Ein Gedanke jagt den anderen

 

Wenn ein deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt eigene Aufnahmen einem Label in England zur Verfügung stellt, was ist das? Im besten Fall kulturelle Globalisierung. Im schlimmsten Fall hat sich für Carl Loewes Klaviermusik in seinem Heimatland keine Firma gefunden. Wie dem auch sei, bei Toccata Classics mit Sitz in London ist jetzt als Volume Two Piano Music von Loewe (TOCC 0489) veröffentlicht worden – wieder mit Linda Nicholson am Klavier wie schon auf der Eröffnungs-CD der Serie (TOCC 0278). Die Engländerin spielt ihr breit angelegtes Repertoire, das vom Barock bis zu Frühklassik reicht, am liebsten auf Instrumenten aus der jeweiligen Zeit. Sie legt Wert auf Authentizität. Diesmal kommt ein Piano Erard, Paris 1839, zum Einsatz, bei Vol. One war es ein Instrument der berühmten Londoner Klavierbauer-Brüder Collard & Collard, das um 1850 entstand. Der Klang ist gelegentlich etwas trocken. Aufgenommen wurde 2017 wiederum im WDR-Funkhaus in Köln. Das Programm der neuen CD enthält drei Stücke – „Der Frühling. Eine Tondichtung in Sonatenform“, die „Biblischen Bilder“, die „Grande Sonate Brillante Es-Dur“ sowie die „Abendfantasie“. Die erste Produktion von 2012 bestand aus der „Zigeuner-Sonate“, der Tondichtung „Mazeppa“, der „Großen Sonate in E-Dur“ und der „Alpenfantasie“. Loewes Klaviermusik sprudelt über vor musikalischen Einfällen. Thema folgt auf Thema. Ein Gedanke jagt den anderen, so dass mitunter der Eindruck entsteht, Ausführung und Ausformung der einzelnen Themen kämen zu kurz. Das gilt auch für die großen Sonaten. Es spricht ein starker musikalischer Mitteilungsdrang aus dieser Musik. Sie prägt sich deshalb rasch ein und kann durchaus auch mal nebenbei gehört werden. Das richtet sich nicht gegen Loewe, das zeugt von seinem überbordenden Talent.

Wer sich mit den Balladen, die sein gewaltiges Hauptwerk bilden, auskennt, wird viele Ähnlichkeit feststellen. So würde es einen nicht wundern, wenn bei den „Biblischen Bildern“ plötzlich ein Sänger hinzuträte. Für seine Tondichtung „Mazeppa“, die mir am besten gefällt, braucht Loewe keine zehn Minuten. Er wurde durch die literarische Vorlage von Lord Byron inspiriert, die 1819 erschienen war – gut zehn Jahre bevor sich Loewe an seine Komposition machte. Liszt kam mit seiner sinfonischen Dichtung, die auf ein Gedicht von Victor Hugo zurückgeht, mehr als zwanzig Jahre danach. Tschaikowski beschäftigte sich mit dem Stoff noch viel später. Seine Oper, die einem Gedicht von Puschkin folgt, wurde 1884 uraufgeführt. Mazeppa, längst zum Hetman, also zum Führer des Kosakenheeres aufgestiegen, ist in die Jahre gekommen und liebt eine junge Frau, die seine Tochter sein könnte. Im Gegensatz zu Tschaikowski wenden sich Liszt und Loewe der legendenumwobenen, rasanten Vorgeschichte zu, die auch Maler zu dramatischen Gemälden inspirierte.

Mazeppa war als Page an den Hof des polnischen Königs Johann Kasimir gekommen, der auch über ukrainische Provinzen gebot. Er genoss das Vertrauen des Königs, wurde mit vielen Missionen betraut, schließlich aber hart bestraft, als er in sehr vertraulichem Umgang mit der Gattin eines einflussreichen Magnaten überrascht wurde. Dieser soll ihn nackt auf den Rücken seines eigenen Pferdes gebunden haben, das fortan durch die Steppe raste. Nach wenigen Tagen stirbt das Pferd, Mazeppa aber wird völlig entkräftet von Kosaken gerettet, zu deren Heerführer er aufstieg. Ähnlich Liszt, der dazu ein großes Orchester zur Verfügung hatte, schildert Loewe ausschließlich den verhängnisvollen Ritt. Das Klavier rast, dem Pferde gleich. Selbst dann, wenn sich die Musik dem Helden, seinen Gedanken, Nöten und Ängsten zuwendet, ist der Hintergrund von Unrast erfüllt. Es ist ganz erstaunlich, wie viel Dramatik und Bildhaftigkeit Loewe aus seinem Instrument herausholen kann – auch hier ganz der Geschichtenerzähler. Mir ist nicht bekannt, ob Loewe, der 46 Jahre seines Lebens als Organist, Kantor, Musikdirektor und Gymnasiallehrer in Stettin zubrachte, jemals die Alpen gesehen hat. Aus seiner „Alpenfantasie“ ist auch Sehnsucht und Aufbruch herauszuhören. Sie ist wie ein entschlossener Aufstieg angelegt – als wollte da einer mit großer Entschlossenheit und mit raschem Schritt aus seiner engen Welt ausbrechen und höher und höher hinauf, um dann auf halber Strecke aufzugeben – oder gar abzustürzen. Der Schluss ist abrupt und dadurch besonders wirkungsvoll. Mit beiden Toccata-Produktionen ist wieder ein Schritt getan, der Veröffentlichung aller gedruckten Werke Loewes auf Tonträgern näher zu kommen. Rüdiger Winter