Körperbewusstsein zu verhelfen, zum Willen zum Ausdruck. Das Kapitel Gesangslehrer dürfte, so wie es ausfällt, dem Autor schon einigen Kummer bereitet haben. Nun ist es endlich da, das lang erwartete Buch, – es zu lesen, dürfte jedermann, der sich für Oper, Lied, Gesang, aber auch für gesellschaftliche Entwicklungen  interessiert, Gewinn bringen (192 Seiten, Bärenreiter Henschel Verlag ISBN 978 3 89487 912 9)

Ingrid Wanja