Á la Malibran

Der Traum von einem antiken Theater verwirklichte Andrea Palladio in Vicenza mit dem Teatro Olimpico, das 1585 vollendet wurde. In den Settimane Musicali al Teatro Olimpico, die 1992 von dem Dirigenten Giovanni Battista Rigon gegründet wurden, werden oft aussergewöhnliche Aufführungen gegeben. Ganz neu ist jetzt bei Bongiovanni eine DVD von Donizettis Don Pasquale erschienen (AB 20026). Was ist so außergewöhnlich an dieser Aufnahme? Rigon rekonstruierte die für Aufführungen in Sankt Petersburg veränderten Noten wie sie 1845 von der berühmten Mezzosopranistin Pauline Viardot gesungen wurden. Die Primadonna erlaubte sich auch an Stelle von Donizettis Schlussrondo ein Walzerrondo aus Michael Balfes The Maid of Artois zu singen, eine damals beliebte Melodie, die der Viardot besser gefiel.

Vor der prachtvollen Kulisse des Teatro Olimpico lässt der Regisseur Francesco Bellotto die Protagonisten dieses dramma buffo munter agieren. Don Pasquale ist hier ein dicklicher Museumsdirektor, umgeben von Venusstatuen, die er energisch vor jugendlichen Kunstbanausen schützt. Der junge Tunichtgut Ernesto muss erst die Ohrstöpsel entfernen, ehe er die Heiratspläne seines Onkels versteht. Der schlitzohrige Dottore Malatesta passt altersmäßig besser zu Ernesto als zu seinem ältlichen Patienten.

Überragender Star der Aufführung ist Lorenzo Regazzo in der Partie des Don Pasquale.  Regazzo ist ein sonorer basso cantante, bestens vertraut mit der Technik des Belcanto. Er besitzt eine kraftvolle farbige Stimme mit eleganter Eloquenz. Mühelos meistert er die schnellen Passagen in “Chieti, chieti, immantinente”. Im Mitleid erregenden Zusammenbruch überzeugt er noch durch schmerzliche Tonschönheit. Regazzo  ist zudem ein glänzender Sängerdarsteller, der alle Facetten vokaler wie schauspielerischen Differenzierungen beherrscht. Gabriele Nani gibt einen jungen Dottore, der mit mimischer Ausdruckskraft seines elegant geführten Baritons ein böses Spiel mit dem Alten treibt. Im berühmten Duett im 3. Akt ist sein temporeiches Parlando Regazzo ebenbürtig. Ernesto wird von Emanuele D´Aguanno mit höhensicherem,klaren Tenor gesungen.

Statt eines zwitschernden Koloratursoprans hat Rigon in Erinnerung an Pauline Viardot einen Mezzo für die Partie der Norina gewählt und dafür auch die  Noten einiger Teile der Partitur transponiert. Federica Carnevale singt die kokette Witwe mit wandlungsfähiger, agiler Stimme. Den Ton der angeblich schüchternen Klosterschülerin trifft sie ebenso sicher wie das selbstbewusste “So anchío la virtu magica”.In Balfes Schlussrondo zieht sie alle Register ihres volltönenden Mezzos.

Maestro Rigon führt dieaufmerksam musizierenden Musiker des Orchestra di Padova e del Veneto mit leichter Hand. Schwungvolle Italianità wechselt mit zarten lyrischen Szenen ab. Der Coro Dodecantus fügt sich schönstimmig in das turbulente Geschehen ein.

Julia Poser