Zum Hundertsten

 

Astrid Varnay war meine erste Brünnhilde. Nicht auf der Bühne. Sondern auf der Schallplatte. Schon in ganz jungen Jahren hatte ich mir die Reclam-Texthefte der Werke Wagners vom knapp bemessenen Taschengeld im Jenaer Antiquariat gekauft. Für ein paar Groschen. Einige waren noch in Fraktur gedruckt. Also eignete ich mir das altmodische Schriftbild an. Ich las und las und verstand trotzdem nicht alles. Tagelang brütete ich über der Götterdämmerung. Was bedeutete das bloß? Es gab noch kein Internet, das rasch zu befragen gewesen wäre. Der Vierzehnjährige (ich) blieb sich seiner Phantasie überlassen. Enttäuscht war ich, dass dieses Werk nicht mit einem gigantischen Schlusschor schloss, sondern nur mit dem nicht enden wollenden Gesang der Brünnhilde. Wie würde das wohl klingen?

Meine erste Wagnerplatte war das auf einen Querschnitt mit eigenen Übergängen zusammengedampfte Rheingold unter Rudolf Kempe. Musste ich mir so prachtvoll wie den Gewitterzauber und den Einzug der Götter in Walhall das Ring-Finale musikalisch vorstellen? Der Zufall wollte es, dass ich bald an Peter, einen Studenten der Theologie, geriet. Wir kamen auf Musik, auf Wagner. Und schon zog er eine Platte hervor: „Starke Scheite schichtet mir dort“ und „Heil dir Sonne“. Das war eine Offenbarung, eine Initialzündung. Nur einmal erlebt man das so in seinem Leben. Meine Liebe zu Wagner und ganz allgemein zur Musik ging in starkem Maße von dieser Platte aus. Wie sich die Stimme mächtig erhob, über dem Orchester triumphierte, gegen das Feuer warf und schließlich mit feierlicher Geste darin verstummte. Endlich hatte ich auch begriffen, was Götterdämmerung bedeutete und, dass dieser Gedanke auch eine starke musikalische Komponente hat. Die Varnay konnte ihn mir vermitteln. Mehr noch. Sie brachte die Texte, die ich zuerst auswendig gelernt hatte, zum Klingen, versah sie mit einer völlig neuen Dimension. Seither habe ich sie nie mehr nur rein literarisch lesen können wie ein Stück von Ibsen, Hauptmann oder Lessing. Mit der Varnay im Ohr wandelten sie sich immer in Töne.

Mit der Zeit traf ich zwar auf schönere Stimmen. Wahrhaftigkeit im Ausdruck aber hatte mich die Varnay gelehrt. Deshalb fand ich nie Gefallen an technisch geschulten Stimmen mit perfektem Sitz, traumwandlerischer Sicherheit und Glanz. Gesang muss mitteilen, Text und Melodie glaubhaft machen können. Geschichten erzählen, deuten, Worte und Gesten auslegen. Mir scheint, die Varnay hat immer gewusst, was sie singt. Im Vergleich mit der um sechs Jahre älteren Martha Mödl dringt sie nicht ganz so tief in die Figuren vor. Sie bleibt immer eine Spur allgemeiner. Wenn die Mödl auf der Bühne stirbt, wird die Varnay allenfalls ohnmächtig. Beide unterhielten ein herzliches Verhältnis, frei von Konkurrenzneid. Sie duzten sich. Und nicht nur einmal schwärmte die Varnay von der magischen Tiefe der Kollegin und nannte sie eine „Operntragödin reinsten Wassers“.

Astrid Varnay kam am 25. April 1918 in Stockholm zur Welt. Dort waren ihre Eltern, gebürtige Ungarn, als Sänger engagiert. 1920 siedelte die Familie nach New York um. In ihren Memoiren „Hab mir‘s gelobt“, die 1997 im Henschel Verlag Berlin erschienen sind, ist alles nachzulesen. Die Sängerin erzählt genau, atmosphärisch dicht und unterhaltsam. Für mich gehört dieses Buch, das eine neue Auflage verdiente, zu den besten seiner Art, weil ihr eigenes Leben mit den Ereignissen der Zeit und mit den Erinnerungen an namhafte Kollegen verwoben ist. Der Titel greift ein Zitat der Marschallin aus dem Schlussterzett des Rosenkavalier auf. Hugo von Hofmannsthal, der Textdichter von Strauss, ist eine unversiegbare Quelle für in Worte gefasste Lebensweisheiten. Die Varnay hat selbst die Marschallin gesungen, 1953 an der Met und auf einer der üblichen Rundreisen des Ensembles durch die amerikanischen Bundesstatten. Sie war eine ihrer wenigen Rollen außerhalb des Wagner-Fachs in den USA. Ein Mitschnitt von 1953 hat sich erhalten, der es aber mit anderen berühmten Marschallinen nicht aufnehmen kann.

Die Memoiren von Astrid Varnay sind im Henschel Verlag Berlin erschienen (ISBN 3-89487-267-5). 

Was bleibt von der Varnay in ihrem virtuellen hundertsten Jahr? Die schon erwähnte Platte, die eine meiner Lieblingsplatten geblieben ist, hat längst den Weg auf CD gefunden. Aufgenommen zwischen 1954 und 1955 im Münchener Herkulessaal, wird das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk von Hermann Weigert, dem Ehemann der Sängerin geleitet. Noch in den USA hatte er mit ihr, die gerade mal zwanzig war, das gesamte, für sie infrage kommende Wagner-Repertoire erarbeitet. 1944 wurde geheiratet. Weigert hatte frühzeitig die Möglichkeiten erkannt, Opernmusik mithilfe von Tonträgern zu den Menschen in ihre eigenen vier Wände zu bringen. So war er bereits Ende der 1920er Jahre maßgeblich daran beteiligt, im Rahmen der Electrola-Edition „Heimbühne“ Opern in Kurzform auf Schelllackalben zu pressen. Weigert war nicht der begnadetste Dirigent, dafür aber ein umtriebiger Organisator, Manager und Lehrer, ohne den die Karriere seiner Frau ganz anders verlaufen wäre. Studioeinspielungen stehen in der Diskographie der Varnay nicht in der umfangreichsten Abteilung. Zu erwähnen sind noch die Todesverkündigung aus der Walküre, besagtes Siegfried-Finale, der Prolog aus der Götterdämmerung „Zu neuen Taten, teurer Helde“ sowie große Szenen aus Tristan und Isolde. Immer ist Wolfgang Windgassen ihr Partner, mit dem sie auch sehr oft auf der Bühne gestanden hat. Von der Varnay zu reden, das schließt Windgassen ganz automatisch mit ein. Obwohl beider Stimmen diametral sind – hier die mitunter wild auffahrende Hochdramatische, dort der eher lyrische Windgassen – geben sie letztlich dennoch ein Paar ab, das mehr durch Professionalität als durch natürliche stimmliche Übereinstimmungen zusammen findet. Sie konnten sich aufeinander einstellen und setzen sich nicht durch Alleingänge vom jeweils anderen ab. Beide waren das, was heute als Teamplayer gilt.

Die Astrid-Varnay-Box bei der Deutschen Grammophon

Die Deutsche Grammophon hatte die Wagner-Aufnahmen, wozu auch die Wesendonck-Lieder und Beethovens Konzertarie Ah! Perfido“ gehören, ergänzt um einige Szenen aus Opern von Verdi – Un ballo in Maschera und La Forza del destino – in einer handlichen Edition aus drei CDs herausgebracht, die noch immer zu haben ist (474 410-2). Verdi liegt der Varnay weit weniger als Wagner. Er gerät zu scharf, ohne Italianità. Allenfalls die Lady Macbeth, die live vom Maggio Musicale Florenz in der Originalsprache (1951) und aus dem Studio des Westdeutschen Rundfunks (1954) in Deutsch überliefert ist, kann sie durch Gift und Galle in der Stimme glaubhaft machen. Den stärksten Eindruck hinterlässt sie in ihren vielen Mitschnitten. Im Studio vor dem Mikrophon muss sie sich zu sehr zügeln und zurücknehmen. Obwohl ihre Disziplin als Künstlerin anerkannt ist, beim Singen braucht sie die Freiheit der Bühne. Dort habe ich sie leider nicht erleben können. Ich war zu jung, und die Varnay trat in der DDR, wo ich wohnte, nur Anfang der Sechziger einmal als Isolde in Dresden auf, vor meiner aktiven Opernzeit. Wer aber ihrer Vorstellungen besuchte, wurde – wie mir alle versicherten – von ihrer Bühnenpräsenz, ihrer Gestaltungskraft und der hoch individuellen Stimme mitgerissen, die über schier endlose Reserven gebot. Die Liveaufnahmen vermitteln davon nach übereinstimmender Aussage von Zeitzeugnissen einen starken Eindruck. Ihre Domäne war und blieb jedoch Richard Wagner. Schon 1951 bei den ersten Bayreuther Festspielen nach dem Zweiten Weltkrieg war sie als Brünnhilde im Ring des Nibelungen dabei. Ihre letzte Vorstellung – ebenfalls in dieser kräftezehrenden Rolle in der Götterdämmerung – sang sie am 23. August 1967.

Diese Walküre gehört zum ersten Ring-Zyklus, der 1955 im Bayreuther Festspielhaus in Stereo mitgeschnitten wurde. Er ist bei Testament erschienen (SBT4 139).

Das war eine der Vorstellungen, in denen mit der Varnay, die mit Birgit Nilsson alternierte, Martha Mödl als Waltraute und Ludmila Dvorakova als Gutrune, Anja Silja als Dritte Norn und Helga Dernesch als Wellgunde gleichzeitig fünf Brünnhilden auf der Bühne standen. So etwas war seinerzeit nur in Bayreuth möglich. Offiziell sind nunmehr Ortrud (Teldec 1953 und Philips 1962), Senta (Teldec und Orfeo 1955, Brünnhilde in der Götterdämmerung (Testament 1951) sowie komplette Ringe (Testament 1955, Orfeo 1953 und 1956) auf CD erschienen. Der dritte Aufzug der Walküre aus dem von Herbert von Karajan geleiteten ersten Nachkriegs-Ring erschien bei EMI. Hinzu kommen zahlreiche Mitschnitt bei Labels, die nicht den offiziellen Segen der Festspielleitung fanden, die aber den Ruhm der Sängerin schon frühzeitig auf LPs und CDs in alle Welt trugen. Als Besonderheit muss der Ring von 1955 herausgestellt werden, weil er – wie der Holländer aus demselben Jahr – in Stereo ist. Decca war damals mit der neuesten Technik angereist und hatte zunächst die Absicht, den Mitschnitt offiziell herauszubringen, sich dann aber für die Studioproduktion in London unter Georg Solti entschieden. Teldec (damals der deutsche Arm der Decca) hingegen schnitt den Holländer ebenfalls mit und brachte ihn ärgerlicherweise in Mono heraus, obwohl ja die Stereo-Bänder vorlagen, wie man auf den sehr viel später nun in England erschienenen Decca-Billig-LPs erfuhr. Testament holte die Ring-Bänder aus dem Decca-Archiv, restaurierte sie und überraschte damit 2006 eine staunende Öffentlichkeit. So packend, so dramatisch, ja rauschhaft hatte die Ring-Musik aus dem verdeckten Orchestergraben in dieser Phase der Festspiele bisher nie geklungen. Auch die Sänger schienen leibhaftig aus den Lautsprechern herauszutreten. Das Drama vollzog sich plötzlich im Wohnzimmer jener Sammler, die sich die Anschaffung der viel gepriesenen Editionen gönnten. Wenig später legte Testament nach und brachte aus dem zweiten Aufführungszyklus von 1955 ebenfalls in Stereo Walküre und Götterdämmerung heraus. Diesmal blieben mehr Bühnengeräusche bewahrt, was die Authentizität verstärkte. Die Varnay wechselte sich mit der Mödl als Brünnhilde ab und übernahm die Sieglinde, die ihr darstellerisch wie stimmlich nicht mehr so lag, sowie die Dritte Norn, mit der sie ebenfalls besetzt war.

Dabei ist Sieglinde ihre Schicksalspartie. Die junge Elevin war mir gerade mal 22 Jahren nach einem sehr erfolgversprechenden Vorsingen an die Metropolitan Opera engagiert worden, was ohnehin eine Ausnahme darstellte. Noch vor ihrem offiziellen Debüt als Elsa rettete sie am 6. Dezember 1941 eine Aufführung der Walküre, indem sie für die erkranke Lotte Lehmann, einen Weltstar, einsprang. Durch die Radioübertragung erlangte sie auf einen Schlag Berühmtheit. Ein neuer Stern am Opernhimmel war aufgegangen. Die Geschichte wurde oft erzählt worden. Auch ihre Memoiren beginnt die Varnay damit. Der Radio-Mitschnitt dieser Vorstellung wurde bisher aber nie offiziell auf den Markt gebracht. Dabei hat er durch das sichere und leidenschaftliche Auftreten der Debütantin, die bis dahin niemand kannte, seine ganz eigenen musikhistorischen Qualitäten.

Diese Schallplatte der Deutschen Grammophon mit den Schlussszenen aus Siegfried und Götterdämmerung trug erheblich zum Ruhm von Astrid Varnay bei.

Wenngleich es möglich gewesen wäre, sind aus der Glanzzeit der Varnay keine Filmdokumente überliefert. In dieses Manko teilt sie sich mit vielen Sängerkollegen ihrer Generation. Wir sind auf Beschreibungen ihrer Bühnenpräsenz angewiesen – und auf Fotos. Am meisten zitiert wird noch heute der Künstlerische Leiter der Bayreuther Festspiele Wieland Wagner. Auf seine leeren Bühnen angesprochen, sagte er: „Wozu brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich Astrid Varnay habe.“

Dafür gibt es aus ihrer späten Phase, in der sie einen altersbedingten Fachwechsel vollzogen hatte, gleich mehrere Produktionen (und einige optische Dokumente auch bei youtube). Aus der Salome war inzwischen die Herodias, aus der Elektra die Klytämnestra geworden. Der Regisseur Götz Friedrich hatte sie 1974 und 1981 für die Verfilmungen der Einakter für die Deutsche Grammophon geholt – musikalisch betreut von Karl Böhm. Beide Charaktere sind als morbide, dem Verfall preisgegebene Endzeitgestalten angelegt. Mit den Resten ihrer Stimme macht sie dieses Konzept durchaus glaubhaft und scheut sich nicht, das eigene Alter erbarmungslos zur Schau zu stellen. Was in einer Vorstellung auf großer Bühne gut und richtig sein kann, muss im Fokus der Kamera noch lange nicht funktionieren. Friedrich und mit ihm seine singenden Darsteller – ausgenommen Teresa Stratas als Salome – tragen zu dick auf und neigen dazu, ihre Rollen zu überzeichnen. Insofern wirken die Filme auf mich trotz ihrer größeren Nähe zur Gegenwart historischer als manche Tonspur, die dreißig Jahre früher aufgezeichnet wurde. Rüdiger Winter

Das große Foto oben ist ein bearbeiteter Ausschnitt des Coverbildes der EMI-Dacapo-Langspielplatte (Lauterwasser): Astrid Varnay als Brünnhilde dar. Auf der LP finden sich auch noch die Hallenarie und der Liebestod unter George Sebastian sowie Elsas Traum und die Szene der Kundry „Ich sah das Kind“ unter Hermann Weigert. Beide Male spielt das Philharmonia Orchestra London. Eine CD-Neuauflage bei Warner wäre begrüßenswert.