Süßes und Buntes, hochvirtuos


Wer das Titelbild der vorliegenden CD betrachtet, wird darauf die Silhouette eines kostümierten Sängers des 18. Jahrhunderts entdecken, die aus diversen kleinen Süßigkeiten – Bonbons, Fruchtgummis, Zuckerstangen, etc, – zusammengesetzt ist und den musikalischen Gehalt dieser Einspielung bildlich darstellt: eine Auswahl, bei der man kaum einem Stück den Vorzug geben will, man alles mal probiert, mal wenig, mal viele konsumiert, bevor es dann wieder eine Zeit lang genug ist, um dann doch wieder mit gleichen Appetit auf diese kleinen Leckereien zurückzukommen. Die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg präsentiert auf ihrer neuen, im April 2015 in Bergamo aufgenommenen CD Arien für Luigi Marchesi genau solchen Genuss: hochvirtuose Arien heute eher wenig beachteter Komponisten, geschrieben für Luigi Marchesi (1754-1829), der einer der bedeutendsten Kastraten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war. Josef Mysliveček brachte den jungen Marchesi erst in München (1777, Ezio) und dann Neapel (1778, La Calliroe und L’Olimpiade) groß heraus und schuf insgesamt fünf Hauptrollen für ihn. Marchesi machte eine europaweite Karriere, Komponisten wie Salieri, Cherubini und Martín y Soler arbeiteten mit ihm, seine letzte große Hauptrolle schuf Johann Simon Mayr für ihn, der Marchesi als Ariodante in seiner für die Eröffnung des Teatro Nuovo in Triest komponierten Ginevra di Scozia (1801) singen ließ. Marchesis Berühmtheit hatte auch eine zeitgeschichtliche Komponente: er verweigerte sich dem Eroberer Napoleon, nachdem der 1796 Mailand eingenommen hatte und sich wünschte, dass der berühmte Sänger für ihn singen solle. Marchesis Stolz brachte ihm Hausarrest und Anerkennung.

Ann Hallenberg hat nun zwölf Arien ausgewählt, vielfach Ersteinspielungen, die komplett mit den originalen oder durch präzise Notizen von Zeitgenossen und Schülern überlieferten Ornamenten und Kadenzen und Orchesterbesetzungen in den Archiven gefunden und restauriert wurden, und zwar von Josef Mysliveček aus L’Olimpiade (1778, Neapel),  von Francesco Bianchi Castore e Polluce (1779, Florenz), von Giuseppe Sarti L’Olimpiade (1783, Rom) und Armida e Rinaldo (1786, Sankt Petersburg),  von Domenico Cimarosa L’Olimpiade (1784, Vicenza), von Luigi Cherubini Alessandro nelle Indie (Mantua, 1784), von Gaetano Pugnani Demofoonte (Turin, 1787), von Niccolò Zingarelli  Pirro re di Epiro (1792, Mailand) und von Johann Simon Mayr Lauso e Lidia (1798, Venedig). Cherubinis Arie Quanto è fiero il mio tormento – ein Beispiel für „übertriebene Verzierungswut“, so das Beiheft – ist als Bonus-Track mit alternativen Verzierungen doppelt enthalten. Kaum jemand scheint sich bisher an diese immens schwer zu singenden Arien herangetraut zu haben, umso verblüffender und atemberaubender klingt es nun, wenn Ann Hallenberg sich durch halsbrecherische Koloraturen und Ornamente mit selbstverständlicher Lockerheit elegant und stimmschön manövriert, vielfältig die vokalen Linien verziert und feinfühlig Stimmungen transportiert. Wer Bravourarien dieser Epoche schätzt, hat hier eine Fundgrube beglückend gut gesungener und musizierter Raritäten. Doch Marchesi war nicht ausschließlich Stimmakrobat, in der Arie Misero pargoletto aus Pugnanis Demofoonte, die mit Marchesis originalen Verzierungen überliefert ist, zeigt sich, dass der Kastrat sich zurücknahm, wenn es die Dramatik der Szene erforderte.

Hallenbergs Auswahl der Arien Marchesis entspricht ihren stimmlichen Fähigkeiten als Mezzosopran ausgezeichnet, auch wenn die Grenzbereiche der Tonhöhen nicht die Strahl- und Durchschlagskraft haben mag, die man den Kastraten in Höhe und Tiefe nachsagte. Es ergibt sich ein spannender und überzeugender Höreindruck, der Marchesis Stil (das Beiheft nennt seine „Vorliebe für Synkopen“, zur „Chromatik und unerwarteten melodischen Wendungen“ und auch schon damals eine „gewisse übertriebene Verzierungsweise“) widerspiegelt. Das 24-köpfige Ensemble Stile Galante unter der Leitung seines Gründers Stefano Aresi musiziert elegant und fließend und begleitet mit farbig-plastischem Klang. Ein sehr gut gemachtes, mehrsprachiges Beiheft mit Erläuterungen und Arientexten ergänzt diese bemerkenswerte Aufnahme, die aus der Masse barocker Arieneinspielungen aufgrund Hallenbergs Virtuosität und musikalischer Aneignung hervor ragt. (Arias for Luigi Marchesi, Ann Hallenberg, Francesca Cassinaris, Stile Galante, Dirigent: Stefano Aresi, Glossa/Note 1, GCD 923505). Marcus Budwitius

  1. Michele C. Ferrari

    Der positiven Bewertung der Leistung von Frau Hallenberg muss leider widersprochen werden. Die lobenswerte Idee, das-Portait einer berühmten Sängerin aus der Vergangenheit mit vielen Arien-Raritäten zu skizzieren, scheitert an den bescheidenen vokalen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Man hört eine monotone, einigermaßen agile Stimme, jedoch ohne Farben und ohne Tiefe. Und der Inhalt der Texte ist der Sängerin offenbar auch egal. Ob Tragödie oder Komödie: es klingt alles gleich. Wie schon vor einigen Jahren, als Hallenberg sich als Marcolini-Double versuchte (CD Naive 5309), ist das Konzept ausgezeichnet, aber das Ergebnis enttäuschend.

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