Vorstufe zur grossen Oper: Webers „Silvana“

 

Es ist verführerisch darüber zu spekulieren, wie es wäre, die Werke großer Meister chronologisch zum ersten Mal zu hören! Was wäre das für ein Effekt, wenn man im Leben zuerst die Silvanas dieser Welt kennenlernte und dann erst die Meisterwerke… Vermutlich verliebten wir glühend uns in Frühwerke wie Wagners Liebesverbot, Webers Silvana oder Rossinis Scala di Seta, um dann vor Begeisterung völlig auszuflippen, wenn wir später Lohengrin, den Freischütz und den Barbiere erstmals hörten. Den Zeitgenossen ging es ja genau so. Silvana (Libretto von Franz Carl Hiemer, basierend im Wesentlichen auf Webers verschollener Oper Das stumme  WaldmädchenUraufführung 1810 in Frankfurt am Main) war die erste große Romantische Oper Webers mit Waldzauber, Rittern und Liebesintrigen. Hier probiert er sich erstmal so richtig aus, und deswegen ist diese Oper als große klingende Weber-Werkstatt allemal eine neue Aufnahme wert. Warum es hier wirklich geht,  wusste bis vor einigen Jahren niemand so ganz genau. Durch die Medien spukt bis heute eine Bearbeitung aus den 1880er Jahren, die eine komplett andere Handlung aufweist als das Original. Da geistert eine Dryade oder Waldnymphe durchs Gebüsch, Silvana singt fröhlich vor sich hin und ist in der alten Bearbeitung eine eher langweilige Köhlerstochter – der später so beliebte romantische Topos der Undine und auch der Loreley wird nachträglich übergestülpt.

Jene Handlungs-Version hat sich so verbreitet, dass sie sogar noch heute in Wikipedia und Reclams Opernlexikon nachzulesen ist. Dabei sind in Webers Original durchaus keine Dryaden unterwegs, und Silvana ist in Wirklichkeit nur ein stummes Waldmädchen. Weber musste ihr also pantomimisch auf die Sprünge helfen. Diese Teile der Musik finde ich besonders gelungen. Es ist aufregend zu hören, wie Weber das Problem der Stummheit knapp 20 Jahre vor Aubers Muette de Portici sensibel mit romantischen Stilmitteln löst. Sieht man von einer gewissen Schwerfälligkeit in den Ensembles ab, erkennt man doch über weite Strecken Webers großes dramatisches Talent. Er hat 1812 zwei große Arien nachkomponiert, die fast Freischütz-Niveau haben, und er spielt amüsant mit der noch jungen Tradition der deutschen Oper. Das heißt, man kann hier schmunzelnd die Anleihen zur Zauberflöte erkennen. Übrigens schätzte Weber selbst das Werk sehr realistisch ein. Er schreibt in einer Notiz 1812: „In Hinsicht des Tempos und des Rhythmus muss ich künftig mehr Abwechslung suchen“. Er fügt aber auch hinzu: „Selbst meine Feinde gestehen mir Genie zu, und so will ich denn in Anerkennung meiner Fehler doch mein Selbstvertrauen nicht verlieren.“ Und mit diesen Worten ist das Werk eigentlich gut umrissen: Es ist die mit Fehlern behaftete, aber selbstbewusste Oper eines jungen Genies.

Der junge Carl Maria von Weber/Wiki

Der junge Carl Maria von Weber/Wiki

Webers Ruhm beruht ja vor allem auf dem Freischütz als „deutscher Nationaloper“. Die Vorstudie dazu heißt Silvana. Neu eingespielt bei cpo vom Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer ist diese neue Silvana eine Zweiteinspielung, denn 1996 kam das Werk erstmals beim Label Marco Polo heraus, als Ergebnis einer Produktion der Oper Hagen, allerdings ohne die für die Kontinuität der Handlung nötigen Dialoge (beim Konzert der Berliner Staatsoper im Konzerthaus mit Helen Bickers, Johan Botha und René Pape unter Hartmut Haenchen 1994 erledigte das alleinig ein Sprecher). Die neue Aufnahme aus München hat da durchaus mehr zu bieten. Jetzt bekommt man nicht nur die zeitgemäß gekürzten Dialoge serviert, sondern ein Sprecher (Marko Cilic in Gestalt vpon Knappe Kurt) verkündet auch, wo man sich befindet und was Silvana grade so treibt. Das ist gerade bei letzterer nicht unwichtig für das Verständnis, denn die ist ja stumm.  Und auch wenn sich bei Marco Polo damals die Hagener Philharmonie unter Gerhard Markson viel Mühe gegeben hat, ist das Webersche Idiom, seine wirklich schöne Instrumentierung hier bei cpo mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer feiner abgestimmt, noch facettenreicher und gediegener. Warum der doch sonst so ambitionierte Münchner Rundfunkchor hier wie im BR-Live-Konzert am 18. 4. 2019 so dröge singt, bleibt allerdings rätselhaft, vielleicht war man überbeschäftigt. Die Herren der Aufnahme sind ein Gewinn, allen voran der Tenor Ferdinand von Bothmer als schmachtender Graf Rudolph und Simon Pauly als burlesker Diener Krips. Die übrigen Männer-Partien sind mit Jörg Schörner, Detlef Roth, Andreas Burkhart, Tareq Nazmi bestens besetzt. Bei den Damen hat man (neben einer niedlichen Zofe Clärchen von Ines Krapp) mit der Hauptrolle keinen so überzeugenden Griff getan: Michaela Kaune singt die Mechtilde doch sehr rau und wenig gelöst, irgendwie kommt sie nicht vom Boden hoch und bleibt in dem Rollentyp einer kommenden Genoveva oder Euryanthe, auch Elsa,  wenig jugendlich. Da hat mir die damals mädchenhafter  wirkende Angelina Ruzzafante in der Marco-Polo-Aufnahme  besser gefallen. Nicht in jeder Hinsicht ist also diese Aufnahme eine Verbesserung, aber – da braucht sich cpo keine Sorgen zu machen – der Weber- und Romantik-Fan wird sich diese Neueinspielung wegen ihrer vielen Vorzüge unbedingt anschaffen (cpo 777727-2). M. K./G. H.