La Gloria d`Italia….

 

Nur ein kleiner Kreis ausgewählter Sammler und aficionados weiß, dass die Amerikanerin Anne McKnight als Anna De Cavalieri in die italienische Nachkriegsgeschichte des Gesangs eingegangen ist und sich dort als bemerkenswerter spinto-Sopran einen leuchtenden Namen gemacht hat (das Foto oben zeigt sie im Kostüm der Turandot/HeiB). Sie starb am 29. August 2012 in ihrem langjährigen Wohnort Lugano und hatte dort ihren Lebensabend – nach einer erfüllten Karriere fast nur in Italien – verbracht. In der Tat gilt sie – wie ihre Soprankollegin Südtirolerin Ina del Campo oder die ältere Amerikanerin Dusolina Giannini – als Italienerin, war sie doch die ideale Verkörperung des italienischen melodramma und eine der in jener Zeit zahlreichen erstklassigen Sängerinnen für das große Repertoire wie die Frazzoni, Guerrini, Mancini oder auch Pobbe. Ihre kraftvolle, hochindividuelle und sofort wiedererkennbare Stimme hatte absolut keine Mühe mit ihren Partien, von denen sie zahlreiche im Gepäck hatte: Wally, Sakuntala, Elena/Boito, Turandot/Busoni und Puccini, Rossana/Alfano, Lucrezia/Respighi oder Loreley, aber eben auch Aida und das klassische Fach. Bemerkenswert und für mich die schönste (und weitgehend einzige offizielle) Aufnahme ist ihre Armide von Gluck, die sie bei der RAI einspielte (und die auf Melodram als LP erschien), aber sie gab auch dessen Alceste, sang in vielen Uraufführungen mit und war eben diese risikofreudige Mischung aus amerikanischer Unvoreingenommenheit und italienischer Tradition. Als Anne McKnight wurde sie am 27.August 1924 in Aurora/Illinois geboren, nahm Unterricht bei den renommierten Lehrern Gilderoy Scott und Evan Evans und später bei Giuseppe Pais in Italien. Ihre Anfänge begannen unter ihrem eigenen Namen an der New York City Opera als Marschallin(!); 1961 sang sie die Turandot (auf dem Foto im Kopfschmuck der Partie/Heinsen/Wilhelm) und Tosca in Rio. Dann kam das Engagement nach Italien, wo sie in Folge fast ausschließlich auftrat – neben einigen Einladungen in Brüssel 1964 als Tosca und als Norma in Toulouse 1964. „Zu Hause“, in Italien, sang sie vor allem für die RAI und dort viele moderne Werke, aber eben auch in allen Häusern von Brescia bis Turin, Cremona und Padua, vor allem in Rom. Sie war dort Tosca, Matilde/Tell, Turandot/Puccini, Fedora und viele andere Opernheldinnen mehr. Sie hat meines Wissens als offizielles Dokument nur die Armide bei Melodram hinterlassen, aber die zahlreichen Rundfunkmitschnitte kursieren unter Sammlern und hinterlassen ein memento einer großen, wirklich bedeutenden spinto-Sängerin, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Caterina Mancini als Norma an der Scala 1958/HeiB

Caterina Mancini als Norma an der Scala 1958/HeiB

Nur wenige kennen noch das bizarre Foto der dicken Frau mit der Handtasche, eingerahmt voneiner ähnlich umfangreichen Dame und in der Mitte ein beleibter alter Herr mit einer Hose fast unterm Kinn – Caterina Mancini neben Lucia Danieli und dem Dirigenten Tullio Serafin im Pausenchat bei den Philips-Aufnahmen zu Rossinis Mosè 1956. Die Biederkeit der Optik täuscht, denn mit Caterina Mancini steht/sitzt eine der wichtigsten Nachkriegssängerinnen Italiens vor uns, die wie Maria Vitale nur wegen der glamouröseren Kolleginnen Tebaldi, Stella oder Callas ins Vergessen geraten ist. Sie starb am 21.Januar dieses Jahres (geboren wie ihre Kollegin oben ebenfalls 1924, am 10.November). Wie die Kolleginnen Vitale, Frazzoni und andere bereits genannte war auch sie der Felsen, auf dem das Opernleben der Nachkriegszeit in Italien ruhte, sie war die große Protagonistin der Verdi-Gedenkfeiern 1951 und nahm bei der RAI (weitgehend übernommen durch die Cetra, heute Warner) einen riesigen Verdi-Katalog auf, den sie sich mit Maria Vitale teilte. Vieles aber hat nicht den Weg auf die CD gefunden und kursiert nur unter den Fans, namentlich Attila oder Oberto mit ihr zeugen von der großen, üppigen und schönen Stimme, die sich furchtlos durch Abigaille ebenso durcharbeitete wie durch die Norma Tosca oder Santuzza (beide bei Philips/LPs). Ihr triumphales memento ist eine Forza als Soundtrack des Opernfilms bei der RAI Anfang 50 und ein Mitschnitt aus Philadelphia in derselben Partie (mit Prevedi). Eine absolut tolle, hinreißende „Allzweckwaffe“ ist hier zu hören, eine Stimme und Sängerin, die an heutigen Theatern die meisten Partien bestreiten könnte und die in ihrer Heimat in den 50ern/60ern in so populären Häusern wie Neapel oder Palermo und eben viel beim Radio sang. Ein später Nabucco aus Hilversum (auf CD) soll nicht unerwähnt bleiben, auch nicht ihre Amelia in der Erstaufführung von Donizettis Duca d´Alba 1951 oder ihre Elisabetta von Rossini zu Ehren der Krönung der britischen Monarchin 1953 (beide Melodram etc.). Die Mancini wurde in Genzano bei Rom geboren und starb in der Ewigen Stadt. Sie debütierte als Verdis Giselda 1950 in Florenz, an der Scala 1951 als Lucrezia Borgia. Sie nahm an der Verdi- Renaissance teil, sang aber eben auch viele spinto-Partien wie Gioconda oder Tosca. Ab 1960 zog sie sich aus gesundheitlichen Gründen allmählichvon der Bühne zurück und lebte in Rom, 1963 sang sie den Altpart (!) im Messias an der Dallas Opera anlässlich der Gedenkfeier für Kennedy. Mehrere Anfragen zu einem Interview scheiterten an ihrem schlechten Gesundheitszustand – nun starb sie im Januar letzten Jahres – was für ein Verlust. Auch mit ihr ging eine ganze Ära von erfülltem, erfühltem und hochindividuellem Gesang zu Ende.

Ebe Stignani als Santuzza an der Met/HeiB

Ebe Stignani als Santuzza an der Met/HeiB

Die große Ebe Stignani wäre in diesem Jahr, am 10.Juli, 101 Jahre alt geworden (sie starb am 5. Oktober 1974) – und auch an sie muss erinnert werden, denn sie war in ihrer langlebigen Karriere die „italienische Oper“ schlechthin. Noch neben der 30 Jahre jüngeren Callas ist sie 1951 auf einem Norma-Foto zu sehen (in London), wo die jüngere sie als „Oh giovinetta“ anredet, was sicher ein Lächeln auf die Gesichter des Londoner Publikums zauberte. Aber ihre sopranlastige helle Mezzostimme war und ist für die Adalgisa so viel mehr geeignet als die robust-dunklen „Mutterstimmen“ der vielen Kolleginnen in dieser Partie (bis heute). Ihre Langlebigkeit war durchaus auch für jüngere Kolleginnen ein Fluch, denn die Simionato erzählt, wie lange sie gebraucht hatte, bis endlich die Stignani abtrat und den Platz für eine Nachfolgerin freimachte, was sie dann auch geworden ist. Die Stignani wurde in Neapel geboren, ging dort ans Konservatorium, debütierte um 1925 als Amneris, war dann an der Scala Eboli unter Toscanini und blieb dem Hause treu bis zum Ende ihrer Karriere, sie sang alle großen italienischen Mezzopartien, aber auch Ortrud, Brangäne oder Dalila (in Italienisch) unter De Sabata. Außerhalb Italiens trat sie vermehrt in San Francisco auf, auch an der Met als Amneris und 1952/57 neben Maria Callas als Adalgisa in Covent Garden (und in der für mich wirklich besten Callas-Norma bei der RAI 1955). Die für jene Zeit obligate Südamerikatour jener Jahre führte sie nach Buenos Aires, aber sie sang auch in den europäischen Hauptstädten, sogar in Berlin (1933, 1937 und 1941 im Rahmen der entente cordial mit Italien). Neben den traditionellen Rollen ihres Faches war sie auch in zeitgenössischen Werken zu hören – Respighis Lucrezia oder Lattuadas Cathos zählten zu ihren Erfolgen. 1958 nahm sie ihren Bühnenabschied und lebte in Imola, wo sie verheiratet war und einen Sohn hatte. Ihre Stimme scheint mir in den zahlreichen Dokumenten (bei Cetra, EMI und auf dem grauen Markt) eine sehr flexible, umfangreiche zu sein, sopranbetont und von gutem Atem und erstklassiger Technik getragen. Der Ton selbst kann unangenehm sein, kann auch scharf werden, aber sie kann ebenso weite Kantilenen spinnen und dramatisch außerordentlich zupacken, wie als Dalila mit tollen Glottis. Ihre Eboli ist gefährlich, man möchte ihr nicht im dunklen Garten begegnen, ihre Adalgisa (Callas oder Cigna wesentlich früher) zeigt, dass sich die helle Mezzostimme über die langen Jahre kaum veränderte und ihre Jugendlichkeit bewahrt hatte. Auch die Stignani gehört zu jener Gruppe legendärer italienischer Sänger, die mir als jungem Mann am Beginn meiner Sammlerkarriere beispielhaft die Lust zur Oper beigebracht hat. Fortunati noi!