Teufel auch

 

Was für ein höllisches Spektakel! Und das nicht nur auf der Bühne, sondern auch, dort fast noch mehr, im Orchestergraben der Staatsoper Stuttgart. Dort hatte (am 16.Juni 2018Àlex Ollés (La Fura dels Baus) Sicht auf Arrigo Boitos Mefistofele als buntes Varieté-Spektakel Zweitpremiere. Die eigentliche Premiere dieser Koproduktion mit der Opéra de Lyon fand schon im Oktober vergangenen Jahres eben dort statt und wurde hier in operalounge bereits ausführlich en detail vorgestellt.

Für Ollé und sein Team (Alfons Flores, Bühne, und Lluc Castells, Kostüme) schien die Premiere in Stuttgart nicht mehr von allzu großer Bedeutung gewesen zu sein, sie waren ihr einfach fern geblieben. Selbst die für die szenische Einstudierung in Stuttgart Verantwortlichen, Susana Gómez und Tine Buyse, ließen sich beim Schlussbeifall nicht auf der Bühne sehen. Ollé war an diesem Abend, so erfährt man ganz klein gedruckt im aktuellen Beiblatt zum Programmheft, bereits in Tokio, wo er an Puccinis Turandot arbeitet. Er und sein Team hätten immer wieder betont, erklärt hier Opernintendant Viktor Schoner entschuldigend, wie leid es ihnen täte, bei der Premiere nicht dabei sein zu können. Na ja…

„Mefistofele“ an der Staatsoper Stuttgart/ Szene/Foto wie auch oben: Thomas Aurin

Und sie haben etwas verpasst, die Katalanen, denn musikalisch war dieser Mefistofele  eine Wucht. Daniele Calligari ließ es mit dem prächtigen Staatsorchester im Graben nicht nur richtig knallen und krachen, er legte auch Wert auf die vielen klangfarbenreichen Feinheiten von Boitos Partitur. Gespielt wurde die revidierte Fassung des Werks von 1875, denn die erste von 1868 war bei der Premiere an der Scala ganz einfach durchgefallen. Jetzt in Stuttgart legte sich der Staatsopernchor (Leitung: Manuel Pujol), ergänzt durch den begeistert mitmachenden Kinderchor (Leitung: Bernhard Moncado), vokal und darstellerisch so mächtig ins Zeug, als wolle er wieder mal „Opernchor des Jahres“ werden. In der Titelrolle glänzte Mika Kares mit seinem voluminösen, souverän geführten Bass, Olga Busuioc brillierte als Margherita und Elena mit verinnerlichten lyrischen und zugleich hochdramatischen Tönen, während der extrem kurzfristig eingesprungene Antonello Palombi als Faust stimmlich und vor allem auch darstellerisch eher gehemmt und unsicher wirkte. Zwei Mitglieder des Opernstudios (Christopher Sokolowski und Fiorella Hincapié) durften als Wagner/Nerèo und Marta/Pantalis punkten.

Àlex Ollé und sein Fura dels Baus-Team machen aus Boitos Mefistofele, dessen „Mangel an Empathie und Wildheit“ sie erforschen wollen, eine unterhaltsame, bildmächtige Revue auf einer Bühne, die der Technik des Hauses einiges abverlangt. Dafür Respekt und Kompliment, denn perfekt  heben und senken sich diverse schwere Bühnenteile. Dabei hängt im Zentrum ein gigantisches Metallgestell mit diversen Treppen und Podien, auf denen etwa lustig Walpurgisnacht gefeiert wird, auf denen aber auch  Margherita ihrem Tod auf dem elektrischen Stuhl entgegeneilt.

In diesem durchaus beeindruckenden Ambiente erinnern nur die deutschen Übertitel mit originalen Goethe-Zitaten an Faust I und Faust II, die Boito mutig beide zusammen in Opernform gebracht hat.  Ohne erkennbare Personenregie berühren allerdings weder Mephisto, noch Faust, noch Gretchen wirklich. Trotzdem viel Beifall und die Frage vieler Premierenbesucher: Wo sind eigentlich die Katalanen? Vielleicht hätte da der Intendant  sein „liebes Publikum“ schon vorab informieren sollen.     Hanns-Horst Bauer