Adele Stolte

 

Wer sich in der DDR mit Barockmusik beschäftigte, kam an Adele Stolte nicht vorbei. Was die gut zehn Jahre ältere Agnes Giebel im Westen war, ist sie im Osten gewesen. Vom einstige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur ist der Ausspruch überliefert: „Wenn sie erschien, ging die Sonne auf. Ich habe immer versucht zu ergründen, wie sie trotz ihrer großen Erfolge so einfach – natürlich und bescheiden – bleiben konnte. Ich glaube, dass sie selbst die starke Überzeugungskraft ihrer Interpretationen nie angezweifelt hat.“ Das ist gut beobachtet. Die Stolte singt mit großer Sicherheit und Genauigkeit. Bei ihr kommen zuerst die Noten, danach die Ausdeutung. Ihre Stimme hat perfekten Sitz. Sie mogelt sich nicht über heikle Stellen hinweg. Eine gründliche Ausbildung und ihr Begabung bewahrten sie von Risiken jeglicher Art. Nie sang sie über ihre Verhältnisse.

Um die Oper hat die am 12. Oktober 1932 im brandenburgischen Sperenberg geborene Pfarrerstochter, die schon frühzeitig mit Musik in Berührung kam, stets einen Bogen gemacht. Es sind keine Bühnenauftritte nachweisbar. Lediglich für eine in der deutschen Originalsprache gesungene Einspielung von Mozarts Bastien und Bastienne für das Label Eterna unter der Leitung von Helmut Koch ist sie neben Peter Schreier und Theo Adam zu hören – auch in den gesprochenen Dialogen, wobei sich vor allem bei den männlichen Solisten ein leichter sächsischer Akzent bemerkbar machte. Neben Bach-Kantaten im Rahmen der Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon ist diese Einspielung in der Bundesrepublik erschienen und hat sie auch dort bekannt gemacht. Als Solistin vor allem in den großen Chorwerken von Johann Sebastian Bach bereiste sie viele Länder. Bereits Ende der sechziger Jahre begann sie auch als Gesangslehrerin zu arbeiten. Ihre Stimme ist auf zahlreichen Plattenaufnahmen verewigt. Zuletzt hatte Berlin Classics in seiner Reference-Reihe Italienische Solokantaten von Georg Friedrich Händel aus dem Eterna-Katalog neu aufgelegt (0013972BC). Sie wurden 1970 mit Mitgliedern des Händel-Festspielorchesters Halle eingespielt. Dirigent war der damals achtundzwanzigjährige Thomas Sanderling, der bereits 1966 Musikdirektor in Halle geworden war und langsam aus dem Schatten seines berühmten Vaters Kurt Sanderling heraustrat. Stilistisch ist die schwungvolle Produktion noch der damals in Halle gepflegten DDR-Tradition verpflichtet. Adele Stolte starb am 26. September 2020 in Potsdam. Rüdiger Winter (Foto: Adele Stolte auf einer DDR-Eterna-LP aus dem 1960er Jahren)

  1. Henning Beil

    Ich habe diese bemerkenswerte Sopranistin mehrmals hören dürfen. Sie sang z. B.auch die beiden wunderschönen Szenen der Solveig im „Peer Gynt“. Ich finde, sie ist viel zu wenig bekannt. Der Vergleich mit Agnes Giebel ost wirklich treffend. die beiden haben jahrelang die Bach-Interpretationen entscheidend mitgeprägt. Sie sollten auf keinen Fall vergessen werden.

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