Anämisches Rubbeln

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Elfen und Geister scheinen durch die Ouvertüre des Aladdin zu schweben, der Christian Frederik Emil Hornemann mehrere Jahrzehnte beschäftigte, und eröffnen eine hochromantische Märchenwelt. Wenige Jahre nach seinem Studienaufenthalt, der Horneman wie bereits zuvor seinen Landsmann Niels Wilhelm Gade, 1858-60 nach Leipzig führte, scheint das 1864 komponierte, 1866 erstmals aufgeführte und seither im dänischen Konzertrepertoire verbliebene große Orchestergemälde wie ein Nachklang auf Mendelssohn-Bartholdy und Weber zu sein (und ein Blick zu jpc zeigt eine Menge an weiteren orchestralen und kammermusikalischen Hinterlassenschaften).

Doch zunächst hielten Horneman andere Tätigkeiten auf Trab, die Etablierung eines Musikverlags, die Musikgesellschaft Euterpe, die er ebenso wie die Konzertgesellschaft Koncertforeningen mitbegründete, dazu Tätigkeiten als Dirigent und schließlich die Gründung eines eigenen Musikinstituts. Sein Hauptwerk, der Aladdin, zu dem ihm der befreundete Benjamin Feddersen den Text schrieb, begleitete Horneman während seiner Reisen durch Europa, wurde zur Seite gelegt und wiederaufgenommen und schließlich für eine Aufführung anlässlich des 25jährigen Thronjubiläums von Christian IX. 1888 in Betracht gezogen und hurtig in Szene gesetzt.

Über die chaotischen Umstände der unbefriedigend verlaufenen Uraufführung schreibt Inger Sørensen ausführlich in der wie stets bei Dacapo sorgfältig aufbereiteten Einspielung (3 CDs Dacapo 6.200007), bei der nur die Rückseite der Box – blau auf schwarz – absolut unlesbar bleibt. Anerkennung wurde Horneman erst 14 Jahre später am 4. April 1902 mit der überarbeiteten Fassung des Aladdin zuteil. Nach 18 ausverkauften Aufführungen wurde die Oper seit 1903 nicht mehr gegeben und durch die Aladdin-Musik des jüngeren Carl Nielsen, die dieser für Wiederaufführungen von Adam Oehlenschlägers Schauspiel komponierte, verdrängt. Rundfunkaufnahmen 1953 und 1978 konnten die Oper, die in Deutschland, im Gegensatz zu dem 2017 in Braunschweig aufgeführten Gegenentwurf des schwedischen Spätromantikers Kurt Atterberg, nie zu hören war, nicht vor dem Vergessen retten.

Das wird auch der im November 2020 im Konzertsaal des Dänischen Rundfunks entstandenen Aufnahme kaum gelingen, mit der sich Michael Schønwandt mit dem Danish National Symphony Orchestra und dem vornehmlich in den Rahmenakten geforderten Danish National Concert Choir energisch für das musikalische Erbe einsetzt. Natürlich ist es interessant, diese romantische, mit Balletten und Chören recht weitschweifig geratene Oper mit ihren konventionellen Mustern und den Wagner-Reminiszenzen zu hören, die den Aladdin beispielsweise mit seiner Arie im ersten Akt, während er in der Höhle einschläft und von der schönen Gulnare träumt, zu einem Bruder des Siegfried machen. Doch alles in allem werden die drei Stunden und vier Akte, in denen Horneman Episoden aus Tausendundeine Nacht abhandelt und den Gefühlen, Gedanken und Träumen seines Titelhelden, für die der 1993 geborene Bror Magnus Tødenes neben lyrischer Geschmeidigkeit etwas mehr an jugendlich dramatischer Dringlichkeit aufbringen könnte, breiten Raum einräumt, reichlich lang.

Der böse Noureddin schickt Aladdin in eine Höhle, um die geheimnisvolle Wunderlampe zu erlangen. Nachdem ihm Aladdin Gold und Silber aus der Höhle überlassen hat, stößt Noureddin Aladdin in die Höhle zurück. Der Geist des Zauberringes, den ihm Noureddin überließ, führt Aladdin aus der Höhle. Aladdin hofft mit den Schätzen aus der Höhle Gulnare, die Tochter des Sultans, zu erringen. Er putzt die Zauberlampe, worauf der Geist der Lampe die arme Hütte in einen Palast verwandelt und der Sultan einer Hochzeit mit seiner Tochter zustimmt. Die Liebenden sind überglücklich, doch währen der Hochzeitsfeier entführt Noureddin Gulnare und lässt den Palst verschwinden. Wieder hilft der Geist des Ringes. Aladdin gewinnt Gulnare zurück, tötet Noureddin wird nach dem Tod des Sultans zu dessen Nachfolger ernannt. Horneman schweißt die schwermütigen Momente des ersten Aktes und der Friedhofsszene des vierten, das höfische Zeremoniell, die Festmusiken und Ballette durch eine farbig kunstvolle Orchestrierung und packende Ensembles zusammen, doch die Gesangslinien für Stephen Millings mächtigen Märchenbuch-Sultan oder Henning von Schulmans Vizier wirken vorgestanzt und gefriemelt. Auch Hanne Fischer kann als Aladdins Mutter Morgiane ebenso wie der tüchtige Johan Reuter als Bösewicht Noureddin wenig Individualität zeigen. Für die Gulnare steuert Dénise Beck lichten Prinzessinnen-Liebreiz bei. Im Ganzen aber keine Wiederentdeckung; anders als kürzlich August Emil Ennas schöne Kleopatra.    Rolf Fath