Rossini Opera Festival Pesaro 2021

 

Zwei im Vorjahrsprogramm geplante monumentale Werke des Schwans von Pesaro fielen leider der Pandemie zum Opfer. Zur Freude aller Rossini-Liebhaber konnten sie in diesem Sommer nachgeholt werden. Mit Moïse et Pharaon wurde das Festival am 9. 8. 2021 in der Basketball-Arena Vitrifrigo eröffnet. Das Werk fußt auf dem für Mailand geschriebenen Mosè in Egitto und wurde 1827 in Paris uraufgeführt. Beim ROF gab es zuletzt 1997 eine Produktion mit Michele Pertusi und Eldar Aliev in den Titelpartien. Wladimir  Jurowski leitete das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna. In diesem Jahr stand der junge Giacomo Sagripanti am Pult des Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai, der die musikalische Spannung bis zum Schluss hielt und eine reiche Klangwelt evozierte. Schon in der Ouverture, deren nervöses motivisches Geflecht er fesselnd ausbreitete und die unvermittelten harten forte-Schläge nicht weniger packend einsetzte, sorgte er für Aufmerksamkeit. Schwungvolle Verve atmeten die in einer für Paris geschriebenen Oper unverzichtbaren Ballett-Einlagen im 3. Akt, hier als drei Air de Danse tituliert. Gheorghe Iancus Choreografie begann mit bescheidenem Vokabular und neckischen Spielchen, steigerte sich aber dann beim Auftritt des Solopaares Maria Celeste Losa/ Gioacchino Starace zu wirkungsvollem, erotisch aufgeladenem Tanz. Machten schon das Final des 1. Aktes, „Qu’entends-je“, und das grandiose Ensemble „Je réclame la foi promise“ am Ende des 3. Aktes enormen Effekt, gipfelte die Aufführung musikalisch in der ergreifenden Prière, in der die ewigen Götter angerufen werden. Roberto Tagliavini als Moïse führte diesen machtvollen Gesang an, stand als erhabenes Bild mit ausgebreiteten Armen im Zentrum der Juden und steigerte sich von innigen zu pathetischen Tönen. Sein Bass von balsamischer Textur (wunderbar das kantable Melos im Quintetto „Ô toi dont la clémence“) und seine hohe Autorität in der Ausstrahlung machten ihn zu einer Idealbesetzung. Erwin Schrott als sein Gegenspieler Pharaon in schwarz/blauer Gewandung war eine attraktive Erscheinung, doch stellte der Sänger seinen aufgerauten, voluminösen Bassbariton zu eitel zur Schau mit dem Ergebnis eines grobschlächtig dröhnenden Klanges.

Hervorragend besetzt waren die weiblichen Partien des Werkes – angeführt von Vasilisa Berzhanskaya als ägyptische Königin Sinaïde von hoheitsvoller Erscheinung im fließenden violetten Gewand. Die Russin sorgte mit sinnlich strömender Stimme und dramatischem  Aplomb für eine vokale Sensation. Schon in ihrem ersten Solo, dem Air am Ende des 2. Aktes „Ah! d’une tendre mère“, überwältigte sie mit ihrem Mezzosopran von majestätischer Dimension. Phänomenal herausgeschleuderte Spitzentöne kontrastierten mit zärtlichen, ganz zurückgenommenen Passagen. Und sie dominierte auch das Final des 3. Aktes, das Eleonora Buratto als Anaï, Tochter von Moïses Schwester Marie (Monica Bacelli mit reifem Mezzo) anstimmte. Die italienische Sopranistin überzeugte mit ihrer voluminösen, leuchtenden Stimme und dem souveränen Vortrag, konnte freilich grelle Spitzentöne nicht immer vermeiden. Das Duo mit Marie „Dieu, dans ce jour prospère“ am Ende des 1. Aktes erfüllte sie mit lyrischer Noblesse und bezwingend gestaltete sie den Konflikt zwischen Liebe und Vaterland im Air „Quelle horrible destinée!“  des letzten Aktes.

Die anspruchsvollen Tenorpartien waren weniger spektakulär besetzt, wobei Andrew Owens als Sinaïdes Sohn Aménophis mit seiner potenten, metallischen Stimme von enormer Durchschlagskraft in der Höhe zunächst überzeugte. Im Duo mit Pharaon „Moment fatal!“ musste er allerdings vor den hohen Noten kapitulieren und im Duo mit Anaï „Jour funeste“ Zuflucht ins Falsett nehmen. Unauffällig blieb Alexey Tatarintsev als Moïses Bruder Èliézer, solide Matteo Roma als ägyptischer Offizier Aufide. Aus dem Off eingespielt wurde die machtvolle Stimme von Nicolò Donini als Voix mystérieuse. Der Coro del Teatro Ventidio Basso in der Einstudierung von Giovanni Farina überzeugte in den zahlreichen Choeurs und vor allem der Prière sowie der abschließenden Cantique mit Stimmgewalt und Klangschönheit.

Rossinis „Moise et Pharaon“ in Pesaro 20/ Foto ROF

Der italienische Altmeister der Regie und Ausstattung, Pier Luigi Pizzi, hatte die Neuproduktion übernommen und bot mit seinen 91 (!) Jahren eine stimmungsvolle, ästhetische Aufführung von minimalistischer Reduktion in stilvoller Eleganz. Der Orchestergraben war von einem Steg umrandet, was Pizzi für effektvolle Auftritte der Solisten nutzte. Der schmucklose Raum mit schmalen Öffnungen wurde zuweilen von Projektionen – Pyramiden, Blitze, Wolken, Mondfinsternis, Meereswellen – bebildert und mit diesen Mitteln auch der Zug der Hebräer durch das Rote Meer gezeigt. Die ihnen folgenden Ägypter werden dagegen von einer Tod bringenden Flut erfasst. Am Ende hebt Moïse ein Kind in die Höhe als Symbol des Überlebens. Anhaltender Jubel in der Halle dankte für diese denkwürdige Aufführung.

 

Gleichfalls in der Arena kam am 11. 8. 2021 Elisabetta, regina d’Inghilterra zur Premiere. Der in  Pesaro bereits erfolgreiche Regisseur Davide Livermore enttäuschte diesmal mit einer konfusen, überladenen Inszenierung, was vor allem auf das Konto des mitwirkenden Teams D-wok ging. Dessen auf Gazeschleier  projiziertes Videodesign überlagerte die Optik pausenlos und in penetranter Weise. Stadtansichten Londons, Flugzeuge, dramatische Naturbilder wie schäumende Gischt, Wirbelstürme, Lavaströme, hoch schlagende Flammen, herab fallender Ruß, aber auch Bilder von heiterer Anmutung wie Blumen, Grashügel und blauer Himmel mit weißen Wölkchen überfluteten den Zuschauer in vereinnahmender Manier, lenkten vom eigentlichen Geschehen ab und brachten die Sänger mehrfach um ihre Wirkung. Auch Giò Formas surreale Bühne trug dazu bei. stiftete sie mit ihrer Überfülle von Spiegeln, getäfelten Räumen, gekippten Möbeln, Lasern und sich ständig verändernden Wänden doch eher Verwirrung. Gianluca Falaschis prunkvolle Kostüme führten in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, denn der Regisseur hatte die Handlung in die Zeit von Elizabeth II. verlegt. Karine Deshayes (Foto oben/ROF) erschien dann auch wie ein Ebenbild der amtierenden Queen in wechselnden Roben, kostbarem Diadem und funkelnden Halsketten. An ihrem Hof wuselt das putzende Personal in seltsam choreografiertem Zuschnitt. Es wird viel telefoniert, natürlich von einem nostalgischen Modell mit Gabel und Hörer. Die französische Mezzosopranistin von starker Persönlichkeit ließ in ihrer Auftrittskavatine, „Quant’è grato“ eine angenehme Mittellage, doch schrille Höhe vernehmen. In der Cabaletta, die später für Rosinas „Una voce“ im Barbiere diente, bewies sie ihre Eignung für das virtuose Repertoire. Als Titelheldin gehörte ihr auch der Schluss, das kantable „Fellon, la pena avrai“, das sie ganz zart und berührend anstimmte, in der Cabaletta „Bell’alme generose“ dann aber wieder scharfstimmig wurde. Mit dem intriganten Lord Norfolc, den Barry Banks in der Maske Winston Churchills mit reifem Charaktertenor gab, hat sie das Duett „Perchè mai“ zu singen, in welchem der englische Tenor – wie auch in seiner Scena „Deh! troncate i ceppi suoi“ – stilistische Kompetenz demonstrierte, aber hässliche acuti und gemeckerte Koloraturen hören ließ. Auch in dieser Oper Rossinis gibt es eine zweite Tenorpartie mit dem General Leicester, den Elisabetta heimlich liebt. Sergey Romanovsky verkörperte ihn mit baritonal grundierter, heldischer Stimme von virilem Aplomb, allerdings unschönen Extremtönen. Auch verliert der russische Tenor die stimmliche Flexibilität für die schnellen Passagen. Großen Beifall bekam er für seine Aria im Gefängnis „Fallace fu il contento“, bei der ihm auch die Spitzennoten besser gelangen. Leicesters heimliche Gemahlin ist Matilde, Tochter der Maria Stuart. Der georgischen Sopranistin Salome Jicia fehlte es an vokaler Individualität und an Wohllaut in der exponierten Höhe, doch mischte sich ihre Stimme harmonisch mit der von Romanovsky in beider Duett „Incauta! Che festi!“. Die Partie des Enrico, Matildes Bruder, ist en travestie für einen Sopran komponiert. Die Italienerin Marta Plada stützte in den beiden Finali zuverlässig. In schmucker roter Uniform komplettierte der Tenor Valentino Buzza die Besetzung als Hauptmann der königlichen Wachen Guglielmo, der Norfolcs Falschheit durchschaut.

Evelino Pidò breitete mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai die Sinfonia – entstanden für Aureliano in Palmira 1813 und nach der Elisabetta für den Barbiere 1816 wieder verwendet – mit Delikatesse und feinen Abstufungen aus, aber dem Abend fehlte der dramatische Puls, so dass den Dirigenten schon nach der Pause nur tröpfelnder Applaus empfing und sich auch am Ende die Begeisterung in Grenzen hielt. Bernd Hoppe

 

Das Rossini Opera Festival 2022 findet vom 9. bis 21. August statt und bringt drei Neuproduktionen: Le Comte Ory, Otello und La gazzetta.