Im Land der Träume

 

Wenig bekannt ist Bohuslav Martinus Oper Juliette (im Gegensatz zu seiner Griechischen Passion) — verdienstvoll also die Initiative der Staatsoper, das 1938 in Prag (in tschechischer Sprache als Julietta) uraufgeführte Stück im Schiller Theater vorzustellen. Dass Produktionsteam greift auf die ursprünglich in Französisch konzipierte Fassung nach dem Theaterstück Juliette, ou la Clé de songes von Georges Neveux zurück, die aber nicht realisiert wurde, so dass es zur Premiere in Prag kam. Die Lyrische Oper handelt von dem Pariser Buchhändler Michel, der auf der Suche nach einer Frau in eine kleine Stadt zurückkehrt, wo alle Menschen offenbar ihr Gedächtnis verloren haben. Weil er als Einziger sein Erinnerungsvermögen behalten hat, wird er zum Bürgermeister gewählt. Seltsame Personen begegnen ihm hier – zwei Araber, streitende Damen, ein Verkäufer von Erinnerungen, ein mysteriöser Kommissar… Endlich findet er Juliette, die ihn zu einem Gespräch in den Wald bestellt, wo noch weitere Herren auf sie warten. Es kommt zu einer erregten Auseinandersetzung, in deren Verlauf Juliette Michel verspottet – ein Schuss fällt, doch weiß Michel nicht, ob er ihn abgefeuert hat. Dem Todesurteil kann er durch eine List entkommen und findet sich im 3. Akt im Zentralbüro der Träume wieder. Alle Bittsteller dort, ob Bettler, Lokomotivführer oder Sträfling, haben nur den einen Wunsch – ihr Glück mit einer Frau namens Juliette zu finden. Vom Nachtwächter aufgefordert, den Ort zu verlassen, hört Michel Juliettes Stimme hinter der Tür. Wahnsinnig geworden, bleibt er in seinem Traumland zurück…

Martinus" Juliette" an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Martinus“ Juliette“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Dem Produktionsteam Claus Guth/Regie, Alfred Peter/ Bühnenbild und Eva Dessecker/ Kostüme ist es in faszinierender Eindringlichkeit gelungen, die surreale Stimmung der Handlung szenisch und optisch umzusetzen. Nach manch umstrittener Inszenierung ist dem Regisseur hier eine dichte und Maßstab setzende Arbeit geglückt.

Ein hoher heller Raum ist Patchwork-artig aus weißen und grauen Vierecken zusammengesetzt und atmet klaustrophobische Enge. Gleichwohl öffnen und schließen sich wie durch Zauberhand immer wieder Türen, Fenster, Schubfächer  und Kästen, die all den zwiespältigen Personen Gelegenheit bieten, zu erscheinen und wieder zu verschwinden. Zu Beginn sieht man Michel mit blutiger Hand zusammengekrümmt am Boden liegen und vom ersten Moment an zieht Rolando Villazón alle Aufmerksamkeit auf sich. Hinsichtlich des mimischen und gestischen Ausdrucks, der agilen, ja fast akrobatischen Körperlichkeit und der keinen Moment nachlassenden Intensität, die sich bis zu existentieller Verzweiflung steigert, ist dem Tenor mit dieser Interpretation ein veritables Glanzstück gelungen. Die inzwischen sehr baritonale Stimme war freilich auch am Abend des 2. 6. 2016 vor allem in der Höhe mehrfach gefährdet, klang häufig belegt und hatte kaum Chancen, sich gegen die kompakten Orchesterblöcke durchzusetzen. Doch wartete der Sänger, wenn Michel von der Erinnerung an Juliette singt, auch mit zärtlich-schwärmerischen Tönen auf. Und harmonisch mischte sich seine Stimme mit der von Magdalena Kozená in beider schwelgerischem Duett im 2. Akt. Mit ihrem obertonreichen Mezzo wird die Tschechin der Sopranpartie blendend gerecht und übertrifft für mich damit noch ihre Leistung als Mélisande. Die Stimme leuchtet, schillert in vielen Farben und meistert auch die Passagen in exponierter Tessitura mühelos. In der Frisur der 1930er Jahre und dem kapriziösen Spiel wirkt sie mondän und geheimnisvoll. Ihr leuchtend rotes Kleid ist optisch ein attraktiver Effekt, und vielfach taucht diese Farbe in der Aufführung auf – als Schal, Band oder in den Gewändern jener Damen, die Michel in einer Schublade aus der Wand zieht.

Martinus" Juliette" an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Martinus“ Juliette“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Den Wald im 2.Akt illustriert das überdimensional gewachsene Blatt einer Grünpflanze, die zuvor in ihrem bescheidenen Blumentopf kaum zu bemerken war. Die letzte Szene auf der leeren Bühne in Nebeldampf und gespenstischer Beleuchtung atmet eine besonders surreale Atmosphäre. Die in slow motion geführten Personen verstärken in ihrer somnambulen Aura diese Stimmung noch. Als Zuschauer verfolgt man das Geschehen mit atemloser Spannung.

Daniel Barenboim erbringt am Pult der Staatskapelle Berlin eine seiner überzeugendsten Leistungen. Er lässt die stark französisch beeinflusste Musik Martinus aufrauschen und flirren, setzt mit motorisch hämmerndem Schlagwerk deutliche Kontraste. Neben den beiden Protagonisten haben noch weitere Sänger, zum Teil in mehreren Rollen, ihren Anteil am großen Erfolg der Produktion: der Charaktertenor Richard Croft (Kommissar/Briefträger), der wohllautende Altus Thomas Lichtenecker (Kleiner Araber/Junger Matrose), der prägnante Bariton Wolfgang Schöne (Alter Araber/Alter Matrose), der markante Bariton Artu Kataja (Verkäufer von Erinnerungen/Bettler) und Elsa Dreisig mit feinem Sopran als Vogelverkäuferin und Handleserin. Die am Ende bejubelte Aufführung dürfte als der Höhepunkt der Berliner Opernsaison gelten (Foto oben: Martinus“ Juliette“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Monika Rittershaus ). Bernd Hoppe