Norma im Original?

 

Wie und wo anfangen, angesichts des überwältigenden Chores bzw. der überwältigenden Lobeshymnen? Cecilia Bartolis Norma bei Decca, nach einem wenig nachhaltigen Konzert in Dortmund 2010 und noch vor dem bereits im Vorfeld hochgehypten Salzburger Sommer-Auftritt á la Anna Magnanini, liegt nun als neue Gesamtaufnahme vor mir.

      Und ich finde sie (ich bitte um Entschuldigung!): ungenügend, präpotent und bedenklich.

Das beginnt bei den oft schleppenden, dann wieder rasanten, arbiträren Tempi Giovanni Antoninis am Pult des originalstimmigen Orchesters La  Scintilla, das geht weiter mit John Osborns rossinigeübte Vokalgeturne als Pollione, das setzt sich mit der ältlichen und für diesen Ansatz viel zu dunklen und vor allem sehr anonymen Stimme von Sumi Jo fort (Norma als tiefere  und Adalgisa als mädchenhaft-helle Stimme, was ja auch nicht neu ist),  und das endet bei der hochindividuellen, unentschlossenen Mezzo-Sopran-Stimme von Cecilia Bartoli selbst.

Gewiss, sie singt viele Phrasen sehr aufmerksam, sehr sorgfältig, aber sie lässt jeden Bogen vermissen, säuselt sich koloraturenreich durch weite Teile der Partie, und wenn es dramatisch wird, bekommt die immer unruhiger werdende Stimme unangenehme Quetschfarben. In meinen Ohren  und nach meinem musikalischen Verständnis reicht die Stimme selbst einfach nicht aus für die dramatischen Dimensionen der Rolle, und fürs Parlando übereakzentuiert sie jedes „i“ und „e“.

Sicher ist dies ein neuer, eigener Ansatz, und sie hat sich einen neue Edition machen lassen (Biondi & Minasi), die ungewohnte lyrischere und auch kolraturenreichere Momente hat als gewohnt. Aber das Ganze – angeblich auf der vielzitierten Malibran beruhend – ist eine Miniausgabe geworden, eigenwillig wie etwa ein Tristan mit Domingo, wo man sich sagt: Na ja, es gibt eben heute keinen mehr dafür. Wir sind im Zeitalter der Kleinstimmen angelangt, Händel ist leichter zu besetzen als Puccini. In diesem Licht ist die minimalistische Norma der Bartoli sicher zeitgemäß.

Und angesichts des enthusiastischen Chores der Bewunderer, in deren Ohren La Bartoli eh nichts falsch machen kann, wird man sich des Partisanentums unserer Eventkultur-Zeit bewusst, ob es sich nun um die Netrebko oder Garanca oder Fleming handelt. So bleibt für mich dies eine Norma der interessanten Momente, vor allem durch die ganz andere Farbe der Originalinstrumente. Den Beweis, dass Norma eine anderen, ältere Schwester der Sonnambula (Malibran sang ja beide) sei, bleibt die Bartoli mir schuldig – ich find sie interessant, aber unüberzeugend und stimmlich vor allem wirklich zu klein. Und dass sie sich doch recht herablassend über ihre Vorgängerinnen wie Callas und andere (Cerquetti, Sutherland und manche mehr) äußerte, nehm ich ihr doch übel. „Ho dato tutto a te“, singt die Seelige M. C.  auf der wunderbaren RAI-Aufnahme 1955. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Geerd Heinsen

 

Vincenzo Bellini: Norma mit: Cecilia Bartoli/Norma, Sumi Jo/Adalgisa, John Osborn/Pollione, Michele Pertusi/Oroveso; International Chamber Vocalists, Orchestra La Scintilla, Dirigent Giovanni Antonini. 3 CD Decca 478 3517