Operettenfunde beim Palazzetto

 

In Paris geht das alljährliche Festival der „Musique romantique française“ 2021 in die Finalrunde, veranstaltet vom Palazzetto Bru Zane mit zahlreichen Konzerten. Ein Kernstück ist dabei die Aufführungsserie im Châtelet der wiederausgegrabenen opéra bouffe in drei Akten V’lan dans l’œil. von Hervé (eigentlich Louis Auguste Florimond Ronger, * 30. Juni 1825 in Houdain bei Arras; † 4. November 1892 in Paris)  Sie ist Teil eines umfangreichen Hervé-Revivals und eines noch umfangreicheren Operettenprogramms beim Bru Zane, über das Kevin Clarke vor Ort mit dem Prinzipal und Musikwissenschatler Alexandre Dratwicki sprechen konnte sowie mit Sébastien Troester, zuständig für die Rekonstruktionen von Partituren.

Die bonbonbunte Produktion von V’lan dans l’œil stammt von Regisseur und Ausstatter Pierre-André Weitz, sie wurde ursprünglich für Bordeaux konzipiert und von dort auch während des Corona-Lockdowns (ohne anwesendes Publikum) gestreamt. Wegen der Pandemie folgten keine weiteren Aufführungen, das Gastspielt in Paris wurde jetzt nur möglich, weil eine US-Produktion nicht nach Europa kommen konnte und sich damit im Châtelet ein Zeitfenster öffnete.

Hervés „V´lan dans l´oeuil“ in Paris 20121/ Olivier Py als Marquise/ Foto Eric Bouloumié

Das Werk ist eine Totalverulkung von diversen Erfolgsstücken der Romantik – angefangen beim Freischütz über Rossinis Guillaume Tell, Verdis Troubadour bis hin zu gejodeltem Meyerbeer – und kam ursprünglich 1867 heraus, als zweiter Versuch Hervés, eine abendfüllende opéra bouffe im Stil seines Konkurrenten Jacques Offenbach zu schreiben. Vorausgegangen war die Mittelalterfarce Les Chevaliers de la table ronde, die Palazzetto Bru Zane ebenfalls ausgegraben hat und die 2016 als Stream zu erleben war, neben über 50 Live-Aufführungen. Dazu kommt als dritte Hervé-Aktion Mam’zelle Nitouche, die Anfang 2019 u.a. in Lausanne am Opernhaus gespielt wurde.

Von keiner dieser drei Produktionen gab es eine CD-Ausgabe, was einigermaßen erstaunlich ist. Alexandre Dratwicki erklärt das damit, dass es extrem schwierig sei, Darsteller zu finden, die den Slapstick bewältigen können, den opéra bouffe in der Urform der 1860er- und 70er-Jahre verlangt, und die gleichzeitig rein akustisch auf einer CD gut rüberkommen. Besonders bei Hervé brauche man Darsteller, die eher vom Schauspiel kommen und die langen Dialogszenen bewältigen können. Viele, die dafür in Frage kämen, würden laut Dratwicki auf Tonträger nicht „wirken“.

Ob das wirklich so ist, sei einmal dahin gestellt. Schließlich hat Frankreich in der Vergangenheit etliche großartige singende Komiker gekannt, z.B. Bouvril oder Maurice Chevalier. Und Dratwickis Behauptung, in diesen musikalischen Farcen gehe es inhaltlich um „nichts“, was sich als Handlung nachzuerzählen lohnen würde, könnte man auch vehement widersprechen.

Hervés „V´lan dans l´oueil“/ Szene/ Foto Eric Bouloumié

Der künstlerische Direktor von Bru Zane sagt, er wolle grundsätzlich „Operette so schick wie möglich präsentieren“ und dafür sorgen, dass ein modernes Publikum diese Werke „so ernst nimmt wie eine Oper von Massenet“. Entsprechend opernhaft sind die Besetzungen, die allerdings in den seltensten Fällen funktionieren, weder im Theater noch auf CD. Was besonders bedauerlich ist, weil die attraktiv verpackten CD-Ausgaben in Buchform wirklich „schick“ sind und die dort zu hörenden Werke auf jeden Fall eine neue Chance verdienen. Aber die Stücke „ernst“ nehmen, heißt eben nicht, sie mit Opernstars zu besetzen… das hat in der Vergangenheit Michel Plasson bereits getan, mit rundum besseren Sängerteams. Wenn man diesen vielgeliebten und nach wie vor zirkulierenden Aufnahmen heute etwas anderes entgegensetzen möchte und neue Wege aufzeigen will, zurück zu einem „Original“, dann wäre ein grundsätzlich anderer Casting-Ansatz nötig. Sonst kann man eigentlich nicht bestehen oder neu faszinieren.

Während also Hervé nicht auf CD und DVD erscheinen wird, sieht die Sache bei diversen weiteren Operettenausgrabungen anders aus. Zum Abschluss des Juni-Festivals kommt Lecoqcs La fille de Madame Angot konzertant ins Théâtre des Champs-Elysées, eine Aufnahme mit Véronique Gens in der Titelrolle ist bereits im Kasten und erscheint demnächst. (Wer einen großen Überblick zu historischen Fille de Madame Angot-Aufnahmen sucht, die Truesound Transfers jüngst herausgegeben hat, findet einen englischsprachigen Artikel von Kurt Gänzl auf der Webseite des Operetta Research Center.)

Um bei Lecocq zu bleiben: Dessen opéra comique Ali-Baba von 1887 ist bei Palazzetto Bru Zane ebenfalls in Planung, eine orientalische Märchengeschichte, die zuletzt auf der Bühne der Opéra-Comique mit einer Hauptfigur gezeigt wurde, die als Putzkraft mit Migrationshintergrund im Hier und Jetzt arbeiten muss; besonders positiv wurde das von Publikum und Presse nicht aufgenommen.

Der Komponist Hervé als Teilnehmer in seiner eigenen Operette „Les Chévaliers de la Table ronde// Karikatur/ Palazzetto Bru Zane

Außerdem gibt‘s etliche spektakuläre Offenbach-Projekte. Im Dezember 2021 soll eine Fassung von La vie parisienne vorgestellt werden, für die „40 Prozent neue Musik“ entdeckt wurde von Sébastien Troester. Diese Musik habe Offenbach angeblich für die Uraufführung am Théâtre du Palais-Royal 1864 geschrieben – inklusive eines aufwändigen Finales, wo à la Don Giovanni vier verschiedene Orchester auf der Bühne gleichzeitig spielen. Aber Offenbachs Ideen stellten sich für das Schauspielensemble als zu kompliziert heraus, so dass er etliches umschrieb. Später wanderte das nicht verwendete Material ins Archiv des Théâtre des Variétés, wo Troester es entdeckte. Dass Jean-Christophe Keck es nicht entdeckt hat, quittieren Troester und Dratwicki mit einem süffisanten Lächeln. Sie verweisen in dem Kontext darauf, dass die Partituren vom Palazzetto Bru Zane für eine „einfache“ Leihgebühr erhältlich seien, während bei der Offenbach Edition Keck noch Tantiemen für die geistige Arbeit/Leistung des Forschers anfallen, was die OEK für Theater sehr teuer mache. Kurz: Hier entsteht eine interessante Konkurrenzsituation, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf.

Der belgische Sopran Jodie Devos wird die Star-Rolle der Handschuhmacherin Gabrielle übernehmen, nachdem sie bereits das eindrucksvolle Album Offenbach Colorature vorgelegt hat. Nach einer Aufführungsserie quer durch Frankreich wird dieses Pariser Leben ebenfalls im Théâtre des Champs-Elysées gezeigt für 16 Aufführzungen, anschließend ist Anfang 2023 eine Aufnahme geplant, möglicherweise sogar eine DVD der Inszenierung von Christian Lacroix. Der Modemacher gibt damit übrigens sein Debüt als Regisseur.

Gleichfalls aufgenommen werden soll Offenbach Science-Fiction-Spektakel Le voyage dans la Lune (1875). In Montpellier war das Werk kurz vorm ersten Corona-Lockdown 2020 in einer strichlosen Fassung zu hören, die demnächst auf CD erscheinen soll. Bühnenaufführungen der Reise auf den Mond würden folgen, sobald die Pandemie das zulasse, so Dratwicki.

Der Musikwissenschaftlerund Prinzipal des Palazetto, Alexandre Dratwicki (Palazzetto Bru Zane)

Weil das Publikum in Covid-19-Zeiten ein Bedürfnis nach Heiterkeit und sprudelndem Spaß habe, würden die Hervé- und Offenbach-Ausgrabungen perfekt den derzeitigen Zeitgeist treffen, meint Dratwicki. Und: Weil es momentan ebenfalls Nachfrage gäbe, kleinformatige kurze Stücke zu spielen, werden auch diverse Offenbach-Einakter vom Palazzetto Bru Zane ins Rennen geschickt, angefangen mit Le 66. Ob’s davon einmal Aufnahmen geben werde, ließ Dratwicki offen.

Auch die Frage, ob es in Zukunft eine Produktion von Hervés international gefeierter Mittelalter-Operette Chilpéric (1868) geben werde, mit der der Komponist in London als Darsteller Triumphe feierte, sei noch nicht geklärt. Wenn’s Bru Zane mit dem Hervé-Revival Ernst ist, sollten sie dafür sorgen, dass die von ihnen initiierten Produktionen doch noch irgendwie auf Tonträger erscheinen. Denn cpo, als deutsches Label für Operettenausgrabungen, hat bislang kaum Anstalten gemacht, über Offenbach hinaus etwas von diesem Repertoire zu veröffentlichen. Und auch cpo erliegt bei seinen Veröffentlichungen dem Wahn, Operette „ernst“ nehmen zu müssen, durch Opernbesetzungen, die den Stil dieser Werke verfehlen.

Sébastien Troester, verantwortlich für die editorische Seite der Operetten-Ausgrabungen/ Foto Fabio Falzoine/Palazzetto)

Zur Erinnerung: Kurt Gänzl hatte beim Operetta Research Center diese Urform der Operette mit Monty Python verglichen und als „madcap“ und „zany“ beschrieben. V’lan dans l’œil – und all die anderen Stücke des „compositeur toqué“ – ist ebenfalls ein Mittelding zwischen Once Upon This Mattress und Spamelot, die Freischütz-Parodie im Freischütz-Jubiläumsjahr ist dabei besonders willkommen, selbst wenn Regisseur Pierre-André Weitz dazu nicht viel eingefallen ist, außer eine imposante Wolfsschlucht als gemaltes Bild auf die Bühne zu hieven. Ansonsten gab’s Olivier Py in Drag als Marquise de Haut-en-Truffes, mit einem eingefügten „Rondeau de la femme accomplice“ aus Hervés La Cosaque. Ebenfalls aus einem Fremdwerk eingefügt wurde als Einleitung zum 3. Akt die Ballettnummer „Espagnole et Séguedille“, und das obwohl das Gesamtwerk auf 100 Minuten zusammengestrichen werden musste (wegen Corona). Man könnte fragen, wie „Original“ diese Rekonstruktion eigentlich ist, auch weil der Originaltitel L’Oeil crevé lautet. Auf Vlan! dans l’oeil kam erst die Opéra-Comique 1999 für ihr Revival. Aber Dratwicki vertraut darauf, dass das keinem der angereisten Journalisten groß auffällt, und Troester kann auch nicht viel mehr tun als diplomatisch zu schweigen. Kevin Clarke (Kevin Clarke vom Operetta Research Center Amsterdam war auf Einladung von Palazzetto Bru Zane in Paris zur Hervé-Aufführung/ Foto oben Eric Bouloumié)

 

  1. Hans-Dieter Roser

    Die Theater sind offensichtlich unbelehrbar, weil sie immer noch dem Tauberismus verfallen und denken, man könne Operette mit Opernsängern „adeln“. Nix dergleichen, es geht fast immer schief und verfälscht das gesamte Genre! Ob wir noch ein Umdenken erleben? Die singenden Schauspieler dafür gäbe es!

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