Von Saphiren und harmonischen Echos

 

Die drolligen Piraten, satirisch überzeichneten Chinesen, Marinesoldaten, Leibgardisten und Richter, für die Arthur Sullivan bekannt ist, sind vergessen, wenn man die traurigen Lieder über Krankheiten, sterbende Säuglinge und frühen Tod hört. Weggewischt der oftmals gallig schwarze Humor, mit dem Sullivan Mitstände anprangerte und Autoritäten karikierte und in Zusammenarbeit mit W.S. Gilbert die nach dem gleichnamigen Theater benannte Savoy-Operas begründete, deren spezifisch britische Machart sich so schwer exportieren lässt.

Ein anderes Bild von Sullivan, der in seiner Zeit vor allem für seine Oratorien, darunter das von Queen Victoria geschätzte The Golden Legend, bewundert wurde, zeichnen die Lieder. Beispielsweise das 1877 am Sterbebett seines Bruders entworfene The Lost Chord, das erfolgreichste englische Lied des neunzehnten Jahrhunderts. Auf der großzügig auf zwei CDs verteilten Sammlung mit 23 Liedern The Harmonious Echo (2 CDs CHAN 20239), mit der Chandos an seine schlicht Songs betitelte erste Ausgabe mit Liedern Sir Arthur Sullivans mit dem Pianisten David Owen Norris anknüpft, singt die die Mezzosopranistin Kitty Whately dieses Lied mit der gebührenden Schlichtheit und dem Bewusstsein für die Metaphorik des Textes, darunter die zweite Strophe, die der Sammlung auch den Titel gab, „It seem’d the harmonious echo/ From our discordant life“.

Die Verse stammen von Adelaide A. Procter, von der Sullivan fünf Gedichte vertonte. Die ungemein populäre Charles Dickens-Freundin Procter verfasste gefühlvolle Verse, mit denen sie auf soziale Missstände hinwies, die ihr „aufgrund ihres humanitären Einsatzes in den Slums des neunzehnten Jahrhunderts“ vertraut waren und die von den Ladies der viktorianischen Epoche ebenso verschlungen wie von der Queen, die der Epoche ihren Namen gab. Von Procter stammen auch „Will he come“ und „Thou art weary“, beide ebenfalls von Whately gesungen, die das aus der ersten Aufnahme bekannte Trio mit Mary Bevan, Ben Johnson und Ashley Riches zum Quartett erweitert und vor allem in dem mit schlichtem Gefühl vorgetragenen „Thou art weary“ zeigt, zu welcher Tiefe des Ausdrucks Sullivan fähig ist.

Weitere Texte stammen u.a. vom Poet Laureate Lord Tennyson, Longfellow und Kipling – von letzterem stammt der Music-Hall-Erfolg als Rausschmeißer zum Abschluss der zweiten CD „The Absent-Minded Beggar“, über den Sullivan dem Dichter berichtete „Ihre herrlichen Worte vermitteln einen Enthusiasmus, den selbst meine Musik nicht mindern kann“.

Die erste CD beginnt mit „King Henry’s Song“ aus der Zwischenaktmusik für eine Produktion von Shakespeares in Zusammenarbeit mit Fletcher geschriebenen Henry VIII. Die aufgeplusterte Geselligkeit des Henry, die Ashleys Richs mit bassbaritonaler Bonhomie zum Besten gibt, könnte ebenso gut aus einer von Sullivans Operettas stammen. Diese Heiterkeit findet man auch in „The Lady of the Lake“ aus der frühen Masque Kenilworth und dem grotesk verzierten „Over the roof“ aus der nie aufgeführten Opera The Sapphire Necklace, beide von Mary Bevan mit spitzzüngiger Soubrettenhurtigkeit gesungen. Aber auch Texte von Gilbert sind dabei: „The Maid of Arcadee“ aus der ersten gemeinsamen Operetta Thespis. Die Lieder „The Distant Shore“ von 1874 und „The love that loves me not“ von 1875, dem Jahr, in dem Sullivan mit Trial by Jury seine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Gilbert startete, sind die einzigen von nur drei Sullivan-Vertonungen von Gilberts Versen, die keinen Bezug zur Bühne haben.

Zahlreiche der Lieder komponierte Sullivan für bestimmte Interpretinnen, darunter „Let me dream again“ für Christine Nilsson, hier von Kitty Whately gesungen, „Looking Back“ für die Mezzosopranistin Zelia Trebelli („Composed expressly for and dedicated to Madame Trebelli“), hier merkwürdigerweise dem Bassbariton Ashley Riches zugeteilt; „Looking Back“ war dermaßen erfolgreich, dass Sullivan drei Jahre später als Fortsetzung „Looking Forward“ nachschob, das mit mehr als sechs Minuten umfangreichste Lied dieser Sammlung, dessen Ohrwurmqualitäten Riches recht elegant unterstützt. Die Widmungen bzw. Hinweise „eigens komponiert für Mr. Sims Reeves“ („The snow lies white“ mit dem Tenor Ben Johnson) verdeutlichen, dass viele Lieder Auftragsarbeiten waren und im Hinblick auf Drucklegungen und populäre Verbreitung entstanden. Sie waren für ausgewählte Interpreten und den privaten Salon und Hausgebrauch bestimmt: charmante, melodisch bestrickende und erfindungsreiche, technisch durchaus nicht immer anspruchslose und mit kleinen Schlenkern verzierte Strophenlider, etwa die von Ben Johnson mit schmachtend tenoraler Treuherzigkeit und zarter Süße gesungenen „I heard the nightingale“ und „The Maiden’s Story“ oder „O fair dove! O fond dove“ (mit Whately) als Zeugnis von Sullivans unerfüllter Liebe zu Rachel Scott Russell. Gelegentlich übernimmt dabei das Klavier, wie David Owen Norris gerne unterstreicht, den aufwendigeren Part. Die vier Solisten singen mit Geschmack und Freude, dezidierter Textdeutlichkeit und praller Gestaltungskraft (etwa Riches in „The Absent-Minded Beggar“), aber oft auch mit einer Langmut, die nicht alle Sentimentalitäten und Süßlichkeit kaschieren kann.    Rolf Fath.

 

Und dann auf die britische Bühne: Gilbert und Sullivan sind in England das, was Johann Strauss Sohn in Österreich und Jacques Offenbach in Frankreich darstellen. Im deutschsprachigen Raum tun sich die Bühnenwerke des berühmten Duos, die irgendwo zwischen komischen Opern und Operetten stehen, eher schwer, was mit den Eigenheiten des britischen Humors zusammenhängen mag.Arthur Sullivan (1842-1900), der 1883 von Queen Victoria zum Ritter geschlagene Komponist, hat allerdings weit mehr komponiert, was selbst in seiner Heimat zuweilen in Vergessenheit gerät. Naxos legt nun eine eigene, schon bejahrte Marco-Polo-Produktion aus dem Jahre 1992 neu auf (Naxos 8.555181).

Wie könnte es anders sein, als dass sich der Tondichter nicht auch der Werke des englischen Nationalbarden William Shakespeare hätte annehmen sollen. Mit der Bühnenmusik zu The Merchant of Venice (1871) und Henry VIII (1877) schuf Sullivan zwei seiner attraktivsten Kompositionen abseits der Opern. Erstere wurde für eine Produktion des Prince’s Theatre in Manchester geschrieben und konzentriert sich auf eine einzige Szene, ein aufwendiges Maskenspiel. Letztere entstand für das Theatre Royal in Manchester, bezieht sich auf den fünften Akt des Historiendramas und wurde in Bearbeitungen gerade bei Blas- und Militärkapellen populär.

Bei der hier ebenfalls inkludierten Ouvertüre zu The Sapphire Necklace (1864) handelt es sich um das Vorspiel zu einer gleichnamigen Oper, deren Libretto der Musikkritiker Henry Chorley beisteuerte. Sie gelangte gleichwohl nie zur Aufführung (was nicht zuletzt an der Qualität des Textes gelegen haben soll). Einzig zwei Vokalnummern sowie ein Arrangement der Ouvertüre für Militärkapelle von Charles Godfrey, Jr., wurden später publiziert. Zum Zwecke dieser Einspielung reorchestrierte Roderick Spencer das Blaskapellenarrangement neuerlich im Stile von Sullivans Originalkomposition. Das Ergebnis darf tatsächlich als durchaus authentisch klingend bezeichnet werden.

Die Disc wird beschlossen durch die Ouvertüre C-Dur „In Memoriam“ (1866), die kurz nach Sullivans Irish Symphony entstand und insofern als Hauptwerk seiner sinfonischen Frühphase zu bezeichnen ist. Sie ist seinem kurz davor verstorbenen Vater gewidmet, aber indes kein bloß tieftrauriges Stück, sondern auch ein treffliches musikalisches Abbild des viktorianischen Britannien.

 Andrew Penny und das irische RTÉ Concert Orchestra haben einen erwartbar idiomatischen Zugriff. Als Solist in den beiden Liedern der Shakespeare-Stücke agiert überzeugend der Tenor Emmanuel Lawler. Die sehr gute Klangqualität und das solide Booklet runden diese Neuauflage der vergriffenen Einspielung adäquat ab. Daniel Hauser