Klaus Geitel

 

Der Berliner Musikjournalist Klaus Geitel ist tot. Er starb am 17. Juni 2016 im Alter von 92 Jahren in seiner Wilmersdorfer Wohnung, wie die Berliner Morgenpost mitteilte, für die er 37 Jahre lang schrieb. Auch für die Welt und den Sender Freies Berlin berichtete Klaus Geitel aus dem Berliner Musikleben. Im SFB moderierte er von 1979 bis 1991 die Sendung „Klassik zum Frühstück“. Zudem war er Moderator zahlreicher Konzerte und Fernsehporträts. Klaus Geitel veröffentlichte mehrere Künstlerbiografien, etwa über den Komponisten Hans Werner Henze, den Pianisten Friedrich Gulda, den Dirigenten Herbert von Karajan, den Tänzer Rudolf Nurejew und den Choreografen Maurice Béjart. 2005 erschien seine Autobiografie „Zum Staunen geboren“. (Quelle rbb).

 

Klaus Geitel hatte seinen Wohnsitz und sein ausgelagertes, mit Platten und Büchern vollgestopftes Büro ein paar Häuser weiter in der Straße, in der sich meine alte Firma befand. Und er kam alle Tage vorbei, um bei uns Photokopien machen zu lassen. Was stets die Gelegenheit zu einem Schwatz über Oper, Sänger, Kunst, Aufführungen und Kultur als solcher bot. Was war er doch für ein unterhaltsamer Mann! Witzig, ungemein wortgewandt, auch spitz in der Formulierung und stets mit einem Zwinkern in den blauen (?) Augen, die alles sahen. Uns junge Kollegen nahm er unter seine Fittiche, schanzte uns auch mal einen Auftrag im fernen  Monte-Carlo zu (wo er sich dann väterlich meiner annahm, mich den Honoratioren vorstellte und mich neben die Vishnevskaya beim Gala-Diner platzierte). Natürlich wohnte er im unvergleichlichen Hotel de Paris und ich in einer Nummer geringer. Wir trafen uns im Foyer des Luxus-Etablissements ebenso wie später in Neapel oder Bari (wo er mir aushalf, als ich um meine Brieftasche bestohlen wurde). Ich habe viel von ihm gelernt. Seine Art, Dinge wie im Gespräch zu servieren, fast im Nebensatz Kritik anzubringen und locker auch die schwierigsten Zusammenhänge zu beschreiben, hat mich sehr beeindruckt und mir eine von vielen Möglichkeiten gezeigt, wie man gute Texte schreibt. „Sprachpirouetten“ nennt das Volker Blech in dem schönen Nachruf in der Berliner Morgenpost. Und das waren sie: selbstverliebte sprachliche Meisterleistungen.

Die trugen ihn auch durch die künstlerisch sehr riskanten Auftritte von Gwyneth Jones, mit der er befreundet war und deren Moderation er pointiert übernommen hatte. Die ziehen sich auch durch seine launige Autobiographie, die mit den Namen der Großen und Bedeutenden gespickt ist.  Er kannte sie alle, von Henze, Giacometti und Ponnelle zu Karajan und Bernstein. Klaus Geitels  waches Interesse vor allem an Ereignisses des Jet-Sets und des Glamours zeitigte auch lustige Momente: Ich werde nie vergessen, wie er den Kopf durch meine Bürotür steckte und total unvermittelt rief: „Berio an der Scala ist nicht!“, voraussetzend, wir würden uns wie er nach einer Aufführung Berios an der Scala verzehren (ich nicht). Und er liebte das Ballett (Nureyev!).  Er war im besten Sinne großbürgerlich, kam aus einer wohlhabenden Familie (sein Bruder führte die  Fahnenfabrik der Familie, an der Klaus Geitel Anteile hatte). Er hatte exzellente Manieren, war ein stets gut gekleideter Herr. Ein gentleman der alten Schule, wie man so sagt. Gebildet, mehrsprachig, sehr belesen. Mit einem phänomenalen Gedächtnis, das er in seinen unendlich vielen Anekdoten abrufen konnte.

Seine Position in seinem Heimat- und Wirkungsort Berlin war nicht unumstritten. Als   jahrzehntelanger Korrespondent der Welt und der Berliner Morgenpost (seit 1976) hatte er (wie auch beim SFB Radio) seine festen Kolumnen zu den verschiedenen Opern- und Konzertereignissen, die man gerne las (hörte) und über die man auch schmunzelte. Aber seine Nähe zur Macht, zu den Machern und deren Umkreis brachten ihn auch in einen schimmernden Ruf der Beziehungen. Seine Beziehungen zur Deutschen Oper waren zwar langjährig, aber auch nicht ungetrübt. Er hatte sich zeitweise zu sehr angedient, um objektiv urteilen zu können, hatte sich zu einer Art „Hofberichterstatter“ der Institutionen gemacht. Seine Verliebtheit in Herbert von Karajan hatte manchmal etwas Manisches, und die Berichterstattung ließ ihn auch zu nahe an den Philharmonikern sein.

Im Ganzen will mir Klaus Geitel als die Verkörperung des alten West-Berlins erscheinen, in dem gekungelt und Politisches mit sehr viel Privatem vermischt wurde, mehr noch als heute. Man kannte sich von zahllosen Einladungen, Treffen, Essen beim Griechen und Reisen mit dem Tross der Deutschen Oper, mit den Philharmonikern, mit den Mächtigen vom Senat. Alles war möglich damals, und ein Gespräch bei Sekt und Häppchen regelte vieles. Das war mit der Wende eher vorbei, als sich Berlin öffnete und alte Seilschaften an Bedeutung verloren. Auch Klaus Geitels Stern war im Sinken. Die Zeitungen wurden neu strukturiert, die Jungen drängten nach. Das politische und gesellschaftliche Klima hatte sich verändert. Und die Rolle des Gesellschafts-Musik-Kritikers wurde obsolet. Die Zeit und die soziale Entwicklung in der Hauptstadt gingen auch über Klaus Geitel dahin. Er schrieb noch gelegentlich, schaffte sich im hohen Alter sogar einen Laptop an (ich erinnere mich an ein lustiges Gespräch über die Tücken der Elektronik, als wir uns zufällig in der Livländischen Straße trafen). Aber im Ganzen war er raus aus dem System. Ein Schlaganfall tat dann das seine. Zum 90. bekam er alle Ehren und liebevolle Artikel. Der Elder Statesman der Berliner Journaille starb mit 92 Jahren. Ich denke gerne an ihn zurück. Er war eine ausserordentliche West-Berliner Erscheinung und eben ein wirklicher Herr. So jemanden gibt´s einfach nicht mehr. G. H.

 

Das Foto oben zeigt Klaus Geitel 2013 in einem TV-clip für das Berliner Konzerthaus, in dem er sich an Leonard Bernstein erinnert/ youtube. nG. H.

  1. Hans-Dieter Roser

    Ich kann mich dem „So jemanden gibt’s einfach nicht mehr!“ nur anschließen. ich verdanke ihm viele geistreiche und amüsante Gespräche und habe mich immer gefeut, ihn zu treffen. Das letzte Mal kamen wir in der Konditorei der Lindenoper vor dem Umbau zusammen, um dort Josefa Wittes zu gedenken, die wir beide bewunderten und verehrten. R.I.P., Klaus Geitel!

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  2. Ingrid Wanja

    Ein wunerbarer Nachruf, der Klaus Geitel, den ich zwar flüchtiger, aber immerhin auch kannte, noch einmal vor meinen Augen erstehen ließ. Ich werde nicht vergessen, wie er mich zu Beginn meiner Tätigkeit, ebenfalls in der Livländischen Straße, lobte und ermutigte. Ingrid Wanja .

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