Starke Eindrücke

 

Am 8.11. 2018 gab die kasachische Astana Opera ein Gastspiel im Teatro Carlo Felice in Genova mit einer für Europa absoluten Rarität, der kasachischen Nationaloper Abai aus den Federn der Komponisten Achmet Zhubanov und Latif Chamidi.

Die Astana Opera, auf Anregung des kasachischen Präsidenten gegründet, wurde 2013 eröffnet; ihr Chefdirigent Alan Buribayev hat Abai schon 2012 in einer Produktion in Deutsch an seiner ehemaligen Wirkungsstätte Meiningen in Europa präsentiert, und mit der nun in Genova gezeigten Produktion gastierte die Astana Opera 2014 auch am Théâtre des Champs-Élysées. Buribayev entstammt einer Musikerfamilie, und nicht irgendeiner – Achmet Zhubanov war sein Urgroßvater, dessen Tochter Gaziza Zhubanova war vielleicht die bedeutendste kasachische Komponistin des 20.Jahrhunderts. Zweifellos war es ein Coup, für die Neuinszenierung der kasachischen Nationaloper mit Giancarlo del Monaco einen renommierten europäischen Regisseur zu engagieren – das hat das Interesse westlicher Häuser an einem Gastspiel gewiss befördert, und das Publikum ist die Gewinnerin.

„Abai“ von der Astana Opera am Teatro Carlo Felice/ Szene/ Foto wie auch oben  Marcello Orselli

Die Oper hat ihre Wurzel in der Bühnenmusik von Zhubanov zum Stück „Abai“ des kasaschischen Autors Muchtar Auezov, der es selber zum Opernlibretto umarbeitete. Abai Kunanbayev (1845-1904) seinerseits ist eine historische Figur und gilt als einer der wichtigsten Dichter und Denker Kasachstans. So steht er auch in der Oper für ein aufgeschlossenes, man ist fast versucht zu sagen: aufgeklärtes Weltbild, womit er sich auch in der Realität erbitterte Gegner geschaffen hatte. Eine Liebesgeschichte gibt es in der Oper auch, aber Abai ist davon nur indirekt betroffen. Der Liebende ist Abais Lieblingsschüler Ajdar, den wir ganz zu Beginn der Oper mit seiner Geliebten Azhar auf der Flucht antreffen. Azhar soll nämlich der Sitte gemäß Narymbet, den Bruder ihres verstorbenen Verlobten, heiraten, den will sie aber nicht. Narymbet, sein Sippenoberhaupt Chirenshe und ihr Gefolge fangen die beiden ein und wollen sie eben an einen Pferdeschweif binden und zu Tode schleifen lassen, als Abai eintrifft und das junge Paar retten kann, indem er auf einem Gerichtsverfahren besteht. Chirenshe, der Abai hasst, willigt ein, da er sicher ist, das Recht auf seiner Seite zu haben. Als Verteidiger tritt Azim, ein anderer Schüler Abais, gegen Chirenshe an, ist ihm aber nicht gewachsen. Als Chirenshe sowohl Azim als auch dessen Lehrer Abai vorwirft, sie würden die althergebrachten Sitten unterminieren, erlaubt der Richter Syrttan Abai ausnahmsweise, auch zu sprechen, was einerseits zum Freispruch für Ajdar und Azhar führt, andererseits aber zum einem Komplott von Chirenshe und Narymbet, die beschließen, Abai zu vergiften.

Sie versuchen, Azim auf ihre Seite zu ziehen, der auf Ajdars Erfolg und Sonderstellung in Abais Achtung neidisch ist und zudem Ajdars Dichtung für aufrührerisch und gefährlich hält. Er erhält das Gift, vergiftet aber auf der Hochzeit von Ajdar und Azhar statt Abai – den Bräutigam. Nach dessen Tod wird der Mord aufgedeckt, und Azim wird von einem Pferd zu Tode geschleift. Abai prophezeiht nach Azhars und seinem Trauergesang für Ajdar dem kasachischen Volk eine bessere, freiere Zukunft.

Der sovjetischen Kulturpolitik war es bekanntlich ein Anliegen, dass jede ihrer Republiken (und jede ethnische Minderheit) ihre eigene Komponistenschule, ihre eigene am westlichen Vorbild russischer Prägung orientierte klassische Musik hervorbrachte. Die erste soundsoische Symphonie oder Oper wurde als Erfolg sowohl der Sovjetunion als auch des betreffenden Volkes registriert. Abai ist mit Uraufführungsjahr 1944 eine relativ späte Nationaloper (v.a. verglichen mit den kaukasischen Republiken, wo diese Entwicklung des Musiklebens schon vor der Revolution eingesetzt hatte), und seine musikalische Sprache ist gemessen an diesem Jahr sehr konservativ – dabei ist aber eben zu bedenken, dass die Entwicklung einer kasachischen Klassik erst unter dem Sovjetregime einsetzte (Zhubanov wie Chamidi wurden 1906 geboren). Das Stück erinnert mal an Puccini, mal an Borodin und Rimskij-Korsakov, mal (v.a. bei Begleitostinati) an Musorgskij, ist aber durchaus stilistisch konsistent, und Eigenheiten kasachischer Melodien, Rhythmen etc. meinte ich auch beim einmaligen Hören bald wiederzuerkennen. Für ein westliches Ohr (wenigstens für meins) klingt es durchaus orientalisch – klar weniger chromatisch als die kaukasische Oper, aber auch nicht so konsequent pentatonisch wie chinesische Musik. Um diese Höreindrücke kompetent einordnen zu können, fehlt mir allerdings die Kenntnis kasachischer Volksmusik – ist sie diatonischer als etwa die azerbejdschanische? Ist sie womöglich weitgehend einstimmig und sind schon die Harmonisierungen von Zhubanov und Chamidi, so passend sie auch sein mögen, ein westliches Element im Amalgam dieser Tonsprache? Die Orchestrierung ist (wie von Schülern des Petersburger Konservatoriums nicht anders zu erwarten) einfallsreich und markant. Die Szenen sind durchkomponiert, Ariosi mit ABA-Struktur, einige Duette und Ensembles sind vorhanden, aber meist ohne klaren Einschnitt in die Szene eingelegt. Kurz, die Musik ist eingängig, bühnenwirksam und für ein Publikum, das mit der Oper des 19. Jahrhunderts vertraut ist, problemlos. Der Herr vor mir, der hinterher zur Garderobiere abfällig bemerkte niente melodie, niente Cavatine, musica di professore, befand sich im Saal eindeutig in der Minderheit.

Zwei Dinge fielen mir am Libretto besonders positiv auf: Erstens die straffe Dramaturgie – die Handlung läuft zügig, aber klar ab; einzig das Hochzeitsbild wird duch Tänze und Chöre ergänzt. Die Identifizierung von Ajdars Mörder etwa geschieht verblüffend schnell: Chirenshe beschwört auf ein Buch (wohl den Koran) seine Unschuld, und als Azim das (aufgrund seines schlechten Gewissens) nicht auch tun kann, wird er unverzüglich bestraft. Das alles geschieht mit Ausnahme einiger Einwürfe des Chors ohne Text, nur mit dramatischer orchestraler Begleitung. Einzig bei Abais Schlussgesang wirkte diese Lakonik bei der Erstbegegnung etwas befremdlich: Der Epilog folgt gewiss wie viele russische Opern dem Modell von Glinkas Susanin (getragene Arie einer tiefen Männerstimme, zuversichtliche Hymne), aber der Umschlag von meditativer Trauer zu visionärer Zuversicht geschieht recht abrupt, und beide Zustände dauern überraschend kurz.

Zweitens heben sich Handlung und Thematik erfreulich stark von den durchschnittlichen sovjetischen Libretti ab – kein heroischer Befreiungskampf mit durchsichtiger Gleichsetzung der Bösen mit den Kapitalisten und der Guten mit der Arbeiterklasse nebst Liebespaar. Alt und neu und die Frage nach nationaler Identität werden da wesentlich komplexer verhandelt. Mir fällt auf die Schnelle keine andere Oper mit einer Szene wie jener hier ein, wo Abai, Azim und Ajdar das Verhältnis von Kunst/Künstlern und Gesellschaft diskutieren – wie kühn, neu darf Kunst sein, darf Dichtung aufwühlen  (dass sie es kann, darüber sind sich alle drei einig)? Azims Mord an Ajdar geht ein differenziertes Aufzeigen seiner Dilemmata voraus – es sind sein beruflicher Neid, aber auch sein Glaube an die Gesetze und seine Sorge um Frieden im Clan, die ihn zu der Tat treiben, nicht etwa, dass er auch in Azhar verliebt wäre. Das Gerichtsverfahren wiederum folgt komplexen Regeln (die wohl authentisch sind) und ist ein eminent bühnenwirksamer 2. Akt.

Die Wichtigkeit von Frieden in dieser Gesellschaft fällt auch auf – bloß keine Unruhe, keinen Zwist! Azhar und Ajdar sind moralisch nicht etwa im Unrecht, weil sie die Ehren ihrer Familien, sondern den Clanfrieden gefährden. Auch hier weiß ich viel zu wenig über Kasachstan, um die Authentizität beurteilen zu können.

Natürlich steht das Volk in der Oper stets instinktiv auf der richtigen, gerechten Seite, hört auf den – beinahe würde man sagen: Aufklärer Abai. Im Gerichtsverfahren konsultiert aber Syrttan für sein Urteil auch den Volkswillen. Wieviel Sovjetideologie da mit wieviel kasachischer Tradition verbunden ist, bleibt wieder schwer abzuschätzen, es handelt sich aber nicht um platte Propaganda. Dadurch dürfte das Stück (neben der prächtigen Musik) auch für westliche Bühnen absolut interessant sein.

 

„Abai“ von der Astana Opera am Teatro Carlo Felice/ Szene/ Foto von der Aufführung der  Astana Opera in Kasachstan 2012/ Astana Opera

Nun aber zur Produktion. Die Bühnenbilder von Ezio Frigerio und die Kostüme von Franca Squarciapino sind farbintensiv und wunderbar anzuschauen; einen großen Anteil daran haben auch die Videoprojektionen von Sergio Metalli, die Hintergründe wie aus einem Kostümfilm beisteuern. Ob da im Vergleich zu einer traditionellen kasachischen Inszenierung doch einiges optisch reduziert ist, entzieht sich abermals meiner Beurteilung. Giancarlo del Monaco und sein beratender Koregisseur Yesmukhan Obayev (der Abai selbst schon inszeniert hat) führen auch die Personen konventionell, es wird gelegentlich in Sängerposen herumgestanden, aber wenigstens mit Ausdruck, und Handlung und Personen werden klar erzählt. Der auf uns zufliegende Falke zu den Schlusstakten mag (obgleich Azhar zuvor den toten Ajdar ihren Falken nennt) etwas des Guten zu viel sein, aber seien wir nicht kleinlich. Die Produktion hat schließlich aufs mit dem Stück vertraute Publikum in Astana und auf Verständlichkeit für ein Gastspielpublikum Rücksicht zu nehmen.

Sundet Baigozhin in der Titelpartie ist eine Wucht. Sein klangschöner Bariton strömt mit einer seltenen Ebenmäßigkeit, noch in der Höhe und da selbst im Piano entspannt; zugleich verfügt er mühelos über geforderten Stimmumfang und Volumen und hätte gewiss auch im westlichen Repertoire großen Erfolg (Boccanegra?). Abais besonnene Autorität nimmt man ihm sofort ab, ohne dass die Figur dadurch langweilig würde, und auch in den wenigen humoristischen Momenten (wenn er Kokbai für sein ungeschicktes Flirten hochnimmt) überzeugt er. Nurlan Bekmukhambetov besitzt für Ajdar einen ebenfalls bis in die (in der Partie geforderten) Höhen lockeren, schön gerundeten Tenor von strahlendem Schmelz, mit dem er den Liebenden wie den Leidenden gleichermaßen elegant singt. Sein Lied auf der Hochzeitsfeier, in dessen 3. Strophe das Gift zu wirken beginnt, ist ein weiterer Höhepunkt des Stücks. Maira Mukhamkedkyzy (Azhar) gestaltet mit klarem, etwas verhangenem, aber reizvollen Sopran die Arie im 1. Akt besonders schön, gefällt aber nach einem nicht ganz sauberen Einstieg im 1. Bild rundum. Tatjana Vitsinskaja lässt in der kleineren Rolle der Karlygash einen dunklen, ansprechend persönlich gefärbten Mezzo hören. Beimbet Tanarykov überzeugt als hin- und hergerissener Azim (dessen Bestrafung sehr hart ausfällt, wenn man bedenkt, dass Chirenshe trotz Giftkomplott gegen Abai ungeschoren davonkommt), für den er einen etwas rauchigen, weit im Hals sitzenden, aber zur Figur passenden Tenor einsetzt (oder hört man da Folgen der durchdringenden Verzweiflungsschreie bei seiner Hinrichtung?). Der einzige Sänger, der mir wenigstens von Aufnahmen schon ein Begriff war, ist der armenische Bass Barseg Tumanyan, der für den blinden alten Richter Syrttan einen auch live herrlich mächtigen, schwarzgepanzerten Bass und eine famose Bühnenpräsenz mitbrachte. Angemessen herrisch im Gehabe und mit dunklem, großem Bariton Evgeniy Chainikov als Abais verbissener Hauptgegner Chirenshe. Als dritter Abai-Schüler Kokbai erfreute Talgat Galeyev mit lyrischem Bariton und gut gemeistertem Wechsel von komischer Figur zum entschlossenen Ankläger Chirenshes nach Ajdars Tod. Den verschmähten Ersatzbräutigam Narymbet zeichnete Ramzat Balakishiyev aus dem Opernstudio von Astana mit durchschlagskräftigem Tenor; sein Studiokollege Chyngys Rassylkhan sollte seinen Bass noch verfeinern, aber für den grobschlächtigen Handlanger Mes passte es gut. Yerzhan Dautov hat den prächtigen, spielfreudigen Chor einstudiert; die gewiss traditionelle Choreographie des Balletts im Hochzeitsbild stammt von Tursynbek Nurkaliyev und Galiya Buribayeva. Auch das Orchester unter Alan Buribayev konnte in den Tänzen noch einmal besonders aus dem Vollen schöpfen, war aber mit Farbreichtum, Sensibilität und Energie stets präsent. Natürlich fehlen mir auch hier die Vergleiche, aber dass Buribayev mit seinem Orchester  und den Sängerinnen und Sängern ein überzeugendes Plaidoyer für Abai hingelegt hat, daran kann kein Zweifel bestehen. Der Musik und den interessanten Figuren würde ich gern bald wieder begegnen, und wie auch die Begeisterung zeigte, mit der hinterher im Foyer die Sängerinnen mit Programmheften und Kameras bedrängt wurden, bin ich da nicht allein. Samuel Zinsli