„Ah, si la liberté…“

 

In Fortsetzung seines Zyklus von Opern aus der Zeit vor Mozart stellt Direktor Meyer nach Händels Alcina (2010) und Glucks Alceste (2012) nun neuerlich eine Gluck-Oper, nämlich Armide, zur Diskussion. Ich habe es schon anlässlich meiner Anmerkungen zum Spielplan dieser Saison festgehalten, dass ich nicht ganz verstehe, warum man sich wieder für ein Werk dieses Komponisten entschieden hat, zumal hier das Engagement eines Originalklangensembles nicht wirklich notwendig ist. Nicht, dass ich etwas gegen die Musiciens du Louvre hätte, aber Gluck war der große Reformator der Oper und kann problemlos auch von einem „modernen“ Orchester gespielt werden. Stattdessen ein Werk Monteverdis – entweder neuerlich die Poppea oder den Ulisse – ins Repertoire zu nehmen, wäre sinnvoller gewesen.

Glucks "Armide" an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto © MICHAEL PÖHN

Glucks „Armide“ an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto © MICHAEL PÖHN

Die Geschichte von der Zauberin Armida, die den Kreuzritter Rinaldo liebt, basiert auf dem 1575 entstandenen Epos „La Gerusalemme liberata“ von Torquato Tasso und hat im 18. und 19. Jhd. eine Vielzahl von Komponisten für eine Oper inspiriert. Die bekanntesten Vertonungen sind von Joseph Haydn und Gioachino Rossini und – bereits im 20. Jhd. – von Antonin Dvorák.

Die nunmehrige Produktion in der Staatsoper – erstmals in französischer Sprache – ist die erste seit 124 Jahren und ist nicht unproblematisch, was in erste Linie – leider wie so oft – an der Inszenierung liegt. Der Regisseur Ivan Alexandre sagt zwar in einem Interview im Programmheft manch Gescheites, setzt aber kaum etwas davon um. Das beginnt schon bei seinem Grundgedanken. Bei ihm ist Armide keine Frau oder gar Zauberin, sondern ein als Frau verkleideter muslimischer Solda,t der gegen die Kreuzritter als Sexfalle eingesetzt wird. Allerdings, wenn man es nicht vorher gelesen hätte, käme man nicht drauf. Das Ganze spielt in einem Einheitsbühnenbild, das nichts über den Schauplatz der Handlung aussagt. Ist es ein Gefängnis oder eine Industrieruine – man weiß es nicht. Es ist ein Eisengerüst mit zahlreichen Treppen, das auf der einen Seite rostig – das stellt laut Herrn Alexandre den Krieg dar – und auf der anderen Seite goldfarben (laut Regisseur die Magie) ist. Die einzelnen Teile dieses Gerüstes lassen sich beliebig verschieben. Verantwortlich dafür war Pierre André Weitz, auf dessen Konto auch die zeitlos faden Kostüme gehen. In jedem Fall war meine erste Reaktion nach dem Aufgehen des Vorhangs: „Ach wir originell!“ Eine wirkliche Personenregie war nicht vorhanden und erschöpfte sich in koventionellen Auftritten und Abgängen. Das Ballett (Choreographie: Jean Renshaw) waren eher turnerische Freiübungen denn Tanz.

Glucks "Armide" an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto © MICHAEL PÖHN

Glucks „Armide“ an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto © MICHAEL PÖHN

Musikalisch konnte man schon mehr zufrieden sein. Die Musik Glucks ist durchaus interessant, auch wenn sie nach meinem Empfinden an Dramatik hinter die Alceste oder die Iphigenien zurückfällt. In jedem Fall wurde der Orchesterpart von den Musiciens du Louvre unter ihrem Gründer und Chef Mark Minkowski interessant realisiert. Man könnte natürlich anmerken, dass manches etwas weicher hätte klingen können und auch die Lautstärke etwas zu hoch war. Trotzdem wurde man irgendwie aber den ganzen Abend das Gefühl nicht los, dass unser Orchester besser gewesen wäre.

In der Titelrolle hörte man die für Wien neue Gaelle Arquez, die über eine wunderbar lyrisch-dramatische Mezzo-Stimme verfügt. Sie vermag die Gefühlsregungen der Rolle sehr differenziert darzubringen und bringt auch die notwendige Persönlichkeit für eine interessante Gestaltung mit. Ebenfalls neu für Wien war der Renaud des Stanislas de Barbeyrac und auch er konnte gefallen. Er verfügt über eine interessant timbrierte Stimme mit einem heldischen Kern, die er durchaus passend einsetzt. Allerdings ließ im Laufe des Abends die Kraft nach. Darstellerisch war er, soweit es die Inszenierung zuließ, präsent. Die übrigen Rollen konnten aus dem Ensemble besetzt werden und hier ist in erster Linie Stephanie Houtzeel als La Haine lobend hervorzuheben, denn sie sang diese Partie mit schön fließendem Mezzo. Broer Magnus Todenes, ein neues Ensemblemitglied seit dieser Saison, war als Artémidor und Dänischer Ritter ebenso zufriedenstellend wie Olga Bezsmertna und Hilla Fahima als Armide’s Dienerinnen und Gabriel Bermudez als Ubalde. Paolo Rumetz als Hidraot klang etwas raustimmig. Der Gustav Mahler-Chor (Einstudierung Thomas Lang) entledigte sich seiner Aufgabe zufriedenstellend, wobei man sich schon fragt, warum das nicht der hauseigene Chor machen kann.

Am Ende viel Jubel für Dirigent, Orchester und die Solisten und überraschenderweise nur wenige Buhs für den Regisseur (Premiere-Staatsoper, 16.10.2016). Heinrich Schramm-Schiessl (Mit freundlicher Genehmigung des Online-Merker www.der-neue-merker.eu)