Finnlands Wunderkind

Klaus Mäkelä, der finnische Nachwuchsstar unter den Dirigenten, lädt geradezu ein zu Superlativen. Mit erst sechsundzwanzig Jahren steht er bereits zweien der weltweit renommiertesten Klangkörper, nämlich dem Osloer Philharmonischen Orchester und dem Orchestre de Paris, als künstlerischer Leiter vor. Eine hohe Erwartungshaltung kann Fluch und Segen zugleich sein. Der 2021 abgeschlossene exklusive Kontrakt mit dem legendären Label Decca hat dies gewiss nicht unwesentlich befeuert, bedenkt man, dass Mäkelä nach Georg Solti 1947 und Riccardo Chailly 1978 tatsächlich erst der dritte Dirigent ist, dem diese Ehre zuteil wird. Ob ein Exklusivvertrag heutzutage nicht schon ein wenig aus der Zeit gefallen ist, darüber ließe sich trefflich debattieren. Es kommt darauf an, was die Plattengesellschaft und der Künstler daraus machen. Es ist nicht so, dass Mäkelä keine Vorläufer gehabt hätte, auf die sich viele Hoffnung konzentrierten. Man nehme beispielsweise seinen Landsmann Mikko Franck, der um die Jahrtausendwende herum mit von der Fachwelt gleichsam einhellig gepriesenen Einspielungen für Furore sorgte und als der kommende ganz große Star aus dem hohen Norden galt. Ein Quasi-Exklusivkontrakt mit dem in Helsinki ansässigen Label Ondine lief nach ein paar Jahren indes sang- und klanglos aus. Mittlerweile amtiert Franck, längst aus dem Rampenlicht in die vielleicht selbst gewählte sogenannte zweite Reihe verschwunden, als Leiter des Orchestre Philharmonique de Radio France – Ironie des Schicksals – neben Mäkelä, aber ohne all den Starrummel, ebenfalls in Paris.

Äußerlichkeiten sollten neben der künstlerischen Leistung keine Rolle spielen, doch ist es ein offenes Geheimnis, dass sie es zumindest unbewusst häufig doch tun. Das adrette Auftreten Mäkeläs, häufig in feinen Zwirn gewandet und hinsichtlich seiner sartorialen Präferenzen erstaunlich konservativ (wann sah man zuletzt einen Dirigenten Mitte zwanzig im – noch dazu gut sitzenden – Zweireiher?), ist gewiss sein Nachteil nicht. Anders als zu Beginn seiner Karriere sah man ihn zuletzt meist ohne Brille, als wollte er die Sehhilfe negieren. Ob dies auch von Decca angeregt wurde, sei dahingestellt. Zumindest ist die photographische Inszenierung Mäkeläs ungemein professionell und erinnert in gewisse Weise gar an jene Herbert von Karajans durch die Deutsche Grammophon Gesellschaft. Jugendlich, hellhäutig, blond und blauäugig – diese Attribute werden in der Präsentation der Decca stark betont, die nun die erste heiß erwartete Veröffentlichung mit ihrem neuen Exklusivkünstler und Hoffnungsträger vorlegt. Dass die Wahl auf den finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius fiel, ist derart folgerichtig, dass man den nun vorgelegten Zyklus der sieben Sinfonien als zwangsläufig bezeichnen kann (Decca 28948522569). Einerseits geht Decca damit auf Nummer sicher, passt die nordische Dreifachkombination ja hinsichtlich ihrer Idiomatik wie angegossen. Andererseits aber entfällt auch jedwede Schonfrist, liefert Mäkelä sozusagen vom ersten Moment an der übermächtigen Konkurrenz aus. Es ist womöglich sogar beispiellos, dass die erste diskographische Hinterlassenschaft eines jungen Dirigenten bereits dergestalt ambitioniert daherkommt. Blickt man abermals zurück, so war Soltis erste Decca-Einspielung als Dirigent die Tanz-Suite von Béla Bartók, bei Chailly handelte es sich um eine Platte mit sieben Rossini-Ouvertüren. Kleine Brötchen im Vergleich.

Es sei praktisch unmöglich, dass ein finnischer Musiker ohne den Einfluss von Sibelius aufwachse, so Klaus Mäkelä im kurzen Einleitungstext von Andrew Mellor. Zurecht wird darin auf die starke Sibelius-Tradition in Oslo (bis 1924 noch Christiania genannt) verwiesen. Mäkelä ist bereits der vierte aus Finnland stammende Osloer Chefdirigent, nach dem legendären Georg Schnéevoigt (1919-1921), Okko Kamu (1975-1979) und zuletzt Jukka-Pekka Saraste (2006-2013). Seit den fernen Tagen der unvergessenen Kirsten Flagstad haben die Osloer Philharmoniker jedenfalls nicht mehr mit der Decca zusammengearbeitet. Auch dies sei nun quasi Mäkeläs Verdienst. Dieser gibt sich ganz bescheiden und überaus kollegial, indem er auf die wichtigen Erfahrungen und lehrreichen Anstöße verweist, die er – noch als Cellist – unter den großen Repräsentanten der finnischen Sibelius-Tradition aufgesogen habe. Ganz ohne Frage ist die Messlatte allein unter den finnischen Dirigenten gewaltig hoch, legten neben den bereits genannten Kamu und Saraste doch auch Paavo Berglund, Osmo Vänskä und Leif Segerstam (jeweils sogar mehrfach) Zyklen der Sibelius-Sinfonien vor, die bis zum heutigen Tage als unverzichtbare Bausteine innerhalb der Diskographie gelten. Derzeit ist beim Label Alpha außerdem ein neuer Zyklus der Göteborger Sinfoniker unter Santtu-Matias Rouvali im Entstehen begriffen. Es müssen hier noch einzelne legendäre Aufnahmen finnischer Dirigenten, die außerhalb von Studiozyklen entstanden sind, extra hervorgehoben werden, denkt man etwa an die Ersteinspielungen unter Robert Kajanus oder einen im September 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges also, in New York entstandenen, unglaublich expressiven Live-Mitschnitt der zweiten Sinfonie mit dem NBC Symphony Orchestra unter Schnéevoigt. Kurzum: Es mangelt mitnichten an Vergleichsmöglichkeiten.

Aber in medias res. Sibelius‘ sinfonischer Erstling von 1899 steht in e-Moll und zugleich in der Tschaikowski-Nachfolge. Dies sollte nicht weiter verwundern. Zum einen entstand die Symphonie Pathétique gerade sechs Jahre davor, zum anderen – und das darf nicht außer Acht gelassen werden – waren sowohl Tschaikowski als auch Sibelius seinerzeit Untertanen des Zaren, weswegen man Sibelius in Sankt Petersburg als „russländischen“ Komponisten durchaus für sich reklamieren konnte. Mäkelä schlägt bereits im Kopfsatz eine individuelle, mitunter expressive Lesart an, die indes vollauf überzeugt, wenn man sich darauf einlässt. Die genuine Qualität des Osloer Orchesters in diesem Repertoire überrascht nicht. Die erste Sinfonie gehörte auch schon zu denjenigen (neben Nr. 2, 3 und 5), die Mariss Jansons Anfang der 1990er Jahre für EMI einspielte. Rein von den Spielzeiten (40 Minuten insgesamt) bewegt sich Mäkelä völlig innerhalb der Norm. Zum ersten Höhepunkt gerät (fast schon naturgemäß) der 13-minütige Finalsatz, den der Komponist mit Quasi una fantasia bezeichnete und der auch eigenständig bestehen könnte. Mittels geschickter Agogik erzielt Mäkelä eine ähnliche Intensität wie weiland Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern – und das will wirklich etwas heißen. Auch klanglich weiß der Auftakt zu überzeugen und kann Decca, das in Sachen Tontechnik seit den frühen Tagen der Stereophonie stets einen Führungsanspruch stellte, den geweckten Erwartungen durchaus gerecht werden. So erscheint das 1977 eröffnete Konserthus in Oslo, in dem sämtliche hier versammelten Einspielungen entstanden sind und das akustisch als durchaus problematisch gilt – Jansons warf deswegen im Jahre 2000 gar als Chefdirigent hin –, gleichwohl als adäquates Aufnahmestudio.

Als finnischer Nationalvogel gilt wegen seiner Rolle in der finnischen Mythologie der Singschwan. Er darf nicht gejagt werden. Zählte man in den 1950er Jahren nur mehr 15 Brutpaare, so sind es heute wieder rund 1500. Sibelius setzte dem Vogel mit dem berühmten Schwanenruf am Ende seiner fünften Sinfonie ein musikalisches Denkmal. Foto/Wikipedia

Keine Sibelius-Symphonie ist populärer als die 1902 vollendete Zweite, keine wurde – mit Abstand – häufiger eingespielt. Entsprechend groß ist natürlich die Konkurrenz. Ein Mangel an bedeutenden Interpretationen besteht jedenfalls mitnichten, selbst wenn man allein das Stereo-Zeitalter gelten lässt. Vor allem können bei der Sinfonie Nr. 2 auch Dirigentennamen außerhalb der nordischen Hemisphäre nicht außer Acht gelassen werden, seien es Sir John Barbirolli und George Szell, Herbert von Karajan und Leonard Bernstein – um nur einige wenige zu nennen –, die alle auf ihre Art ungemein imponierende Lesarten hinterließen. Klaus Mäkeläs Deutung bewegt sich mit 46 Minuten tempomäßig auf der langsameren Seite, ohne einen Moment langatmig daherzukommen. Wundersam, dass sie zusammen mit der Ersten auf die erste Disc der Box passt, sage und schreibe 86 Minuten Musik beinhaltend. Ein untrügliches nordisches Idiom kommt in dieser neuesten Decca-Einspielung zum Tragen. Mätzchen sind Mäkeläs Sache nicht; alles ist in sich schlüssig und stringent. Tatsächlich schafft es der Finne nichtsdestotrotz, hie und da eine dezente persönliche Note einfließen zu lassen. Den Kopfsatz bringt er gewichtiger als andere und degradiert ihn nicht zur bloßen Quasi-Introduktion für den mächtigen langsamen zweiten Satz, der wie für ein musikalisches Abbild der rauen und unwirtlichen Landschaft hoch im Norden stehen könnte. Überhaupt ist Mäkeläs Sibelius urwüchsig und in der Natur verhaftet, teils introvertiert, jedenfalls fernab urbanen Trubels. Im Vivacissimo, dem rasanten Scherzo, kommt noch am ehesten der Eindruck der italienischen Reise durch, die der Tondichter während der Komposition absolvierte, um dann freilich abermals attacca und somit nahtlos in den Finalsatz übergehend in die heimischen nördlichen Gefilde einzumünden. Der bekrönende Abschluss will hart erkämpft sein. Mühelos lässt sich hier das Ringen der finnischen Nation um ihre Freiheit hineininterpretieren, gesteigert bis hin zur musikalischen Unabhängigkeitserklärung Finnlands an den Zaren. So verführerisch ein solches vermeintlich inkludiertes Programm auch anmutet, letztlich handelt es sich um absolute Musik. Bloßes Pathos nur um des Effekts willen wird man in dieser Aufnahme jedenfalls vergeblich suchen. Geschickt lässt der Dirigent in der Coda die Pauken ganz allmählich von dräuendem Grummeln in ein bezwingendes Grollen steigern und muss dabei noch nicht einmal die von Serge Kussewizki in Boston besorgten und von Sibelius höchstselbst abgesegneten Retuschen bemühen. Fulminant und doch nicht aufgesetzt klingt das viel gehörte Werk überzeugend aus.

Der klassizistisch angehauchten dritten Sinfonie (1907) konnte manch bedeutender Sibelius-Dirigent wenig abgewinnen. Legendär ihr Fehlen im Repertoire Karajans (er spielte die übrigen sechs ein, teils mehrfach), der sie schlichtweg „nicht verstanden“ haben will. Ihr sonniges Gemüt drückt sich bereits in der C-Dur-Tonart aus. Nach den ersten beiden Kolossen haftet ihr eine für Sibelius untypische Leichtigkeit an. Tatsächlich scheint Klaus Mäkelä keine Schwierigkeiten damit zu haben, kommt seine Interpretation doch schlüssig daher. Bereits im Kopfsatz weiß er mit ungemeiner Detailgenauigkeit das Ohr auch fortgeschrittener Sibelianer zu erfreuen. Die dynamischen Ausdrucksmöglichkeiten der Osloer begeistern einmal mehr. Gerade der hier wirklich langsam gespielte zweite Satz zählt zu den melodisch eingängigsten des Komponisten. Im Finalsatz wird noch am ehesten das Pathos bedient. Mit triumphalem Gestus und voller Euphorie darf die Dritte ausklingen. Untypisch ist in diesem Zusammenhang die Behandlung der Streicher, die zuweilen sehr prominent in Erscheinung treten.

Wie Tag und Nacht unterscheidet sich die nachfolgende vierte Sinfonie von ihrer Vorgängerin. 1911 vollendet, entstand sie in einer für Sibelius persönlich sehr deprimierenden Phase seines Lebens, in der er mit einem bösartigen Halsgeschwür rang, das zwar operativ erfolgreich entfernt werden konnte, dessen etwaiges Wiederauftreten jedoch jahrelang wie ein Damoklesschwert dräute. Kein Wunder also, wenn es sich bei der gewählten Tonart um a-Moll handelt und die Stimmung, gerade im ersten Satz, düster und trostlos anmutet. Nie waren sich die Tonsprache von Sibelius und Gustav Mahler näher, die sich 1907 in Helsinki auch persönlich getroffen hatten. Es ist freilich eine nicht geringe Kunst, will ein Dirigent sowohl die Dritte als auch die Vierte in deren Janusköpfigkeit ähnlich überzeugend darbieten. Mäkelä darf sich zu denjenigen Orchesterleitern zählen, denen es gelingt. Gewiss nicht zu Unrecht beschreibt der Dirigent die Vierte im Booklet als die „persönlichste“ unter den Sinfonien seines Landsmanns und sieht gewisse Parallelen zum berühmten Gedicht The Raven von Edgar Allan Poe. Bereits die ersten Takte lassen in der Neueinspielung wahrlich aufhorchen. Derart packend vom ersten Moment an hört man dieses Werk nicht alle Tage. Die bassbetonte Decca-Aufnahmetechnik kommt gerade hier sehr entgegen. Zweifellos einer der Höhepunkte des Zyklus und mit dem vielfach bemühten Attribut referenzträchtig gut beschrieben.

Der englische Komponist und Dirigent Anthony Collins nahm betreits zwischen 1952 und 1955 für Decca alle Sibelius-Sinfonien mit dem London Symphony Orchestra in Mono auf.

Mit seiner Sinfonie Nr. 5 beginnt ein neues Kapitel im Leben von Jean Sibelius. Die Krebserkrankung war glücklich überwunden. Angeregt wurde das Werk von offizieller Seite und sollte seinen eigenen 50. Geburtstag musikalisch untermalen. Tatsächlich erklang sie an eben diesem 8. Dezember 1915 unter Leitung des Komponisten in Helsinki. Mit dieser Erstfassung war Sibelius allerdings bald schon unzufrieden, so dass es – untypisch für ihn – zu einer Umarbeitung kam, die 1916 vollendet wurde. Auch sie stellte nicht der Weisheit letzten Schluss dar, denn erst die Drittfassung von 1919 sollte seinen hohen Ansprüchen an sich selbst genügen. Diese Letztfassung dominiert heutzutage absolut, so dass es nicht wunder nimmt, dass sich auch Mäkelä ihrer bedient. Als sie am 24. November 1919 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde, war Finnland tatsächlich ein unabhängiges Land, der Zusammenbruch des Zarenreiches hatte dies ermöglicht. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Tilgung der Schroffheit, welche der Urfassung noch anhaftete, zugunsten einer positiveren Grundstimmung zu verstehen. Der junge Dirigent jedenfalls sieht in der Fünften eine Reaktion von Sibelius auf die europäische Moderne. Seine Lesart nimmt für sich ein. Gewisse Akzentuierungen sind wie Reminiszenzen an frühere Interpreten. Das sehr nachdrückliche Einsetzen der Streicher zu Beginn des Schlusssatzes erinnert an Bernsteins Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern. Die ohrwurmartige „Schwanenhymne“ im Finalsatz hörte man indes schon ausdrucksstärker. Die schwierigen Schlussakkorde geraten etwas zu verhalten.

Mit „reinem Quellwasser“ assoziierte Jean Sibelius persönlich seine sechste Sinfonie von 1923. Sie leitet gewissermaßen den Spätstil des Komponisten ein, steht im dorischen Modus und gemahnt stellenweise beinahe an Palestrina. Klaus Mäkelä sieht in ihr „eine Übung in höchster Ausdrucksreinheit“. Tatsächlich kommt die Sechste deutlich entschlackter daher als ihre Vorgängerinnen. Als „Cinderella der sieben Sinfonien“ (Gerald Abraham) steht sie im Schatten der anderen, wird auch von der im Jahr später fertiggestellten Siebenten überstrahlt, die dem Dirigenten als letzte vollendete Sinfonie des Komponisten als die „vollkommenste“ erscheint. Hier kehrt auch die Monumentalität wieder, die der Sechsten abgeht. Es gibt gleichwohl eine enge Verbindung zwischen beiden Werken, die im Konzert teilweise auch schon ohne Pause, gleichsam als Einheit, ineinander nahtlos übergehend gespielt wurden. Sibelius‘ reifer Altersstil gelangt hier jedenfalls zu seiner Vollendung. Da wie dort genehmigt sich Mäkelä mehr Zeit als die meisten anderen Interpreten, erreicht aber nicht ganz die Emphase eines Leonard Bernstein oder auch Charles Munch (Nr. 7), die ähnliche Ansätze verfolgten.

Mit der Tondichtung Tapiola schrieb Sibelius 1926 sein letztes großes Orchesterwerk überhaupt. Mit dieser, gewiss seiner reifsten sinfonischen Dichtung kehrte der damals 61-Jährige zurück zur finnischen Mythologie des Kalevala, die seine frühen Jahre so nachhaltig geprägt hatte. Die Waldgottheit Tapio ist es, nach der das Werk benannt ist, und „des Nordlands düstre Wälder“ mit ihrer Unendlichkeit sind das Thema. Insofern lässt sich auch Tapiola durchaus als absolute Musik verstehen. Mäkeläs Lesart ist hier überzeugender als in der siebten Sinfonie.

Also Bonus darf die Beigabe dreier später Fragmente (HUL 1325, 1236/9 und 1327/2) begriffen werden, rekonstruiert von Timo Virtanen. Diese wurden bislang erst einmal eingespielt, nämlich durch das BBC Philharmonic unter John Storgards für Chandos. Wiederum wählt Mäkelä im direkten Vergleich getragenere Zeitmaße. Ob die besagten Fragmente zur geplanten, aber bekanntlich niemals zu Ende gebrachten achten Sinfonie gehören, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen.

Als Konklusion lässt sich festhalten, dass Klaus Mäkelä und das Osloer Philharmonische Orchester eine wirklich beachtliche Gesamtaufnahme vorgelegt haben, die zwar kein neues Kapitel in Sachen Sibelius-Interpretation aufschlägt und auch keine der bisherigen Referenzaufnahmen vollauf ersetzen kann, jedoch eine hörenswerte Erweiterung in der zunehmend unüberschaubaren Diskographie bedeutet. Besonders hervorzuheben sind die Interpretationen der ersten, zweiten und vierten Sinfonie. Ob die hie und da auffällige Streicherlastigkeit allein auf dem Konzept des Dirigenten beruht oder ob dies auch Produkt der Klangphilosophie der Decca-Tontechniker ist, lässt sich an dieser Stelle nicht abschließend beantworten. Die Textbeigabe (Englisch, Französisch, Deutsch) fällt relativ bescheiden aus (Foto oben/ Klaus Mäkelä/ Booklet zur Decca-Ausgab). Daniel Hauser