Der José aus der Carmen mit der Destinn!

 

Erstmals hat die Frida-Leider-Gesellschaft einem Sänger ein CD-Doppelalbum gewidmet: Karl Jörn. Das muss seine Gründe haben. Und die erschließen sich beim Hören. Der 1873 in Riga geborene und 1947 in Denver gestorbene Tenor, der es zu Weltruhm brachte, hatte eine der nobelsten Stimmen, die ich kenne. Wer die beiden randvoll gefüllten CDs gehört hat, würde nicht auf einen einzigen Titel verzichten wollen. Die akustische Hinterlassenschaft des Sängers ist üppig. Sie reicht von Mozart über Flotow, Meyerbeer, Leoncavallo bis hin zu Boieldieu und Donizetti. Gemessen an der Programmauswahl ist Richard Wagner proportional am stärksten vertreten in seiner Karriere – und war es in Wirklichkeit wohl auch.

Alle achtzehn Nummern der ersten CD sind ausschließlich diesem Komponisten gewidmet. Der Beginn mit Steuermannslied aus dem Fliegenden Holländer scheint programmatisch. Jörn singt es mit der Eleganz und Leichtigkeit, die einer Arie von Mozart zu Ehren gereichen würde. Er forciert nicht, er stemmt nicht, er singt, als würde legato das wesentlichste Merkmal des Vortragsstils bei Wagner sein. Deshalb klingt er auch für unsere heutigen Ohren erstaunlich modern. Niemals bedient er das Klischee des Heldentenors. Er ist es durch Stil und Gestaltung. Bei Jörn ist jedes Wort zu verstehen. Dabei sind die Originaltonträger meistens älter als ein halbes Jahrhundert. Gewiss trägt die Arbeit von Christian Zwarg, der wiederum das digitale Remastering besorgte, ganz entscheidend dazu bei, dass die Aufnahmen ausnahmslos frisch klingen.

Wer einen Ausschnitt aus der ersten Gesamtaufnahme von Bizets Carmen von 1908 sucht, sieht sich enttäuscht. Offenbar wurde von den Herausgebern ganz bewusst daraus verzichtet, weil die legendäre Einspielung mit Emmy Destinn in der Titelrolle ohnehin Bestandteil jeder gut sortierten Sammlung ist. Sie hat den Namen von Jörn bis in die Gegenwart getragen, ihn zugleich aber auch darauf festgelegt. Karl Jörn? Das ist doch der José aus der Carmen mit der Destinn!

Jörn ist noch viel mehr. Insofern ist dieses Doppelalbum, das direkt unter der Internet-Adresse www.Frida-Leider.de zu beziehen (190319169) ist, auch eine Art Befreiung aus dieser Fessel, weil es eine der vielseitigsten Sängerpersönlichkeiten gebührend und angemessen würdigt.
Rüdiger Winter