Paderewskis Oper „Manru“, 2

 

Sie war die erste und blieb die einzige polnische Oper, die je an der MET aufgeführt wurde, und das auch nur in englischer Sprache. Seine Uraufführung aber erlebte Manru, das einzige Bühnenwerk des polnischen Klaviervirtuosen, Komponisten, Freiheitskämpfers und Ministerpräsidenten Ignacy (Ignaz) Jan Paderewski in deutscher Sprache (Libretto Alfred Nossig) in Dresden 1901, wenige Tage später in polnischer Sprache in Lemberg (heute Ukraine), es folgten Krakau, Prag, Nizza, Bonn und andere Städte. An der MET sang niemand Geringeres als Marcella Sembrich die Ulana, aber ein dauernder Erfolg war dem Werk weder in Europa noch in Amerika beschieden, was auch politische Gründe haben mag. Erst 1961 gab es wieder Aufführungen in Polen, 1961 in Posen, 1990 in Breslau, wo das Werk 2001 noch einmal konzertant aufgeführt wurde, 2006 in Bromberg- und von der Qualität beider Produktionen kann man sich durch Mitschnitte auf CDs (Dux) überzeugen (eine auafürhliche Besprechung der Oper findet sich bei operalounge.de).

2018 nahm sich das Teatr Wielki in Warschau des Werks an, wovon es eine DVD gibt, und an höre und staune, für 2022 ist  in Halle eine Inszenierung der Urfassung in Deutsch mit Thomas Mohr und Romelia Lichtenstein in der Regie von Katharina Kastening geplant. Mehr noch als für eine polnische dürfte das für eine deutsche Bühne eine recht heikle Angelegenheit sein, denn es geht um Rassismus gegenüber den Menschen, für die bis für kurzem das inzwischen von der öffentlichen Meinung verdammte Z-Wort zuständig war. Diese Volksgruppe wird in der Oper zwar auch wie üblich verklärt als wild romantisch und ungebunden, andererseits aber auch verteufelt als unzuverlässig und keinerlei Vertrauens würdig.

Es geht um die Bauerntochter Ulana, die von ihrer Mutter verstoßen wurde, weil sie den Zigeuner Manru heiratete, zu Beginn der Oper bereits ein Kind hat und vergeblich um Hilfe bittet, da die kleine Familie in bitterer Armut lebt. Manru bereut es inzwischen, dass er seine Sippe verlassen hat, er und Ulana leben außerhalb jeder Gemeinschaft. Ulana bittet den sie liebenden Orak um ein Kraut, das ihr die Liebe Manrus sichern soll, sie bekommt es auch, was zu einem kurzen Liebesrausch zwischen den beiden Eheleuten führt, ehe Manru doch zu den Z-Leuten zurückkehrt und der schönen Aza Liebe und Treue schwört. Im Original tötet sich die verlassene Ulana, und Orak ermordet aus Kummer darüber Manru. In der Warschauer  Aufführung ist er nicht wie im Originallibretto ein Zwerg, sondern ein Mensch und bewahrt Ulana, die bereits ihren Hals in der Schlinge hat, vor dem Selbstmord, indem er ihr ihr Kind zuführt. Manru zieht mit den Z-Leuten davon. Eine nachzuvollziehende Veränderung, denn nun erscheint die Schuld Manrus als eine geringere, und der Verzicht auf eine Märchenfigur stellt die Oper auf eine Ebene mit den Verismo-Dramen der Italiener.

Die Inszenierung von Marek Weiss tut ein übriges, die Zs zu entlasten, indem der Zuschauer durchaus annehmen kann, es handle sich um eine Rockerbande, denn wenn sich der Vorhang zum letzten Akt hebt, sieht man zu einer Pyramide aufgetürmt unzählige Motorräder und ihre Besitzer einschließlich Motorradbräuten, diese allerdings teilweise in Z-Tracht. Kaspar Glarner ist der Bühnenbildner, der für den zweiten Akt eine naturalistisch gestaltete Elendsbehausung und für den ersten Akt einen in kitschigen in Pastellfarben gehaltenen Festsaal bei Ulanas Mutter entworfen hat. Izadora Weiss ist für die kurze Balletteinlage mit Volkstümlichem im letzten Akt verantwortlich. Die gesamte Optik atmet Begeisterung und Liebe für da Werk und dürfte dessen vielleicht doch noch wenn auch späte Wiederentdeckung begünstigen.

Optisch wie vokal rollendeckend sind die einzelnen Partien besetzt, angefangen mit der Titelfigur, der Peter Berger, oft in Prag an der Staatsoper zu erleben, die jugendliche, leicht exotische Ausstrahlung verleiht, dazu einen etwas scharf klingenden, frischen Tenor, der unermüdlich die sehr lange und anspruchsvolle Partie meistert bis hin zu seinem einzigen arienhaften Teil, dem Bekenntnis zum Z-Blut. Ansonsten ist die Oper durchkomponiert im nachwagnerischen Stil mit Anklängen an Dvorak und Smetana. Mit klarem, zartem Sopran besonders anrührend im Wiegenlied ist Ewa Tracz eine angemessene Ulana, deren Mutter Jadwica beim reifen Mezzosopran von Anna Lubanska bestens aufgehoben ist. Eher wie ein Sopran als ein Mezzosopran klingt Monika Ledzion-Porczynska, eine Aza in Hotpants und Lederjacke und einer eher slawisch wirkenden als ihrer Herkunft angemessenen Arie. Den zwielichtigen Urok spielt Mikolaj Zalisinski sehr eindrucksvoll, wirkt allerdings für die Partie recht alt und vertritt wie Dariusz Machej als Oros die tieferen Stimmen aufs angenehmste. Viel Würde strahlt der Jagu von Lukasz Golinski aus, Frische und Strahlkraft hingegen  vermittelt der Cygan (!) von Maciej Ufniak. Besonders bejubelt wurde vom Publikum der Geiger von Stanislaw Tomanek, dessen verführerische Töne Manru zurück zu den Seinen locken. Grzegorz Nowak geleitet in silbrig Glänzendem das schwarzbefrackte Orchester sicher durch den bemerkenswerten Abend (NIFCDVD 009/ Note 1/26. 11.21). Ingrid Wanja

 

P. S.: Ein Wort noch zum sogenannten Z-Wort: Wir von der Redaktion verwenden das Wort Zigeuner nach wie vor, wenn es sich um die historische Volksgruppe handelt (die in Opern nie aus Rumänien oder Bulgarien, sondern aus Polen oder Böhmen kommen), daher die Überschrift dieser Rezension. Die stammt von der Redaktion, nicht von der Rezensentin. Wir finden es unhistorisch unbd geschichtsfälschend, nun ständig neue Namen für alte Bezeichnungen zu verwenden, wehren uns gegen Umbenennungen von alten Straßennamen ebenso wie gegen Verfälschungen historischer Namen oder Tatbestände (Othello war ein Maure und kein Schwarzer). Aufklärung ist wichtig, nicht Auslöschung von Geschichte. Es ist intelligenter, mit der Historie aufgeklärt zu leben als sie zu verdrängen oder auszulöschen. Das befördert Unbildung und Dummheit. Also handelt es sich bei Manru ebenso um Zigeuner wie bei Strauss oder Balfe. Es ist jedoch doch bezeichnend, dass die Briten und Amerikaner für die Zigeuner bis heute unbeschadet Gipsy oder sogar Bohemiens sagen (The Bohemien Girl), letztere sind Böhmen in der direkten Übersetzung. Haben die Böhmen bis heute protestiert? G. H.

  1. Ingrid Wanja

    Liebe Redaktion, habt Ihr Euren Humor verloren, so dass Ihr nicht mehr erkennen könnt, was Ernst und was Ironie ist? Die von mir verwendete Form des umstrittenen Wortes sollte zeigen, wie unsinnig das krampfhafte Suchen nach Ersatzformulierungen für den umstrittenen Begriff ist. Also richtet sich Euer flammender Appell an die falsche Adresse oder rennt zumindest bei mir offene Türen ein. Ingrid Wanja

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