Maria de Rohan – zurück zu den Quellen?

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Enttäuschung? Täuschung? Verleumdung? Schande? Donizettis Maria di Rohan von 1843 ist eine Oper überdimensionalen Formats, sie bietet ein ewig gültiges Beziehungsdreieck, das alles und jeden unaufhaltsam zu einem gewaltsamen crime de passion treibt, das so eigentlich nie stattgefunden hat. Aber aus eben diesem Stoff ist das melodramma romantico gemacht. Das 19.Jahrhundert watete geradezu in falscher, in Pseudo-Historie, und auch unsere eigene Epoche der

Die historische Marie de Rohan Montbazon, Herzogin von Chevreuse.

Die historische Marie de Rohan Montbazon, Herzogin von Chevreuse.

TV-Soaps fällt vor dieser Musik auf die Knie, die so hinreißend gekonnt gestrickt ist, dass sie in drei Akten das Leben selbst in den Schatten stellt. Aber leider bedachte der Komponist nicht die musikwissenschaftliche Vernarrtheit seiner späteren Bewunderer. Vor wenig mehr als zehnJahren warf eine wohlmeinende „Kritische Edition“ der Oper (mit ausführlichen Appendices) einen Schraubenschlüssel in die Aufführungsgeschichte des Werkes.

Wir wissen dadurch nun, dass Donizetti drei (!) Versionen der Maria di Rohan (mit einigen zusätzlichen Teilstücken hier und da) schrieb, die ersten Versionen für Wien und Paris im Jahr der Uraufführung und eine dritte für Neapel ein Jahr später – nicht eine einzige beginnt oder endet genau mit der Musik der anderen, sondern zeigt eine Fülle an alternativen Stücken und viele Änderungen in der Orchestrierung. Und zu allem Überfluss wechselte Donizetti für Paris – wo er für eine völlig andere Publikumsrezeption aufgrund einer gänzlich verschiedenen Bühnentradition kluge Striche anbrachte – auch noch die Geschlechter-Zuordnung einer Rolle und versah seine Fassung mit erfolgssicherem vokalem Feuerwerk, das die Oper zu einem Vehikel für die besten Sänger aller Epochen machte: Maria di Rohan wurde die Oper für und von Battistini und Darclée, Renata Scotto, Virginia Zeani, Edita Gruberova, Renato Bruson und viele andere der Top-Etage.

Mattia Battistini und Haricléa Darclée im dritten Akt der Maria di Rohan auf einer alten Fan-Postkarte (Archiv Weatherson).

Mattia Battistini und Haricléa Darclée im dritten Akt der Maria di Rohan auf einer alten Fan-Postkarte (Archiv Weatherson).

Aber der Einfluss der „Kritischen Edition“ hat auch seine dunkleren Seiten, denn was wir nun finden heißt: „Auswahl“ – wobei die Appendices die Schuldigen sind, weil man nun daran ging, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu picken. Maria kann nun in jedem beliebigen Musik-Mix serviert werden, für jedermanns Geschmack – der Sänger, des Dirigenten, des Designers oder des Managements (und gelegentlich sogar des Publikums). Maria di Rohan ist nun eine moderne Oper geworden, eine Oper der Beliebigkeit. Wenn eine Arie ein Problem macht – ach, lasst sie weg oder ersetzt sie durch eine leichtere aus der anderen Version. Wenn man keinen Mezzo für die Pariser Hosenrolle hat – ach, schaut euch doch statt dessen mal nach einem Tenor um. Produktionen unserer Zeit in Europa und den USA haben sich merkwürdig verdrehte Versionen bei der Musik und eine abenteuerliche Besetzung ausgesucht und dies alles als Maria di Rohan ausgegeben, ohne sich mit Copyright-Problemen einer gültigen Fassung herumschlagen zu müssen.

In dieser neuen Studio-Aufnahme bekennt sich Opera Rara zu dem Recht, zur originalen Version des ersten Tageslichtes zurückzukehren. Man spielt die Wiener Fassung, die originale, ohne das Pariser vokale Feuerwerk. Zurück zu den Quellen also? Nicht so ganz, wie es scheint. Praktisch gesehen, geht diese Aufnahme mit der Vorlage mit recht leichter Hand um, selbst in den Schlüsselszenen finden sich Schnitte zuhauf, so dass der Plot gelegentlich absurd erscheint – die Handlung rast dahin, dass man ohne Libretto vor sich kaum folgen kann, und selbst das berühmte Finale mit all seinen Verfluchungen, Pistolenschüssen und Beleidigungen geht in einem flotten tutti von Streichern, Schreien und Hinter-der-Bühne-Geräuschen unter. Niemand würde ahnen, was da abgeht. Nur die wunderbaren Melodien kommen herüber, laut und klar, während der Handlungszusammenhang auf der Strecke bleibt. Die Besetzung ist weitgehend neu, aber nicht die Interpretation.

Eugenia Tadolini als Maria in Wien 1843.

Eugenia Tadolini als Maria in Wien 1843.

Christopher Purves gibt einen gebieterischen Visconte de Suze mit schöner Projektion und Präsenz, bleibt aber eindimensional wie alle guten Baritone vor ihm, und wenn er einmal in Fahrt kommt, ist er vorhersehbar racheschäumend und Dezibel-laut für den abschließenden Vorhang – nicht aus Verzweiflung oder innerem Antrieb, sondern dem Stereotypen verpflichtet. Krassimira Stoyanova verdankt in der Titelrolle ihre Wirkung eher ihrer ausgereiften Vokaltechnik als erkennbaren Emotionen, dennoch erhebt sie sich – ein bisschen sehr reif – zu nachdrücklicher Würde beim schmerzvollen Leidensweg einer geistig verwirrten Geliebten. Als Riccardo di Chalais singt José Bros mit mehr als austauschbarer Heftigkeit, die man vielleicht „italienisch“ nennen könnte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner auf Paris orientierten Karriere suchte Donizetti eben nicht länger diese italienische Direktheit.

Die vielen nachdrücklichen Rezitative und Ensembles kommen gut herüber, und das Orchestra of the Age of Enlightenment zeigt sein Potenzial: Von der ersten Note der berühmten Ouvertüre an bringt Mark Elder seine Mannen auf Touren – und das mit einem charakteristischen Brio, das in einem Theater unerreichbar (oder so ausbalanciert unmöglich) wäre und nur auf einer CD zu verwirklichen ist. Diese Klarheit des Klanges und die Perfektion des Orchesterspiels und dessen Nachdruck machen den außerordentlichen, positiven Faktor dieser Einspielung aus. Donizettis Orchestrierung für Wien gewinnt an Tiefe und erfährt volle Gerechtigkeit, obwohl man sich über die zum Teil halsbrecherischen Tempi streiten könnte. Die anspringende Erregung, die Integrität der musikalischen Sprache, wie sie Donizetti sich so unwiderstehlich entfalten lässt, geht ganz auf Elders Leitung zurück.

Marietta Brambilla als Armando in Paris 1843.

Marietta Brambilla als Armando in Paris 1843.

In einem Anhang finden sich vokale Zusätze, die in ihrer Kapriziosität durchaus denen gleichkommen, denen wir bislang in den verschiedenen Aufführungen des Werkes begegnet sind. Insgesamt gibt es hier fünf Zusatzstücke, vier entstammen der Pariser „Feuerwerks“-Version, aber eben in keinem Fall so vollständig, wie uns der begleitende Text (von

Jeremy Commens) glauben machen will. Ihre ganz grundsätzliche Bedeutung liegt in der Ausführung durch die Altistin Enkrlrjda Shkosa in der Hosenrolle des Armando di Gondi mit zwei eingefügten Arien, die für Marietta Brambilla in Paris geschrieben wurden. Sie ist das spätere Gegenstück des antagonistischen Elementes der – im Hauptteil aufgenommenen – Wiener Fassung und wird dort von dem geschmeidigen Tenor Loic Felix gesungen. In diesen Stücken wirkt der Kontra-Alt wie ein willkommener frischer Luftzug, der dem stimmlichen Anteil der vorangehenden Gesamt-Aufnahme sonst so fehlt – als ob das Théâtre-Italien einen wohlwollenden Schatten wirft, denn Chalais und Maria werden erst im Appendix richtig lebendig. Ein einziger, quälend vielversprechender weiterer Zusatz stammt schließlich aus der neapolitanischen Fassung. Die Aufnahme-Qualität ist tadellos, fast zu sehr mit ihren übertriebenen Dynamiken und der beinahe unrealen Kristallklarheit des Klanges.

Das Resultat erscheint gleichermaßen laut wie klinisch, stark im Drama aber gering an Theater. (…) Aber tun solche kalten technischen Entscheidungen (auch der beschriebenen Eingriffe) dem Komponisten und seinem vielschichtigem, unaufgelöstem Meisterwerk einen Gefallen?

Opera Rara schmückt eigenartiger Weise das Cover zu dieser Aufnahme mit einem Portrait der Mme de Sévigny – sie war die unerbittliche Feindin der Marie de Rohan, Duchesse de Chevreuse. Soll uns dies etwas über die Ausgabe innerhalb des Schubers sagen? Wer weiß…
Alexander Weatherson

(Alex Weatherson ist Chairman der Londoner Donizetti Society und eminenter Musikwissenschaftler mit vielen Publikationen und Editionen mit dem Schwerpunkt auf Donizetti und seiner Zeit. Übersetzung: G. H.)

Gaetano Donizetti: Maria di Rohan mit Maria di Rohan – Krassimira Stoyanova, Riccardo, Conte di Chalais – José Bros, Enrico, Duca di Chevreuse – Christopher Purves, Visconte di Suze – Graham Broadbent, Armando di Gondi – Loïc Félix, De Fiesque, – Brindley Sherratt, Aubry – Christopher Turner, Un famigliare – Riccardo Simonetti Appendix music Gondi – Enkelejda Shkosa; Orchestra of the Age of Enlightenment, Geoffrey Mitchell Choir, Dir. Mark Elder. Opera Rara ORC44 2 CD

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.