Oper im Schnelldurchlauf

Es ist ein bisschen wie Weihnachten in der Kindheit. Der Baum glänzt, der Duft von Mandelgebäck zieht durch die Stuben und draußen rieselt der Schnee. Mit ihren Opernquerschnitt-Boxen beschwört EMI die gute alte Zeit der Schallplatte herauf, ein Paradies der Erinnerungen, aus dem niemand vertrieben werden kann. Die meisten Titel lagen bislang nur als LP vor, einige gar nur als Single, sie waren allenfalls noch in Antiquariaten, auf Flohmärkten oder bei Ebay zu ergattern. Nicht selten in der Ramschkiste. Die Wiederauferstehung als CD, dazu noch in hübsche handliche Boxen gepackt, ist auch ein Akt der Wiedergutmachung  an einem bedeutenden Kapitel der Musikgeschichte. Versehen mit den Originalcovern gleichen sie  Schallplatten im Miniaturformat. Die Illusion ist perfekt, Da hört denn auch das Auge mit.

CD - Mir ist die Ehre wiederfahrenDiese Querschnitte haben ganzen Generationen Oper nahe gebracht. Sie haben aber auch falsche Vorstellungen vermittelt – zu vorderst nämlich von der Form der Gattung. Rezitative kamen nicht vor, Perle reihte sich an Perle als ob ein Werk nur aus genialen Einfällen und da-capo-verdächtigen Zugnummern besteht. Dramaturgie blieb ein Fremdwort, die Entwicklung einer Handlung, die Herausbildung von Charakteren, all das fiel unter den Tisch. In jungen Jahren habe ich lange gebraucht, um von Querschnitt auf Gesamtaufnahme umzuschalten. Die Querschnitte, die als solche produziert worden waren, hatten sich tief ins musikalische Gedächtnis eingegraben. Gesungen wurde grundsätzlich in Deutsch.

Wo anfangen? Mit den Zahlen: Insgesamt stecken 41 CDs in fünf Boxen, die da wären: Querschnitte mit Fritz Wunderlich (6788362) und mit Rudolf Schock (9283112), Schöne Nacht, du Liebesnacht – Oper auf Deutsch (9283032), Flieg, Gedanke (Verdi auf Deutsch (4166512) und Mir ist die Ehre widerfahren – Electrola-Querschnitte (9283242). 36 Opern wurden berücksichtigt, „Hofmanns Erzählungen“ zwei- und  „Madame Butterfly gleich dreimal. Wie nicht anders vorstellbar, teilt sich das ewige Zwillingspaar „Cavalleria rusticana“ und „Bajazzo“ eine CD. Mozarts „Bastien und Bastienne“ mit Solisten der Wiener Sängerknaben, die ­- wie das damals üblich war – namentlich nicht genannt werden, ist vollständig. Heillos überfordert, machen sich die Knaben munter ans Werk und bringen einen Spaß zuwege, der am Ende seinesgleichen sucht.

CD - Rudolf SchockIn der Verdi-Box hat neben der Szenenfolge aus „Rigoletto“ mit Erika Köth, Rudolf Schock, Josef Metternich und Gottlob Frick noch eine inzwischen seltene Gesamtaufnahme des Werkes Platz gefunden – die Münchner Einspielung unter Alceo Galliera mit Ingrid Paller, Cesare Curzi und dem phänomenalen Ernst Gutstein in der Titelrolle. Für Abwechslung sorgen zudem prominent besetzte einzelne Szenen aus Verdi-Opern, die einst als Single Verbreitung fanden, darunter zwei Arien des Alfred Germont mit Josef Traxel, die Friedensarie aus der „Macht des Schicksals“ mit Leonie Rysanek sowie das Liebesduett aus „Othello“ mit Schock und Elisabeth Grümmer, die auch noch das Lied von der Weide sowie das Ave Maria mit bewegender Schlichtheit und Innigkeit vorträgt.

Mein Favorit ist die Szenenfolge aus „Ariadne auf Naxos“ mit Lisa Della Casa, die sich in der Schock-Box findet, weil dieser Tenor den Bacchus gibt. Hätte sie nur diese eine Platte hinterlassen, ein Platz im Olymp wäre ihr sicher gewesen. Niemals ist die Wandlung der totunglücklichen Königstochter in eine Frau, die durch das Wunder der Liebe zu neuem Leben findet, bewegender und überzeugender dargestellt worden. Nichts sinkt zum beglückend rauschhaften Finale hin in die Niederungen herab, alles schwebt, bleibt Metapher, Symbol – Kunst. Diese Aufnahme von 1959 ist exemplarisch für die ganze Oper, sie erreicht, was möglich ist. Besser geht es nicht. Schock mit seiner noch freien, draufgängerischen Höhe erweist sich als Glücksfall in seiner Rolle. Er bedient im Gegensatz zur klassizistischen Primadonna das traditionell Opernhafte mit einem Schuss Italianita, was mir bei der feinsinnigen Interpretation dieses zwiespältigen Werkes nicht als Zufall erscheint. Kaum ist das pompöse Finale verklungen fällt der hingerissene Hörer aus göttlicher Höhe auf harten Boden: „Da lieg‘ ich!“ dröhnt unerwartet und doch sprichwörtlich Ludwig Weber in völlig anderem Sound die Szene des Ochs aus dem „Rosenkavalier“ als Bonus vor sich hin. Da stellt sich doch die Frage, ob das sein muss.

CD - Flieg GedankeNun gut, solche Wechselbäder sind nicht untypisch für die Sammlungen, um die es hier geht. Nicht durchgehend fällt  Qualität so hochgestochen aus wie in der Strauss-Oper. Ein Großteil der Titel besticht mehr durch die Namen der Mitwirkenden denn durch Einmaligkeit der Interpretation. Schließlich war die Zielgruppe nicht ein kleiner Kreis verwöhnten Kenner sondern ein breitgefächertes Publikum. Da fiel es nicht sonderlich auf, wenn der schon erwähnte Rui Schock schnell mal ins Klischee abrutschte und Nicolai Gedda als Carlos deutlich an Grenzen kam. Überhaupt gelingen die Querschnitte mit den Jahren nicht besser. „Don Carlos“ in der deutschen Verdi-Box von 1974 scheint arg zusammengewürfelt, jeder singt vor sich hin, als seien alle einzeln im Studio gewesen: Edda Moser (Elisabeth), Brigitte Fassbaender (Eboli), Dietrich Fischer-Dieskau (Posa), Kurt Moll (Philipp).

Neu schöne NachtAls unverwüstlich behaupten sich die frühen Aufnahmen von Mitte bis Ende des fünfziger Jahre wie der pralle Querschnitt durch Smetanas „Verkaufte Braut“ mit Erna Berger, dem tüchtigen Schock, und Gottlob Frick, der wie Metternich eine der Säulen der Querschnitts-Produktionen war. In den Anfangsjahren gab es noch richtige Ensembles mit Chor und nicht nur Arien und Duette, Sparzwang war offenbar ein Fremdwort. Bei den Frauen übernahmen die gleichfalls schon genannte Erika Köth („Barbier von Sevilla“, „Don Pasquale“, „Lucia di Lammermoor“) sowie Anneliese Rothenberger („Butterfly“, „Bohéme“, „Martha“ gleich mehrere Aufgaben. Gleiches gilt für Pilar Lorengar, Ruth-Margret Pütz, Gottlob Frick, Marcel Cordes und Hermann Prey. Für Sänger aus der zweiten Reihe, die die Stützen jedes Opernhauses waren, von den Labels aber vernachlässigt wurden, fielen in den dankbaren Querschnitten ebenfalls Rollen ab: Marlies Siemeling (Amalia), Melitta Muszely (Tatjana), Liselotte Losch (Lola), Lore Hoffmann (Hänsel), Georg Wiether (Crespel).

Neu - Fritz WunderlichAuf der Rückseite der Cover taucht immer wieder ein Namen auf, den ich an dieser Stelle auch mit Dank und Respekt nennen möchte: Fritz Ganss, der legendäre Electrola-Produzent. Ohne seine Umsichtigkeit, seine Intelligenz und seinen guten Geschmack wär der Großteil der Dokumente gar nicht denkbar. Etliche der Querschnitte, die nun Eingang in die Boxen fanden, waren vor etlichen Jahren bereits in loser Folge neu aufgelegt worden – auch schon mit nostalgischen Zitaten der alten Plattenhüllen. Der Musikjournalist Thomas Voigt steuerte informative und erklärende Texte bei, nach denen man nun verblich sucht. Lediglich die Verdi-Edition Box hat noch so ein eigenes Booklet. Das nun ist Klagen auf hohem Niveau. Insgesamt möge diesen Sammlungen Erfolg bei einem großen Publikum beschieden sein. Ich würde nicht darauf verzichten können.

Rüdiger Winter