VERA SCHLOSSER

 

Unser Leser Sandro Wilhelm  erinnert an Vera Schlosser: Im Alter von 90 Jahren starb die Schweizer Sopranistin Vera Schlosser am 22. November 2018 im schweizerischen Rapperswil. Sie war bis 1969 zwölf Jahre fest im Zürcher Opernhaus-Ensemble und einer der ganz großen Publikumslieblinge. Ihr breites Repertoire umfasste das ganze lyrische Deutsche und Italienische Fach. Was hatte sie für eine schöne, runde, klangsatte Stimme! Was für ein unverkennbares Timbre! Was für einen Seelenton! Ein typisch deutscher, blonder Sopran von großer Wärme und Innigkeit. Die ältere Generation kommt noch heute ins Schwärmen. Man ging in die Zürcher Oper, weil „die Schlosser“ sang. Wenige Aufnahmen von ihr sind überliefert. Man kennt sie natürlich als Soltis Gerhilde im Decca-Ring. Und bis auf ein paar wenige, offizielle Einzelaufnahmen auf LP für Bücherclubs, die es nie auf CD geschafft haben, kursieren unter Sammlern einige Live-Mitschnitte. Sie war tüchtig beim Schweizer Rundfunk und spielte bei der Berner Radiooper anfangs der sechziger Jahre neben Suchons Katrena einige obskure Opern ein. Auch gibt es eine Carmen-Micaela, eine Penthesilea-Prothoe und den vielleicht schönsten Mitschnitt, eine Butterfly aus Zürich aus den 60er Jahren, alles Aufnahmen, die ihre Fans damals heimlich mitgeschnitten haben.

Vera Schlosser wurde 1929 im tschechischen Karlsbad geboren, floh dann aber als Sudetendeutsche 1946 nach Regensburg. Mit 21 Jahren debutierte sie in Regensburg als Desdemona. Sie blieb dort einige Jahre Ensemblemitglied und wurde 1953 nach Wiesbaden berufen. Anfang der 50er Jahre sang sie zusammen mit Liane Synek im Chor der Bayreuther Festspiele. Zur Synek, dem damaligen spinto und der später führenden Hochdramatischen in Wiesbaden, verband sie eine lebenslange Freundschaft. In Wiesbaden lernte sie ihren ersten Mann kennen, den deutschen Fernsehregisseur Ekkehard Böhmer (älteren Zuschauern noch von Shows mit Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Alexander bekannt). Die Ehe dauerte jedoch gerade mal drei Monate, denn Schlosser lernte im Wiesbadener Ensemble den Bassisten Manfred Jungwirth kennen. Die Affäre mit ihm zog Kreise und war dann der Grund, dass beide Sänger aus Wiesbaden entlassen wurden. Schlosser ließ sich von Böhmer scheiden, ging nach Zürich ins Festengagement, und Jungwirth gastierte ebenfalls oft und gerne in Zürich. Doch auch diese Ehe war nicht von Dauer. Schlosser war berühmt für ihr großes Temperament und ihre Leidenschaftlichkeit. Sie fühlte sich eingeengt und trennte sich nach nur vier Jahren auch von Manfred Jungwirth.

Die Jahre in Zürich waren ihre glücklichsten. Sie war auf dem Zenit ihrer Kunst, war Zürichs Publikumsliebling, eine schöne, temperamentvolle Frau, die gerne auch exzessiv zu leben wusste. Sie sang in Zürich die ganzen Partien ihres Fachs. Immer wieder sagte sie, dass ihre beiden liebsten Jenufa und die Marie/Verkaufte Braut waren. Ihre große Karriere spielte sich jedoch bis auf einige internationale Gastauftritte im Zürcher Opernhaus ab. Der für sie persönlich schönste und auch witzigste Opernabend, wie sie immer wieder betonte, war eine Carmen-Vorstellung mit Giuseppe di Stefano und Marta Rosé als Gäste, in der di Stefano deutsch, Rosé italienisch und Schlosser auf deutsch sangen. In den sechziger Jahren war in Zürich James McCracken mit seiner Frau Sandra Warfield ebenfalls im Zürcher Ensemble. Nello Santi war auch damals schon für das italienische Fach zuständig und wollte immer wieder die Schlosser haben. Otello mit McCracken, Tito Gobbi und Vera Schlosser waren weitere Höhepunkte. Jahre danach erinnerte sich Nello Santi noch an Vera Schlosser und kam ins Schwärmen. Santi, der zu Kontrollzwecken schon in den frühen sechziger Jahren viele seiner Vorstellungen aus der Loge mitschneiden ließ, soll auch das Band dieses Otello besitzen. Mehrmals hat Vera Schlosser versucht es zu bekommen. Leider erfolglos.

Rudolf Kempe ermutigte sie einen Schritt weiter zu gehen, das Fach leicht zu erweitern und die Chrysothemis zu wagen. Sie bekam  die Partie nur sehr schwer in den Griff und meinte immer, die Chrysothemis wäre wohl die größte stimmliche Herausforderung ihres Lebens gewesen. Ihre grosse und schöne Zeit dauerte nur gerade 12 Jahre. Schlosser, eine Gesellschaftsfrau par excellence, schön, begehrenswert, großzügig und leidenschaftlich, lebte wohl etwas allzu exzessiv. Um 1970 begann die Krise. Die Stimme sprang nicht mehr so an wie sie sollte, das Lampenfieber, das ihr schon seither zu schaffen machte wurde dadurch intensiver, und bei einem Lohengrin markierte sie ihre Partie während der ganzen Probenphase bis und mit zur Generalprobe. Mit großer Überwindung und Anstrengung sang sie dann die Vorstellung. Die Auftritte als Elsa in Basel waren ihre letzten und danach ging’s einfach nicht mehr. Die Stimme versagte.

Als Ensemblemitglied mit nur wenigen Gastiermöglichkeiten hatte sie kaum Möglichkeiten etwas anzusparen. Sie musste sich mit gerade mal 40 Jahren neuorientieren und auf Arbeitssuche gehen. Sie arbeitete zuerst in einer Fabrik, später dann bei Musik Hug in Zürich in der Administration. Immer wieder wurde sie ermutigt auch zu unterrichten. Die letzten Jahre lehrte sie hauptsächlich  privaten Gesangsschülern Interpretation, Phrasierung und Stil und wurde auch von der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene in Zürich als Gesangspädagon verpflichtet.

In dritter Ehe heiratete sie den Schauspieler Hans-Joachim Frick. Der gemeinsame Sohn kam mit nur 21 Jahren bei einem Militärunfall ums Leben. Danach folgten weitere Schicksalsschläge. Die dritte Ehe zerbrach, und die vierte Ehe mit dem Chortenor Gerhard Cifrain brachte sie an den Rand des Ruins. Schlosser musste ihr Haus verkaufen, in eine kleine Wohnung nach Rapperswil ziehen. Es folgten Einsamkeit und Krankheit. Krebs, Tumor… Nach längerem Leiden wurde sie mit fast 90 Jahren am 21. November 2018 erlöst (Foto oben: Vera Schlosser als Butterfly in Zürich/ Foto Opernhaus Zürich). Sandro Wilhelm