Untergang einer Berliner Institution

 

In der Neujahrsnacht hatte man per Internet nur von einem „Brand in einem Musikgeschäft in Neukölln“ gehört und noch gedacht: “Na, hoffentlich nicht Musik-Bading“, dabei lag es auf der Hand, denn welches Musikgeschäft sollte es denn im in ganz Deutschland berüchtigten Nord-Neukölln noch geben außer diesem, allen musikinteressierten Berlinern bekanntem. Bote & Bock und Musik-Riedel, einst in der Stadtmitte angesiedelt, gibt es längst nicht mehr in der alten Form und Musik-Bading nur, weil das Haus in der Karl-Marx-Straße 186 der Familie Bading gehört und man so vor einer Erhöhung der Ladenmiete sicher war.

Dann war zwei Tage lag nichts zu hören und zu lesen, und erst am 4. Januar berichteten die Berliner Tageszeitungen von dem Brand, den ein randalierender Mob, die Angaben schwanken zwischen 50 und 100 Personen, kurz nach Mitternacht gelegt hatte, indem wohl eine Tür eingeschlagen und Pyrotechnik in das Geschäft geworfen worden war.

Im kommenden Jahr hätte das Traditionsgeschäft, eines der wenigen, das in der früher beliebten Geschäftsstraße noch nicht wie Buchhandlung, Lederwarengeschäft oder Konditorei unzähligen Matratzenlagern, Dönerbuden oder Handygeschäften gewichen war, seinen hundertsten Geburtstag feiern können, und kaum weniger Jahre zählte das Personal, das sich trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage nach dem Siegeszug der Elektronikgroßmärkte darum bemühte, das Geschäft offen zu halten: die 94jährige Tochter des Firmengründers, Brünnhilde Schibille, ihre Schwägerin Liane Bading und das Faktotum Dieter Götze, auch längst im Rentenalter.

Musik-Bading in den Fünfzigern/ Trauerzug für Erich Badings Beerdigung 1952/ die Neuköllner Karl-Marx-Strasse

Die Badings sind eine alteingesessene Rixdorfer Familie. Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, hatte den Müller Bading dorthin aus dem Brandenburgischen  geholt, die Badings waren tüchtige Leute, erwarben als Schmiede und Landwirte Grundstücke in der Gründerzeit. Sie waren aber auch musisch begabt, spielten Klarinette, einer wurde sogar Erster Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern, zwei andere beim Leipziger Gewandhausorchester. Erich Bading, der zunächst hatte Opernsänger werden wollen, kehrte verwundet aus dem 1. Weltkrieg zurück und erinnerte seinen Vater an dessen Versprechen, ihm das Haus in der damaligen Bergstraße (jetzt Karl-Marx-Straße) für eine Musikalienhandlung zu überlassen, falls er aus dem Krieg zurückkehren würde. So musste die Kneipe aus dem Erdgeschoss weichen, im Keller wurden im Verlauf der Jahre Vorführräume mit bequemen Sesseln und Sofas und mit Samt ausgeschlagen geschaffen, wo die potentiellen Käufer von Tonträgern, mit Getränken und Snacks verwöhnt, die neuesten Aufnahmen hören konnten. Außer diesen führte das Geschäft Noten, Instrumente, Büsten und Bilder von Komponisten und alles an Kleinmaterial, was ein Musiker braucht. Es gab bis in die Sechziger eine Theaterkasse, Bading betrieb zeitweise auch eine Konzertagentur und veranstaltete Opernaufführungen und Konzerte in der Neuen Welt in der Hasenheide (3000 Plätze – heute ist dort ein Baumarkt). Dies nicht etwa mit zweitrangigen Kräften, sondern u.a. mit den Berliner Philharmonikern. Befreundet war Erich Bading u.a. mit Leo Blech und Arthur Nikisch, im Treppenhaus hingen signierte Fotos von diesen und von Sängern wie Frida Leider und Peter Anders, von Wilhelm Furtwängler und Giacomo Puccini. Eine Verkäuferin ließ sich zur Pianistin ausbilden, um möglichen Notenkäufern einen Eindruck davon zu vermitteln, was sie zu erwerben im Begriff waren.  Als Erich Bading, der sich in der Nazizeit durch flotte Sprüche in Gefahr gebracht hatte, 1952 starb, folgten Tausende Neuköllner seinem Leichenzug (siehe Foto).

Die Badings, 2. Generation

In den wenigen Wochen ihrer Herrschaft auch über Westberlin hatten die Sowjets Bading dazu angehalten, zwecks Kulturverbreitung sein Geschäft über die Ladenschlusszeiten hinaus geöffnet zu halten. In den Fünfzigern hatte das Haus noch zwischen 25 und 30 Mitarbeiter, es gab ein Orgelstudio und eine Reparaturwerkstatt. Einen punktuellen Aufschwung gab es 1974 zur Fußballweltmeisterschaft mit dem Verkauf von Farbfernsehern und nach der Maueröffnung durch den Zustrom von Kunden aus dem Osten. Von da an ging‘s bergab, aber für alte Westberliner blieb der Schriftzug über dem Laden immer ein Zeichen dafür, dass  das alte Westberlin doch noch an vereinzelten Punkten der Stadt seine Fahne hoch hielt.

Inzwischen hat die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey, würdige Nachfolgerin von Heinz Buschkowski, das Geschäft besucht, sprach von einer möglichen Crowdfunding-Kampagne zugunsten eines Wiederaufbaus, Handwerker haben ihre Dienste angeboten – und vielleicht kann man doch noch den hundertsten Geburtstag feiern. Vorerst aber steht auf den Holzplatten, die vor die zerbrochenen Scheiben genagelt wurden, nur ein die Sache auf den Punkt treffendes „Scheiße,Mensch“.

Die Familie zögert, sich zu einem Neuanfang zu entscheiden. Die Informationen zur Geschichte der Badings und die Fotos stammen aus www.neukoellner-net/zeitreisen/institution-bading Ingrid Wanja

  1. Imke Windmüller

    Das tut mir wirklich sehr leid. Auch ich habe meine allerersten Schallplatten bei Musik-Bading gekauft und war bei meinem letzten Berlin-Besuch sehr positiv überrascht, dass das
    Geschäft noch existierte. Ich hoffe, die Eigentümer erhalten jede erforderliche Unterstützung und die Täter werden gefasst.

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