Andreas Bauer Kanabas

 

Zu den wirklich interessanten  Stimmen im gegenwärtigen Opern- und Liebbetrieb gehört zweifellos der Bass Andreas Bauer Kanabas, der gerade ein  neues Album Love and Despair mit dem  Latvian Festival Orchestra unter Leitung von  Karsten Januschke bei Oehms Classics (OC490 ) mit Arien von fünf Komponisten – von Verdi über Wagner bis hin zu Dvořák, Rachmaninow und Bartók –  herausgebracht hat. Es finden sich auf dieser neuen CD  Momente entfesselter Leidenschaften zwischen Liebe, Verrat und Verzweiflung, aber auch Momente tiefer Sehnsucht und Melancholie, denen Andreas Bauer Kanabas mit seinen Interpretationen nachspürt und aus denen er eine große emotionale und auf den Hörer überspringende Kraft erwachsen lässt. Anlass also für ein ebenso gehaltvolles wie offenes Gespräch mit René Brinkmann. G. H.

 

Zunächst mal eine ganz allgemeine und vielleicht auch etwas gemeine Frage: Warum gibt es eigentlich so wenige bekannte Bass-Partien in den großen Opern? Fast jeder Operninteressierte kennt ja sofort irgendeine berühmte Tenor- oder Bariton-Arie, aber wenn man jemanden fragt: „Sag mal eine berühmte Bass-Arie“, dann muss man doch etwas überlegen. Sie haben völlig Recht, wenn man von den Mozartarien des Figaro, Don Giovanni oder Sarastro und einigen Buffo-Arien aus deutschen Spielopern absieht. – Jedoch würde ich nicht sagen, dass es wenige bekannte Bass-Partien gibt, im Gegenteil. Gerade bei Wagner und Verdi und im russischen Repertoire gibt es großartige, tragische Persönlichkeiten, welche durch einen Bass verkörpert werden. Jedoch eignen sich die Arien daraus nicht zum launigen Nachsingen, da sie seelische Zerrissenheit bekunden und von melancholischer Natur sind – im Gegensatz zu den eher strahlenden, sanguinischen Arien des Tenors oder den cholerischen des Baritons. Wer jedoch in der Melancholie Schönheit zu erkennen vermag, wird auch diese schmerzvollen Basspassagen lieben. Einige der ergreifendsten sind auf meinem Album vereint.
Auf Ihrem neuen Album Love and Despair haben Sie Arien von fünf Komponisten zusammengefasst – von Verdi über Wagner bis hin zu Dvořák, Rachmaninow und Bartók. Wie kamen Sie auf diese Zusammenstellung? Es geht immer um den Verlust der Liebe oder um vermeintlichen Verrat. Beides ruft jenen Schmerz hervor, der uns demütig und nachdenklich werden lässt – aus ihm entspringen die innigsten Melodien. Diese wollte ich auf mein Album bringen. Sie lassen tief in die Seele blicken, bringen auch eine neue Klarheit und Kraft hervor.
Meine Großeltern kamen aus Böhmen und haben mich mit ihrer Mentalität sehr geprägt. So fühle ich mich auch dem slawischen Repertoire verbunden. Bei meiner Großmutter habe ich z.B. eine glühende Marienverehrung erlebt. Ohne diese intensive religiöse Erfahrung, glaube ich, kann man bestimmte Musik in voller Tiefe gar nicht erfassen. Oft habe ich Musiker in Mitteldeutschland erlebt, die mit kühlem Sachverstand dazu neigen, die Naivität der katholisch geprägten Musik zu belächeln und sie mit gewisser Distanz darzubieten – was sehr schade ist. Meinem Naturell stehen Dvořák und Verdi ebenso nah wie Bach oder Brahms.

Andreas Bauer Kanabas (c) Kartal Karagedik

Sie haben das Album in Riga aufgenommen. Wie kam es dazu? Eigentlich sind Sie als Mitglied des Ensembles der Oper Frankfurt ja eher dort zu Hause. In Riga hatte ich einen großen Erfolg als Mephisto (in Charles Gounods FAUST). Ich fühlte die Liebe und Begeisterung der Menschen, die Musikalität der gesamten Stadt. In Riga laufen viele musikalischen Stränge zusammen. Bei den Streichern gibt es Einflüsse der russischen Schule, was zu einem dunklen, satten, erdigen Klang führt. Das ist genau die Klangsinnlichkeit, die ich mir wünsche. Auch die Verdi- und Wagnertradition sind in Riga sehr lebendig.
Überhaupt gehören Singen und Musizieren im gesamten Baltikum – anders als bei uns – noch zum profanen Alltag. Lettland hat nur wenig mehr Einwohner als Hamburg, aber es gibt aktuell vier oder fünf lettische Weltklassesänger, die regelmäßig an der MET singen.
In Riga wurde ich ermutigt, eine CD aufzunehmen. Man empfand meine Stimme als sehr ungewöhnlich, insbesondere für einen deutschen Sänger.

Das Latvian Festival Orchestra ist ja wirklich eine Entdeckung, ein offenbar ganz ausgezeichnetes Ensemble, das hierzulande noch wenig bekannt ist. Wie kam es dazu, dass Sie mit diesem Orchester aufgenommen haben? Die Musiker sind eine erlesene Auswahl aus den drei großen Orchestern des Landes, welche sich projektbezogen zusammenfinden, um etwa Solo-Konzerte mit Marina Rebeka oder Elina Garanca aufzuführen oder eben für CD-Aufnahmen. Dieses Orchester stand für meine Aufnahme zur Verfügung und hat mich sehr getragen, emotional wie menschlich.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester hat ein derart dichtes Pensum, dass es für eine zusätzliche CD-Aufnahme nicht zur Verfügung stehen konnte. Es trägt mich sonst aber ebenso auf Händen – wichtige Partien dieses Albums habe ich in Frankfurt erstmals singen dürfen, darunter König Marke, König Philippe, Wassermann, Herzog Blaubart. „Herzog Blaubarts Burg“ von Bela Bartók übrigens unter der souveränen Leitung des Dirigenten meines Albums – dem hoch musikalischen, sprühenden Karsten Januschke.

Bei der Plattenaufnahme: Andreas Bauer Kanabas (c) Kristaps Kalns, Riga

Auf Ihrem Album geben Sie eine hervorragende Visitenkarte als Verdi-Bass ab, von denen es in Deutschland ja nicht so viele gibt. Warum ist das eigentlich so? Nun, zunächst kann ich nur für mich sprechen. Nach meinem Studium in Dresden und Weimar habe ich einen Lehrer in Italien gefunden, zu dem ich so oft es ging mit glühender Leidenschaft gereist bin. Es ist Paolo Barbacini in Reggio Emilia. Ich dachte, ein Gesangsstudium ohne Verdi sei unvollkommen und sinnlos. In Dresden habe ich erlebt, wie Stimmen durch Liedgesang, Bachkantaten und Mozartarien aufgebaut werden sollten. Die deutsche Sprache immer als Basis für alles Zukünftige. Das klang oft fest, eng, zu hell, forciert, limitiert. Das war ein verbreitetes Phänomen und betraf nicht nur mich. Die Lehrmeinung war: Eine solche Stimme, zwar klein und schlank, wird sich im späteren Berufsleben gesund entfalten und wachsen.

Das ist Quatsch. Eine Bachstimme bleibt eine Bachstimme. Eine Liedstimme bleibt eine Liedstimme. Es wird keine Verdistimme daraus. Kleine Festigkeiten werden zu großen Festigkeiten. Ein begrenztes System kann sich nicht plötzlich öffnen. Deutsche Liedsänger im Verdigesang – das ist keine Erfolgsgeschichte. Umgekehrt, eine echte Verdistimme hätte das Potenzial, ein Liedsänger mit unbeschränkten Möglichkeiten zu sein – sofern sie sich darauf einlassen würde.

Für Sie war es Ihre erste Albumaufnahme, bei der Sie selbst im Mittelpunkt standen: Wie hat Ihnen das gefallen, auch im Vergleich zur Live-Erfahrung auf der Bühne? Ist das etwas, was Sie gern wiederholen möchten? Oder heißt es für Sie: Einmal reicht, und Sie ziehen fortan die Bühne wieder vor? Ich ziehe die Bühne vor. Aber es wird nicht die letzte Aufnahme bleiben. Es werden Lieder-Aufnahmen folgen. 

Andreas Bauer Kanabas (c) Kristaps Kalns, Riga

Sie sind schon seit Jahren im Geschäft. Warum kommt es ausgerechnet jetzt zum Debütalbum? Das Öffnen der Stimme, Größe und Freiheit, habe ich erst bei dem amerikanischen Lehrer Prof. Eugen Rabine in Weimar erlernt. Da war die Altersgrenze für Wettbewerbe schon fast erreicht. Ein glorioser Frühstart war mir nicht vergönnt. Seitdem reift die Stimme wie ein guter Wein und erreichte mit Mitte Vierzig die Qualität, die man sich von den Wettbewerbsgewinnern von einst erhoffte. Ich habe sehr verschiedene Lehrmeinungen und Techniken kennen gelernt, die teilweise konträr waren. Es gab Irrungen und Rückschläge – doch haben sich die deutschen, amerikanischen und italienischen Einflüsse zu einer starken Einheit zusammengefunden.

Was raten Sie selbst jungen Kollegen in Bezug auf die Karriere: Besser früh ein Album als „Visitenkarte“ vorlegen oder besser mal warten, bis man seine Sparte gefunden hat und die Stimme wirklich „passt“? Ich rate vor allem eines, wenn man sich gut fühlt und Ambition hat: nicht an einem großen Haus kleine Rollen zu singen, sondern an einem kleineren Haus große Rollen; natürlich nur, wenn die Stimme dafür „passt“. Und eine Aufnahme nur dann, wenn man gefragt wird, wenn es sich aufdrängt oder wenn man es sich leisten kann. Aber die Qualität setzt sich vor allem live und auf der Bühne durch.

Wie wichtig ist für Sie das Label, mit dem Sie zusammenarbeiten? Denken Sie, es spielt heute noch eine große Rolle bei welchem Label man sich präsentiert oder ist das im Zeitalter des Musikstreamings zunehmend unwichtiger geworden? Dafür kenne ich mich zu wenig aus.
Aber ich danke Ohems Classics für die tolle Unterstützung sowie Naxos für den weltweiten Vertrieb.

Andreas Bauer Kanabas (c) Kristaps Kalns, Riga

Sie hatten eine ziemlich bewegte Laufbahn, begannen Ihre Ausbildung in Dresden und wurden auf Bach und Liedgesang getrimmt. Wie wurden Sie zum Verdi-Bass? Die Lehrauffassung an deutschen Musikhochschulen habe ich oben schon angedeutet. Mein Intendant Bernd Loebe sagte einmal provokant: von 20 Julliard-Studenten aus New York könne er 18 engagieren, von 20 Absolventen deutscher Musikhochschulen höchstens zwei.
Warum das so ist, fragen sich alle verzweifelt. Ist die Ausbildung so schlecht? Sie kostet doch so viel… Ich glaube nicht, dass die Bedingungen schlecht sind. Aber das Klangideal, das gelehrt wird, ist nicht konkurrenzfähig. Die Entwicklung von Stimmen wird von der vorherrschenden Klangästhetik dominiert – und oft auch behindert. Die Ästhetik in Deutschland ist sehr sprachorientiert und auf der deutschen Artikulation basierend. Die Idee von Legato und Klang ist eine andere als im italienischen Gesang. „Singen ist veredeltes Sprechen“ sagte mein Lehrer in Dresden und beeindruckte mich damals sehr. Es klang für mich natürlich und überzeugend. Aber es ist trotzdem falsch. Während der deutsche Sänger tendenziell eine mitteltönige Stimme sucht und dabei durch Engigkeit eine Helligkeit findet, die er mit Brillanz verwechselt, hat die italienische, russische, amerikanische oder koreanische Stimme viel mehr Grundtönigkeit, dadurch mehr Volumen und Tragfähigkeit und zugleich eine echte Brillanz im größeren Frequenzangebot. „Chiaro/scuro“ wie es im Belcanto heißt. Helligkeit auf Basis von Dunkelheit und nicht durch Reduzierung selbiger.
Ich hatte das Glück, auf den amerikanischen Prof. Eugen Rabine in Weimar zu treffen. Er wurde in Dresden verteufelt, was ihn für mich interessant machte. In Dresden hat man nie Einflüsse von außen geduldet. Das ist auch heute noch so. Durch diesen Lehrer habe ich in kürzester Zeit erlebt, was auch Jonas Kaufmann durch Michael Rhodes erfahren hat – die Stimme wurde frei, groß, voluminös, dunkel und schillernd zugleich. Auch ich musste mir auf dem Weg dahin sagen lassen, „das sei alles zu offen, zu dunkel, das wäre das Ende“… Es war der Beginn einer Befreiung und der Anfang einer internationalen Opernkarriere. Interessanterweise wurde meine Stimme im Ausland immer noch mehr geschätzt als in Deutschland selbst.

Andreas Bauer Kanabas (c) Kartal Karagedik

Sie haben also nicht nur positive Erfahrungen in Ihrer bisherigen Karriere gemacht: Wie würden Sie die Gesangsausbildung in Deutschland verbessern, wenn Sie könnten? Eine neue Klangsinnlichkeit muss wieder her, verbunden mit einer anderen Geisteshaltung.
Wir leiden noch immer am künstlerischen Exodus und den geistigen Spätfolgen durch die Nazizeit.
Daher rührte in der Nachkriegszeit die Sehnsucht nach gutbürgerlicher Reinheit und Attitüde, nach einem Saubermann… Daraus ergab sich eine neue Ästhetik, nämlich die schon fast ideologische Putzwut am Lied. Dieses brave, pedantische Herumfeilen an Wortfragmenten und Phrasen. All das macht die Spontanität kaputt und die Stimme klein. Singen soll frei sein, Spaß machen und Freude vermitteln. Warum nicht erst die große Legato-Linie, das ungestörte Vibrato, die volle Lust entfalten: zuerst Bellini, Donizetti, dann erst Rezitative, später Verdi-Arien, russische Romanzen, danach Bach und Schubert. Vom großen Pinsel zum feinen Pinsel, nicht umgekehrt! Von der großen Sinneslust zur Selbstkontrolle. Das wäre mal ein Impuls für eine neue Körperlichkeit und Klangsinnlichkeit.

Auf dem Album singen Sie italienisch und deutsch aber auch Dvořák, Rachmaninow und Bartók singen Sie jeweils in der Originalsprache. Wie bereiten Sie sich auf eine Partie vor, wenn Sie die Originalsprache des Stücks selbst nicht sprechen? Gibt es da vorab ein Coaching oder wie läuft das? Ich habe schon während meiner Schulzeit in der DDR zielorientiert und genau zu arbeiten gelernt. Meine größte Leistung war zunächst, den Thüringischen Akzent abzulegen – und das ausgerechnet in Dresden. Dagegen ist Ungarisch eine leichte Übung. Russisch hatte ich acht Jahre in der Schule, aber leider nie „am lebenden Objekt“ praktiziert, wohingegen ich nach zwei erlebnisreichen Sommerurlauben in Italien schon fließend Italienisch beherrschte – eine Sehnsuchtssprache.
Ich habe zudem einen wunderbaren Coach in Toulouse, den Pianisten Robert Gonnella, der mit mir alle Partien erarbeitet und völlig neue Impulse setzt. Sein Stimmcredo heißt: „round, rich, ringing, rolling“. Außerdem habe ich wunderbare, kollegiale Muttersprachler aus dem Chor, die mit mir die russische, tschechische und ungarische Aussprache polieren…

Doch das wichtigste für den internationalen Operngesang ist, sich von der eigenen deutschen Sprachgewohnheit zu lösen. Wenn man die deutschen Muster dem Gesang zugrundelegt, wird man den ungestörten Klang, die echte Legatokultur verfehlen. Gelingt es – was mühsam ist –, sich davon zu lösen und eine neue Artikulationsbasis zu erlernen, gewinnt die Stimme die notwendige Freiheit, unabhängig von welcher Sprache auch immer zu fließen.
Die Stimme hat dann sowohl slawische als auch italienische Qualitäten, und selbst der „wortbesessene“ Deutsche wird feststellen, dass ein voller Klang nicht zulasten der Textverständlichkeit gehen muss.

Andreas Bauer Kanabas (c) Kartal Karagedik

Ihr Album ist erschienen, was steht nun als Nächstes an? Wird es die Gelegenheit geben, das Repertoire des Albums auch live auf der Bühne zu hören? Oder haben Sie schon ganz andere und neue Pläne und lassen uns ein wenig an Ihren Überlegungen teilhaben? Während des Corona-Lockdowns habe ich meine Ziele und Perspektiven erweitert – natürlich aus der Not heraus. Da ich den Zaccaria an der Deutschen Oper oder den De Silva in Antwerpen und Gent nicht singen konnte, hatte ich sehr viel Zeit. Da habe ich Trost und Erlösung von völlig unerwarteter Seite gefunden: Mein Weimarer Studienfreund Daniel Heide, inzwischen viel gefragter Liedbegleiter, sprach mich an, ob wir nicht zusammen ein Programm entwickeln wollen. Jetzt wäre die Zeit! Der deutschen Liedszene fehle es an echten Bässen. Immer diese Baritone…
Dann überzeugte er mich von etwas, das ich weder besonders originell fand, noch ich seit meinen traumatischen Erfahrungen mit dem Kunstlied an deutschen Musikhochschulen je wieder machen wollte – Franz Schubert zu singen! Und was mich am Ende doch sehr glücklich gemacht hat.
Wir werden den „Schwanengesang“, der inzwischen bereits vom Hessischen Rundfunk live aus Frankfurt übertragen wurde, sowie einige geeignete Balladen für CD aufnehmen. Und wenn ich so forsch sein darf: Die Baritone dürfen sich warm anziehen… René Brinkmann (Foto oben: Andreas Bauer Kanabas bei der Plattenaufnahme (c) Kristaps Kalns, Rigag)